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«So können Sie beurteilen, ob jemand Blödsinn erzählt»

Wer versteht schon unser Gesundheitswesen? Nicht einmal die Politiker, glaubt der Experte Werner Widmer.

Marius Huber
Direktor der Stiftung Diakoniewerk ­Neu­münster, VR-Präsident des Kantonsspitals Baselland: Werner Widmer. Foto: PD
Direktor der Stiftung Diakoniewerk ­Neu­münster, VR-Präsident des Kantonsspitals Baselland: Werner Widmer. Foto: PD

Herr Widmer, Sie haben es schwer: Jeder interessiert sich für die Gesundheit, aber beim Gesundheitswesen löscht es den meisten ab.

Das Gesundheitswesen scheint tatsächlich vielen zu komplex, aber es ist sehr bedeutend: Jeder Neunte bezieht in der Schweiz sein Einkommen daraus. Es müssen ja nicht alle Leute den Durchblick haben, aber zumindest jene, die wichtige Entscheide treffen, sollten schon verstehen, worum es geht.

Sie versprechen den Durchblick. Aber Ihr Buch hat immer noch 60 Seiten – geht es nicht kürzer?

Ich glaube nicht. Das ist wirklich ein Konzentrat aufs Wesentliche des Wesentlichen.

An wen richtet sich das?

Grundsätzlich an alle, aber ich habe primär an Politiker gedacht, die sich dieses Jahr im Wahlkampf befinden. Den meisten tut eine solche Schnellbleiche gut, weil sie nicht viel vom Thema verstehen.

Wie würde ich konkret von der Lektüre profitieren?

Sie würden Nachrichten über das Gesundheitswesen besser verstehen und könnten beurteilen, ob jemand einen Blödsinn erzählt oder ob es Hand und Fuss hat.

Was muss jeder wissen?

Viele verstehen den Unterschied nicht zwischen den Kosten und der Finanzierung dieser Kosten. Auf der einen Seite die Löhne, die Spitäler, die Medikamente. Auf der anderen die Krankenkassenprämien und die Steuern. Wenn wir die Prämien verbilligen, ändert das an den Kosten gar nichts, man verteilt nur die Finanzierung anders. Wichtig ist auch, zu verstehen, dass die Finanzierung stark solidarisch funktioniert: Reiche zahlen mehr als Arme, Gesunde übernehmen die Kosten der Kranken. Deshalb dürfen die von der Gesellschaft finanzierten Kosten nicht stärker wachsen als die Einkommen, sonst strapazieren wir diese Solidarität. Bis zum Punkt, wo die Leute nicht mehr zu zahlen bereit sind.

Statt Erklärbücher zu verfassen, würde man doch gescheiter das Gesundheitswesen vereinfachen, damit es die Leute verstehen.

Klar, wenn das möglich wäre. Aber viel einfacher geht es wohl nicht. Gesundheit an und für sich ist ja schon sehr kompliziert, wir können uns nicht mal auf eine gemeinsame Definition einigen. Zudem tummeln sich sehr viele Akteure in diesem Feld, das macht es kompliziert.

Macht man es nicht mit Kalkül kompliziert? Je weniger die Leute verstehen, desto besser läuft das Milliardengeschäft.

Diese Vermutung höre ich häufig, und ich kann sie nicht widerlegen. Tatsache ist: Alle, die daran verdienen, haben kein Interesse, die Kosten zu senken. Darum will ich Transparenz schaffen.

Wer garantiert, dass Ihre Darstellung nicht einseitig ist? Sie arbeiten unter anderem für zwei Spitäler.

Ich bin ein gut informierter Insider und arbeite bei verschiedenen Akteuren. Und vor meinen Studenten an der HSG würde ich mich extrem blamieren, wenn das Büchlein einseitig und wenig fundiert wäre.

Müsste ein solches Bändchen nicht gratis verteilt werden, damit es wirklich seine ­Wirkung erzielt?

Wir verschicken immerhin rund 3500 Exemplare an Politikerinnen und Politiker. Und der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger hat 150 Exemplare für seine Mitarbeiter bestellt.

Weil sie das Gesundheitswesen selbst nicht mehr verstehen?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber offenbar können auch sie daraus noch etwas lernen.

Müsste man heutzutage nicht einen Youtube-Film drehen, statt ein Buch zu schreiben?

Daran haben wir bis jetzt nicht gedacht. Aber wenn das jemand machen will, darf man bei mir gerne abschreiben und kopieren. Hauptsache, das Wissen über das Gesundheitswesen nimmt zu.

Werner Widmer, Roland Siegen­thaler: Durchblick im Gesundheitswesen. Careum, 60 S., ca. 18 Fr.

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