So laut sind die neuen Abflüge nach Süden

Die neuen Südstarts vom Flughafen Zürich sind umstritten. Unsere Grafiken und Berechnungen zeigen, wie laut sie über den Gemeinden sind.

In den Gemeinden im Süden des Zürcher Flughafen herrscht grosse Verunsicherung aufgrund der neu geplanten Starts bei Bise und Nebel. Die Routen führen neu von der Flughafenpiste 16 geradeaus über den Pfannenstiel. Es geht um rund 13'000 Abflüge im Jahr.

Unsere Infografiken geben einen Eindruck, wo und in welcher Höhe die Flugzeuge über die Dächer der Fluglärmbetroffenen fliegen werden. Zudem hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Zusammenarbeit mit der Akustikabteilung der Empa eruiert, wie stark die Flieger in diversen Ortschaften zu hören sein werden. Dazu haben wir zwei der neuen Routen ausgewählt. Zum Vergleich ist die leicht abgeänderte Route der heutigen Südabflüge über Wallisellen aufgeführt sowie die heutigen Landungen aus Süden.

Die Route Zürcher Oberland: Neuer Fluglärm für Uster

Über die Hälfte der neuen Südstarts, etwa 7100 Flüge, soll über Opfikon, Zürich-Schwamendingen und Gockhausen nach Osten erfolgen. Eine der fünf Routen führt über Fällanden, den Greifensee und den Norden Usters und Pfäffikons nach Russikon und Turbenthal. Für unser Fallbeispiel haben wir den A 320 gewählt. Dieser Flugzeugtyp wird voraussichtlich am häufigsten übers Oberland fliegen. In Schwamendingen hat der Flieger bereits eine Höhe von 1000 Metern erreicht, der Jet erzeugt dort 74 Dezibel (dB). Das entspricht Verkehrslärm – etwas, das die Schwamendinger zur Genüge kennen. Zwischen den Dächern des entfernteren Fällanden und dem Airbus haben aufgrund der höheren Lage immer noch 1100 Meter Platz, der Dezibelwert sinkt auf 72,5 dB. In Uster und Pfäffikon (1600 Meter) ist es noch 67 dB laut – wie wenn der Fernseher läuft.


Die Zürichsee-Route: Mehr Jets über dem Pfannenstiel

Jeder zehnte neue Südabflug (1300) soll geradeaus über dem Pfannenstiel bis auf die Höhe von Männedorf düsen und dann nach Süden über den Zürichsee Richtung Albiskette abdrehen. Hier haben wir als Flugzeug die Fokker 70 gewählt. Sie ist neben dem A 320 das gängiste Flugzeug und etwas weniger lärmig als Letzterer. Dennoch erzeugt die F 70 im Opfiker Teil Glattbrugg auf 300 Metern Höhe über 84 dB. Das ist sehr laut und entspricht etwa dem Lärm drei Meter von einer stark befahrenen Strasse entfernt, ein Gespräch ist fast unmöglich. In Gockhausen beträgt der Lärmpegel 69 dB, in Männedorf noch 62 dB. Das ist wie das Rauschen des Meeres. Alle 13 000 zusätzlichen Südstarts führen übrigens über Opfikon, das klar am meisten mehrbelastet wird. Schon heute donnern 14 000 startende Maschinen über der Glattalstadt.


Neuer Start im Normalbetrieb: Der Lärm streift Winterthur

Heute starten am Tag vor allem die grossen und schweren Maschinen wie der Airbaus 380 auf der Südpiste 16. Denn die Hauptstartpiste 28 nach Westen ist zu kurz für sie. Neu wird der Kurvenradius grösser als aktuell, die Route führt fast bis nach Winterthur. Den A 380 gab es in Kloten noch nicht, als die Empa für den Bund den Lärm fürs künftige Flugregime berechnet hat. Deshalb dient die Boeing 777 hier als Beispiel. Sie ist mit über 5000 Starts auch das mit Abstand am häufigsten auf der Piste 16 startende Flugzeug. In Wallisellen, wo die «Triple Seven» 600 Meter über dem Boden fliegt, ist der Lärm mit über 81 dB noch beträchtlich. Über dem Dättnauerberg im Westen Winterthurs lässt die B 777 noch knapp 75 dB von sich hören. Das ist immer noch die Lautstärke eines Staubsaugers in einem Meter Abstand. In Embrach hört man noch gut 72 dB.


Die Landung aus Süden: Tiefflug über Gockhausen

Der Aufstand war riesig in Gockhausen, der Forchregion und der Goldküste, als im Herbst 2003 die ersten Landungen von Süden her erfolgten. Fünf Jahre zuvor hatte noch niemand in dieser Gegend auch nur im grössten Albtraum mit Fluglärm gerechnet. Am ersten Morgen versammelten sich hunderte Betroffene auf dem Schulhausplatz von Gockhausen, sie lauschten um 6 Uhr früh dem ersten Flieger – einem Swiss-Airbus 319, der aus dem libyschen Tripolis kam – und pfiffen und reckten die Fäuste. Einige richteten auch Scheinwerfer in den Nachthimmel. 78 Dezibel laut ist ein anfliegender A 320 heute im Dübendorfer Ortsteil. Das ist, wie wenn ein Telefon gleich neben einem läutet. Wenige Sekunden zuvor, in der Gegend von Männedorf/Bergmeilen ist es weniger laut, der Lärmpegel steht noch bei knappen 65 dB, wenn die Maschine im Landeanflug steht. Immerhin kann man sich noch einigermassen normal unterhalten, die Lautstärke entspricht etwa jener in einem Restaurant. Für die Grafik haben wir die Route von Norden her gewählt. Die Jets fliegen bei Banken über den Rhein und machen über dem Zürcher Oberland eine 180-Grad-Rechtskurve. Fast 9000 Anflüge werden so abgewickelt. Knapp 8000 Flugzeuge kommen über die Südroute. Sie überfliegen Horgen oder Wädenswil und fädeln über Männedorf Richtung Kloten ein.

Erstellt: 02.09.2017, 07:20 Uhr

Darum gehts

Die Pläne für neue Abflugrouten sorgen für Empörung im Südosten des Zürcher Flughafens. «Der Bundesrat fährt mit der Dampfwalze über eine ganze Region», schrieb das Fluglärmforum Süd, eine Organisation von 18 Gemeinden aus den Bezirken Uster und Meilen, als letzte Woche die Landesregierung die Leitplanken für den künftigen Flugbetrieb gesetzt hatte. Der Unmut ist verständlich, sind doch Starts lauter als Landungen. Und die frühmorgendlichen Südanflüge sind vor 14 Jahren in einer Hauruckübung und gegen den geballten Widerstand der zuvor nicht flüglärmgeplagten Bewohner im erweiterten Süden des Flughafens installiert worden.

Landungen teils lauter als Starts
Allerdings gilt zu beachten, dass die Jets beim Start rasch steigen. So sind die tiefer anfliegenden Maschinen in Männedorf und vor allem in Gockhausen deutlich besser zu hören als die startenden.

Damit man sich die neuen Südstarts geradeaus und ihre Wirkung besser vorstellen kann, hat der TA Infografiken für zwei der neuen Routen erstellt und Lärmabschätzungen vorgenommen, die von den Spezialisten der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) kontrolliert worden sind. Für jede Flugroute wurden einzelne Ortschaften ausgewählt. Als Grundlagen dienten Ideallinien und -höhen für die startenden Jets und die Lärmemissionen der gängigsten Flugzeugtypen gemäss Empa. Zum Vergleich werden einerseits die heutigen Südanflüge dargestellt. Anderseits wird die neue Route der bereits heute geflogenen Südstarts mit früher Linkskurve gezeigt, diese Kurve soll künftig einen grösseren Radius haben als bisher.

Bei den neuen Südstarts geht es um 13 000 Flüge, welche an rund 30 Tagen mit Bise oder Nebel abgewickelt werden sollen. Die Abflüge von der Flughafenpiste 16 sind laut Sicherheitsexperten nötig, um gefährliche Situationen im Flugroutengewirr am Zürcher Himmel zu vermeiden. Dabei ist wichtig, dass diese Flüge geradeaus Richtung Pfannenstiel erfolgen und die Flugzeuge nicht wie bei Normalbetrieb nach links abdrehen.

Der Regierungsrat hat die Flüge bei Biswind akzeptiert. Bei den Nebelflügen sieht es anders aus. Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) findet die Begründung des Bundesrats für das Südregime bei Nebellagen mangelhaft. Auch der Flughafen betont, dass vor allem die Abflüge bei Bise wichtig sind. Heute wären das 7500 Starts im Jahr – von insgesamt 135 000. Ob der Flughafen konkret nur die Abflüge bei Bise in Bern beantragen wird, ist offen. Bei lärmrelevanten Entscheiden hat der Kanton im Verwaltungsrat ein Vetorecht.

Die neuen Starts kommen also nicht sofort. Heisst der Bund die beantragten Flüge gut, können sie angefochten werden. Angesichts der Opposition wird wohl das Bundesgericht entscheiden. Bis dann vergehen noch einige Jahre. (pu)

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