Sind Hebammen für den Tod eines Kindes verantwortlich?

Die Zürcher Justiz eröffnet eine Strafuntersuchung gegen Mitarbeiterinnen des Geburtshauses in Bäretswil.

Mitarbeiterinnen des Geburtshauses Zürcher Oberland sollen ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben: Badewanne für Wassergeburt in Bäretswil.

Mitarbeiterinnen des Geburtshauses Zürcher Oberland sollen ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben: Badewanne für Wassergeburt in Bäretswil. Bild: Moritz Hager

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Es geht um einen tragischen Fall. Anfang 2018 kam es im Geburtshaus Zürcher Oberland in Bäretswil zu Komplikationen bei einer Entbindung. Die Mutter wurde ins Spital Wetzikon überführt, wo das Neugeborene nach einem Kaiserschnitt starb.

Ein externes Gutachten, das die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte, ergab, dass sich die Mitarbeiterinnen des Geburtshauses mit ihrem Verhalten möglicherweise strafbar gemacht haben.

Deshalb wollte die Strafverfolgungsbehörde ermitteln. Das darf sie aber nur, wenn das Obergericht sein Einverständnis gibt (lesen Sie hier mehr zum Fall Geburtshaus). Der Grund ist, dass die Angestellten des Geburtshauses als Amtspersonen gelten – sie haben einen Leistungsauftrag des Kantons. Diese Ermächtigung liegt nun vor, wie die NZZ meldet. Die Oberstaatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung. Es droht also eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen.

«Kein Notfall»

Das Geburtshaus wehrt sich gegen die Vorwürfe: Die Hebammen hätten die Mutter nicht zu spät nach Wetzikon verlegen lassen. Der Entscheid sei nach einem fünfstündigen Geburtsstillstand erfolgt, wobei bis zu acht Stunden vertretbar seien, wie eine Sprecherin der NZZ sagte. Es habe sich nicht um einen Notfall gehandelt. Die Spitalärzte hätten sich auch erst nach 50 Minuten für einen Kaiserschnitt entschieden. Ausserdem seien die Herztöne des Kindes nach der Verlegung ins Spital noch unauffällig gewesen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Zweifel am grössten Geburtshaus der Schweiz im Raum stehen. Der Kanton hat die Bäretswiler Institution, in der 2018 310 Kinder auf die Welt gekommen sind, im August auf eine Art Watchlist gesetzt. Der Leistungsauftrag, der kantonale Gelder garantiert, besteht nicht mehr unbefristet. Er ist – nach einer Meldung des Spitals Wetzikon und einer Überprüfung von 20 Fällen von in Spitäler verlegten Müttern oder Kindern – bis Ende 2020 befristet worden.

Geburtshaus unter Druck

Das Geburtshaus habe seinen Auftrag «seit längerer Zeit bewusst verletzt», heisst es im Entscheid des Regierungsrats. Es bestünden «klare Hinweise auf erhebliche organisatorische und strukturelle Mängel, aufgrund deren die Behandlungsqualität gegenwärtig infrage gestellt ist». Implizit wirft der Regierungsrat dem Haus riskantes Verhalten vor.

Das Geburtshaus muss sich nun bewähren und beweisen, dass es seine Kommunikation und Kooperation mit den Spitälern bis Ende 2020 «nachhaltig verbessert». Ansonsten droht der Entzug des Leistungsauftrags per Anfang 2021. Dann könnte das Geburtshaus auch nicht mehr über die Grundversicherung abrechnen.

(pu)

Erstellt: 21.11.2019, 14:52 Uhr

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