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So gut getarnt, dass es jeder sieht

Dieses Zürcher Anwesen will ganz unübersehbar nicht gesehen werden. Und zieht gerade dadurch unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Unweit der Stadt Zürich gelegen: Ein Wanderweg führt direkt an dieser grünen Festung vorbei.
Unweit der Stadt Zürich gelegen: Ein Wanderweg führt direkt an dieser grünen Festung vorbei.

Geld kitzelt furchtbar fest. Mit Geld im Sack still zu halten, sodass keiner den eigenen Reichtum bemerkt: fast unmöglich. Geld will erkannt werden. Wie wir selbst. Und wen wunderts? Geld ist dem Wesen nach nichts anderes als in Metall und Papier gebannte Arbeit. Sprich: Menschenenergie. Tief drin im Kern der monetären Abstraktion zuckt und schnauft und frisst und tanzt und schreit der Geist von Millionen nach Entfesselung.

Man müsste schon Chuck Norris sein, um das zu überhören und diesem Impuls zu widerstehen. Gesegnet mit der Härte, genau einen Kartoffelchip essen zu können und dann die Chipstüte zu schliessen. Aber niemand ist Chuck Norris, nicht mal Chuck Norris selbst. Aufgeflogene Bankräuber könnten ganze Bluesfestivals veranstalten mit Klageliedern darüber. Nur einen klitzekleinen Porsche kaufen, wer wird den schon bemerken?

Eine Festung aus Hecken

Wir wollen deshalb nicht zu hart urteilen über das, worauf wir bei einem ausgedehnten Spaziergang über Zürichs Stadtgrenzen hinaus gestossen sind. Der Weg hatte gerade den Waldrand erreicht, als sich rechts davon unvermittelt eine zyklopische grüne Mauer erhob. Akkurat getrimmt, etwa drei Meter hoch und mehrere Hundert Meter lang, vor- und zurückspringend, wie eine Festung bei Verdun, aber aus dichtem Buschwerk statt aus Stein. Das bombensichere Zugangstor mit Kamera hätte es gar nicht mehr gebraucht: Hier wollte jemand oder etwas ganz unübersehbar nicht gesehen werden.

Aus der Natur kennt man ja das Konzept der Mimese. Das wandelnde Blatt, das für Räuber kaum als Insekt zu erkennen ist. Aber diese Hecke? Sie wäre als Tier längst der natürlichen Selektion zum Opfer gefallen. Sie machte uns überhaupt erst neugierig auf etwas, was uns ohne Tarnung wohl gar nicht aufgefallen wäre. Also studierten wir Satellitenbilder und entdeckten eine Struktur, die entfernt an Camp David erinnert. Wir fühlten uns ein wenig wie russische Spione.

Die Antwort auf all unsere Fragen ist natürlich ernüchternd zürcherisch. Sie hat mit einer schwerreichen Familie und der Finanzbranche zu tun. Wir hörten im Dorf ein paar Geschichten aus der Abteilung «Diskretion und Zurückgezogenheit». Aber weil wir freundlich gebeten wurden, der Sicherheit der Familie zuliebe nichts über das Haus zu schreiben, verzichten wir für einmal sogar auf eine Ortsangabe und schliessen mit einem Gemeinplatz der Baugeschichte: Manchmal wäre weniger vielleicht wirklich mehr.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

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