So können Familienväter zu Mördern werden

In Affoltern am Albis tötet ein Mann seine Frau, die beiden Söhne und sich selbst. Ein Kriminalpsychologe erklärt, was mögliche Motive hinter solchen Fällen sind.

In diesem Mehrfamilienhaus in Affoltern am Albis hat am 19. Juli ein Vater seine Frau und seine zwei Söhne ermordet.

In diesem Mehrfamilienhaus in Affoltern am Albis hat am 19. Juli ein Vater seine Frau und seine zwei Söhne ermordet. Bild: Ennio Leanza

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Jens Hoffmann, am vergangenen Freitag hat ein Mann seine Frau und die zwei Söhne ermordet und anschliessend Suizid begangen. Was bringt einen Vater zu einer solchen Tat?
Dafür gibt es unterschiedliche Motive. Oftmals haben die Täter zuvor in einer Krise gesteckt – beispielsweise am Arbeitsplatz, oder weil sie sich in eine andere Frau verliebt haben. Sie können an einen Punkt gelangen, an dem sie glauben: Wenn sie selbst untergehen, soll auch gleich die ganze Welt mit ihnen versinken. Manche gelangen zur Überzeugung, dass mit ihrem Untergang auch das Leben der Familie nicht mehr lebenswert sei. Und so seltsam es klingen mag, manchmal folgen Täter auch einer Fantasie, dass im Jenseits alles gut und die Familie da in Frieden wieder vereint sein wird.

Gibt es Anzeichen, die auf eine solche Krise und die Gefahr einer Tat hinweisen?
Generell suchen die Täter in ihren Konfliktsituationen selten das Gespräch, sind nicht gut verankert und machen Dinge vermehrt mit sich selbst aus. Eines Tages stehen sie dann an diesem Alles-oder-nichts-Punkt. Es kann sein, dass sie gegen aussen Andeutungen machen. Dies können beispielsweise Aussagen sein wie «Es ist wichtig, dass wir als Familie bis ans bittere Ende zusammenhalten» oder «Ihr werdet sehen, ich werde meine Probleme auf eine überraschende Art und Weise lösen». Solche verschlüsselten Andeutungen sind aber unglaublich schwer zu erkennen und werden meist erst im Nachhinein richtig gedeutet.

Gibt es denn gar kein Täterprofil?
Man spricht in diesem Zusammenhang eher von Dynamiken, und hiervon gibt es nunmal verschiedene. In der Regel ist es so, dass es bei Tätern von Homizid-Suiziden ein subjektives Gefühl von Ausweglosigkeit gibt. Dann gibt es aber auch Täter, die generell eine höhere Gewaltbereitschaft aufweisen. Für sie ist Gewalt, sei es innerhalb oder ausserhalb der Beziehung, bereits als Mittel vertraut, und so kann es sein, dass bei ihnen die Hemmschwelle zu einem Mord geringer ist. In seltenen Fällen kann es auch sein, dass jemand an einer Psychose erkrankt ist. Innerhalb dieser gestörten Realitätswahrnehmung kann ein Täter beispielsweise zu der Überzeugung gelangen, dass er den Befehl erhalten habe, seine Familie umzubringen.

Gibt es eine Entwicklung zu einer solchen Tat hin?
Die Forschung und Einzelgespräche mit Tätern haben gezeigt, dass das Nachdenken über einen Homizid-Suizid mit der Zeit zunimmt. Erst ist da etwa ein einzelner Gedanke, der zugelassen wird. Dieser kann in der Krise eines Täters etwas Tröstendes haben – aber der Täter macht sich damit selber etwas vor. Vermehrt nimmt eine egoistische Sicht auf die Situation überhand, er entfernt sich von der objektiven Realität. In diesem Verhalten gibt es Ähnlichkeit zu jenem bei Suiziden.

«Männer weisen eine stärkere Bereitschaft auf, gewalttätig zu handeln.»

Inwiefern?
Früher ging man bei Menschen, die einen Suizid begehen, noch davon aus, dass sich ihre Aggression einzig gegen sich selbst richtet. Doch mittlerweile weiss man, dass bei ihnen auch Aggression gegen andere eine Rolle spielt. Solche Menschen können Dinge denken wie «Hätten die mal früher besser auf mich geschaut, dann wäre das alles nicht passiert». In diesem Aggressionspotenzial gibt es Überschneidungen zwischen Suizid und Homizid-Suiziden.

Warum sind Männer statistisch gesehen anfälliger für solche Homizid-Suizide?
Einmal lässt sich festhalten, dass der Männeranteil bei schweren Gewalttaten generell deutlich höher liegt. Männer weisen eine stärkere Bereitschaft auf, gewalttätig zu handeln. Bei Homizid-Suizid-Fällen spielt das Identitätsbild eine entscheidende Rolle: Sieht sich der Täter beispielsweise als Handelnder, der alles im Griff hat, kann eine Kränkung dieses Selbstverständnisses Ausweglosigkeit provozieren. Oder ein Täter versteht die Familie als Teil von sich selbst und weitet deshalb die eigenen Suizidgedanken aus.

Worin liegt der Unterschied zwischen Frauen und Männern, die eine solche Tat begehen?
Wie erwähnt, führt bei Männern häufiger eine Art Identitätsbedrohung zum Homizid-Suizid. Wenn Frauen ihre Kinder und sich selbst töten, geschieht dies eher aus der Vorstellung heraus, dass diese es ohne die Mutter sowieso nicht schaffen würden. Sie erhoffen sich von der Tat ein Gefühl von Erlösung; für die Kinder und für sich selbst. Ihre verengte Sichtweise auf die eigenen Probleme ist auch häufig von Depressionen begleitet. Wie bei Männern gibt es aber auch bei manchen Frauen die Hoffnung, im Jenseits wieder glücklich als Familie vereint zu sein.

Inwiefern spielt die Verfügbarkeit einer Waffe – beispielsweise das Militärgewehr – für den Schritt zu einer solchen Tat eine Rolle?
Generell kann eine Schusswaffe die Hemmschwelle zu einer Tat verringern. Doch damit will ich keinesfalls unterstellen, dass jemand mit einer Waffe automatisch solche Tendenzen aufweist. Vielmehr spielt es eine zentrale Rolle, inwiefern die Schusswaffe Teil der Identität eines Täters ist. Wenn die Schusswaffe zu ihm gehört, ein Teil seines Selbstbildes ist – beispielsweise als starker Mann, der alles lösen kann –, dann ist der Schritt zu einer solchen Tat naheliegender, als wenn er die Waffe als Mittel zur Selbstverteidigung sieht.

Was liesse sich aus Ihrer Sicht für die Prävention solcher Taten tun?
Die Kantone tun bereits vieles, um solche Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Es ist sicher sinnvoll, wenn verschiedene Ansprechpartner, wie beispielsweise Ärzte oder Seelsorger, immer wieder gemeinsam Risikofaktoren und Warnsignale besprechen. Es gibt niederschwellige Anlaufstellen, bei denen man auch einmal eine Beobachtung mitteilen kann ohne gleich jemanden anzuschwärzen oder zu verpfeifen.

Erstellt: 23.07.2019, 16:10 Uhr

Jens Hoffmann

Der Kriminalpsychologe leitet das Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt (DE). Daneben steht er Behörden und Unternehmen als Berater zur Verfügung. (Bild: PD)

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