Gläubige SVPler zahlen lieber direkt an Bischof Huonder

Natalie Rickli und weitere Zürcher SVPler sind aus der katholischen Kirche ausgetreten – aus politischen Gründen.

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Die Namen lassen aufhorchen: Regierungsratskandidatin Natalie Rickli, Nationalrat Claudio Zanetti, Blocher-Schwiegersohn Roberto Martullo. Sie alle speisen einen Solidaritätsfonds des Churer Bischofs Huonder und bezahlen im Kanton Zürich keine Kirchensteuern mehr. Was das latent gereizte Klima zwischen Chur und Zürich weiter verschlechtert. Aus politischen Gründen aus der Kirche ausgetreten ist auch Nationalrat Mauro Tuena. Alle vier SVP-Politiker bezeichnen sich als gläubig und der katholischen Kirche eng verbunden. Doch sie stören sich an politischen Äusserungen der Staatskirche.

Die Diskussion um die politische Einflussnahme der Kirchen hat wieder an Aktualität gewonnen, seit sich auch CVP-Präsident Gerhard Pfister öffentlich daran stört, dass sich Kirchenvertreter in Abstimmungskämpfe einmischen. Statt Parolen zu liefern, sollten sie sich auf ihr ethisches Kerngeschäft besinnen, so Pfister. Die Einflussnahme von der Kanzel herab sei «ein tiefer Rückfall ins Mittelalter».

So hat Pfister zusammen mit Theologen und Politikern – darunter auch Zanetti – vor zwei Wochen den Thinktank «Kirche/Politik» gegründet, um die Kirchen in die Pflicht zu nehmen.

«Jetzt reicht es mir»

Aktuell ist die Kirchenfrage nicht zuletzt im Zwingli-Jubiläumsjahr. Im eben angelaufenen Film «Zwingli» wird gezeigt, wie der Reformator auf Augenhöhe mit dem Stadtrat verhandelte oder wie sein Engagement gegen die Reisläuferei zu einer Triebfeder für die Reformation wurde. Zwingli war hochpolitisch.

«Die Kirche muss im Gegensatz zu einer Partei für alle Menschen da sein», sagt Natalie Rickli, die mögliche neue Zürcher SVP-Regierungsrätin. «Jetzt reicht es mir», schrieb sie vor gut zwei Jahren an Bischof Charles Morerod, den Präsidenten der Schweizerischen Bischofskonferenz. «Ich bleibe katholisch, ich glaube weiterhin an Gott, aber ich trete aus der römisch-katholischen Körperschaft aus.» Eine Organisation, die Andersdenkende ausgrenze und verunglimpfe, entspreche nicht ihrem Verständnis des Christentums.

Bezahlt nun einen Solidaritätsbeitrag an das Bistum Chur: Natalie Rickli, SVP-Nationalrätin. Foto: Keystone

Grund für den Austritt war ein Blog von Charles Martig, dem Direktor des Katholischen Medienzentrums Zürich, im Zusammenhang mit Ricklis Kampf für die «No Billag»-Initiative. «Ce n’est pas très catholique», schrieb Martig, denn die «zerstörerische Kraft» gegen die öffentlich-rechtlichen Medien schwäche auch den kirchlichen Service public. Seit ihrem Austritt bezahlt Rickli einen «Solidaritätsbeitrag», wie sie sagt, direkt in einen Fonds des Bistums Chur. Die katholische Kirchgemeinde Winterthur und die römisch-katholische Körperschaft des Kantons Zürich erhalten von Rickli keinen Franken mehr, obschon sie weiterhin Mitglied der katholischen Weltkirche ist.

Kirchenrecht verlangt bloss «materielle Solidarität»

Keine Kirchensteuern zu bezahlen, ist legal, wie das Bundesgericht 2012 festgestellt hat. Man muss aus Gründen der Religionsfreiheit aus der staatskirchenrechtlichen Organisation austreten können, wenn man zwar der Kirche angehören will, die weltlichen Organisationen des Katholizismus aber ablehnt. Die katholische Kirche als solche erhebt für die Mitgliedschaft keine Steuern. Das Kirchenrecht verlangt bloss «materielle Solidarität», überlässt die Art und Weise, wie diese geübt wird, aber dem Ermessen der Gläubigen.

Mitglieder, die aus der staatlichen Körperschaft ausgetreten sind, dürfen weiterhin in der Kirche heiraten, beichten, sich taufen und begraben lassen.

Mitglieder, die aus der staatlichen Körperschaft ausgetreten sind, erhalten trotzdem «uneingeschränkten Zugang zum Leben der Kirche und zu den Sakramenten», wie das bischöfliche Ordinariat in Chur schreibt. Sie dürfen also weiterhin in der Kirche heiraten, beichten, sich taufen und begraben lassen.

Die direkten Beiträge in den Solidaritätsfonds der Diözese Chur seien «momentan am Steigen», sagt Bistumssprecher Giuseppe Gracia. Der Jahresbericht von Generalvikar Martin Grichting weist rund 105'000 Franken aus. Die Gelder werden für das Infoblatt des Bistums, für Jugendarbeit und Behindertenseelsorge verwendet.

Gracia erklärt die Zunahme so: «Viele stören sich an der gegen den Diözesanbischof gerichteten Politik kantonaler staatskirchenrechtlicher Körperschaften und einseitigen politischen Stellungnahmen von Vertretern des staatskirchenrechtlichen Systems.» Das untergrabe die Mündigkeit der Gläubigen in politischen Fragen. Chur habe Verständnis für diese Reaktionen, Bischof Huonder fördere die Austritte aus kantonalen Körperschaften jedoch nicht.

Zerstritt sich mit der Kirchenpflege: Roberto Martullo, Gatte der SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher. Foto: Keystone

Vor einem Jahr Knall auf Fall aus der katholischen Kirchgemeinde Meilen ausgetreten – und das als amtierender Kirchenpfleger – ist Roberto Martullo, der Ehemann von Ems-Chefin und SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher. Auslöser für den Austritt war ein Streit um die Senkung des Kirchensteuerfusses. Vor allem aber sei er aus der Kantonalkirche ausgetreten, weil deren Leitung immer gegen den Bischof von Chur schiesse, um die Spaltung des Bistums zu provozieren. Martullo bezeichnet sich weiterhin als «gläubigen Katholiken». Die Staatskirche habe auch ohne ihn «sehr viel Geld», allein durch die Administration würden dort «Millionen verpufft».

Anleitung zum Austritt

Aus der katholischen Körperschaft ausgetreten ist auch SVP-Nationalrat und Klosterschüler Claudio Zanetti. Ihn störte 2004 die Aussage von Weihbischof Peter Henrici, ein guter Christ könne nicht SVP wählen. «Ich will die politischen Hetzereien von Kirchenvertretern nicht auch noch finanzieren.»

Gibt auf seiner Website eine Anleitung zum Kirchenaustritt: SVP-Nationalrat Claudio Zanetti. Foto: Keystone

Auch Zanetti bezahlt jährlich einen Beitrag direkt an den Churer Bischof Huonder, der «ein hervorragender Bischof» sei und im Sinne der Kirche in Rom handle. Auf seiner Website gibt Zanetti gar eine Anleitung zum Kirchenaustritt. SVP-Nationalrat Mauro Tuena trat schon 1991 als Jung-SVPler aus der Kirche aus, als das Friedensdorf Flüeli-Ranft sieben kurdische Flüchtlingsfamilien versteckte.

Katholisch ist auch SVP-Nationalrat und -Vizepräsident Gregor Rutz. Er ärgerte sich zwar, als Franziska Driessen, die frisch gewählte Zürcher Synodalpräsidentin, im letzten Mai das Henrici-Zitat auffrischte, man könne als Christ nicht SVP wählen. «Wegen solcher Aussagen trete ich aber nicht aus der Körperschaft aus», sagt Rutz, «es ist wichtig, dass man dort auch seine Meinung sagt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2019, 06:26 Uhr

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