So mobbt die Snapchat-Jugend

Der Cybermobbing-Fall mit möglicher Suizidfolge in Dietikon schockiert die Schweiz. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Jugendliche zum Thema befragt. Experten fordern ein Umdenken in der Prävention.

Mobbing im Internet erleben betroffene Jugendliche oft noch als belastender als im realen Leben. Foto: iStock

Mobbing im Internet erleben betroffene Jugendliche oft noch als belastender als im realen Leben. Foto: iStock

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In Dietikon haben das Video alle gesehen. Innert Stunden verbreitete es sich auf den Smartphones der Teenager aller Schulen in der Umgebung. Ein 17-jähriges Mädchen hat es auf Snapchat gepostet. Auf der Nachrichten-App wäre es innert einiger Stunden wieder gelöscht worden. Doch andere Jugendliche filmten es ab und verbreiteten es weiter. «Also, du kleine Nutte», richtet sich die 17-Jährige darin belustigt an eine Unbekannte. «Wir finden dich schon. Und zweitens: Du wirst genauso sterben wie Sabrina*.» Sabrina ist ein 13-jähriges Mädchen aus dem angrenzenden Spreitenbach. Es hat sich Ende August das Leben genommen. Jetzt beschäftigt das Video die Staatsanwaltschaft. Sie ermittelt wegen Drohung. Die 17-Jährige ist in psychiatrischer Behandlung. Inwiefern der Suizid des Mädchens mit dem Mobbing zusammenhängt, ist unklar.

«Ausgrenzung habe ich früher in Klassenchats auf Whatsapp mitgekriegt. Jemand wird beispielsweise aus dem Chat ausgeschlossen. Einmal hat ein Junge Nacktbilder seiner Ex-Freundin verschickt, die Schluss gemacht hatte.»Sebastian, 19:

Dass Sabrina gemobbt wurde, ist den vier Mädchen, die am Dienstag auf dem Bahnhofplatz in Dietikon stehen, bekannt. Es sei um einen Jungen gegangen, in den Sabrina verliebt war, erzählen sie. Die Mädchen sind zwischen 13 und 15 Jahre alt, zwei von ihnen kannten das verstorbene Mädchen. Sie alle haben mehrere Geschichten zu erzählen, wie sie auf Social Media beleidigt oder gemobbt wurden. Wie auch andere zufällig ausgewählte Jugendliche, mit denen der TA gesprochen hat. Die 15-Jährige vom Bahnhof Dietikon wurde wegen ihres Gewichts ausgelacht. «In Chats wurden alte Bilder von mir herumgeschickt», sagt sie. Die vier Freundinnen kommunizieren intensiv über Social Media. Die Fotoapp Instagram und die Nachrichtenapps Snapchat und Whatsapp sind bei ihrer Generation am beliebtesten.

«Es ist cool zu sehen, was die Freunde machen, auch wenn man sie gerade nicht sieht. Wir tauschen uns aus, verabreden uns oder reden über Games. Manchmal gibt es natürlich auch Streit.» Maxime, 14

Cybermobbing ist kein neues Phänomen. Dass jemand im Netz gezielt mit Bemerkungen, ­Fotos oder Videos fertiggemacht wird, kommt vor. In der Schweiz ist dies jedoch der erste Fall, in dem ein Suizid in Zusammenhang mit Cybermobbing gebracht wird. Die Experten von Pro Juventute warnen schon seit langem davor. Sozialpädagoge Mario Antonelli hält seit vielen Jahren Vorträge in Schulklassen zum Thema Mobbing. Bei Cybermobbing passiere im Prinzip das Gleiche wie beim herkömmlichen Mobbing: «Täter heben sich selber ab, indem sie andere niedermachen», sagt er. Der Unterschied sei jedoch die Reichweite, die online erzielt werden könne. Ein Streit wird von vielen mitgelesen, geteilt und abgespeichert.

«Was nebst dem Suizid am Fall in Dietikon schockiert, ist, dass die mögliche Mobberin sich nicht erschrocken oder einsichtig zeigt», sagt Antonelli. «Offensichtlich wurde sie nicht klar genug konfrontiert.» Bei Lehrern beobachte er oft eine Scheu vor der Konfrontation. Wenn dies nicht passiert, zementieren sich die Rollen: «Opfer und Täter können sich nicht mehr daraus befreien», sagt Antonelli. Um das zu ändern, müsse gezielt interveniert und in der Prävention vermehrt auf die anderen Klassenmitglieder als auf die Mobber selber fokussiert werden. «Die Teenies müssen lernen, wie sie sich gegenüber Mobbern abgrenzen können und wann sie sich für sich oder andere wehren müssen», sagt er.

«Wenn Jugendliche mobben, schaukeln sie sich gegenseitig hoch. Der Einzelne verschafft sich mit Aktionen wie solchen Videos Respekt. Viele glauben, dass das, was auf Social Media passiert, weniger real ist. Oft traut sich niemand, sich für den Aussenseiter starkzumachen, weil man Angst hat, selber zum Opfer zu werden.» Julian, 17

Ähnlich wie Antonelli äussert sich Sarah Genner, Medienwissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. In der Fachsprache spricht man von «Zuschauer-Prävention»: «Der Verlauf des Mobbings und die Konsequenzen für das Opfer fallen weniger heftig aus, wenn das Verhalten von den Zeugen nicht toleriert wird», sagt sie. Die Forschung belege nicht, dass Mobbing mit den neuen Kommunikationsmitteln zugenommen habe. «In vier Fünftel der Fälle wird immer noch offline gemobbt», sagt Genner.

Erwiesen sei allerdings, dass die depressiven Symptome bei Cybermobbing-Opfern stärker ausfallen als bei herkömmlichen Opfern. «Das Eskalations-Potenzial ist online grösser», sagt Genner. Da die Täter im Cyberspace die Reaktion des Opfers nicht miterleben, würden weniger Empathie-Reaktionen ausgelöst und das Mobbing heftiger. Auch die lange Haltbarkeit der Online-Spuren ist problematisch: «Da es im Internet stattfindet, kann das Opfer nicht einfach die Schule wechseln und neu anfangen.» Sie betont jedoch auch, dass lediglich ein kleiner Teil der Jugendlichen online überhaupt aktiv Inhalte herstellt – die grosse Mehrheit seien Zuschauer.

«Social Media sagt etwas über den Rang der Person aus. Wer viele Likes und Follower hat, hat mehr Ruhm und ist beliebter. Mobbing über Social Media ist einfacher. Man hat eine gewisse Anonymität, man sagt die Dinge nicht jemandem ins Gesicht.»Valeria, 16

Für Genner haben die Schulen in puncto Prävention Nachholbedarf: «Mobbing wird in sehr unterschiedlicher Qualität thematisiert und sicher nicht systematisch», sagt sie. Mehr Prävention fordert sie aber auch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Dafür, dass in der Schweiz jährlich mehr Menschen an Suizid als an Verkehrsunfällen sterben, wird sehr wenig Geld für Kampagnen ausgegeben.» Das BAG wehrt sich: «Wir gehen das Problem durchaus an», sagt Sprecher Daniel Dauwalder. Letztes Jahr wurde ein Aktionsplan Suizidprävention beschlossen, dank dem die Anzahl Suizide pro 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner bis 2030 um rund 25 Prozent reduziert werden soll.

Antonelli appelliert auch an Eltern und Lehrer. Das Argument, man verstehe Social Media nicht, lässt er nicht gelten: «Erwachsene müssen nachfragen, was die Kinder machen. Auf Social Media gelten dieselben Regeln wie im realen Leben auch», sagt er.

Der Vorsteher der Dietiker Schule, Jean-Pierre Balbiani, sagte gegenüber der «Aargauer Zeitung», dass Cybermobbing ein ständiges Thema an der Schule sei, doch: «So etwas können Schulen nicht verhindern.»

* Name geändert

Die Schweizer Stiftung Elternsein versucht zu zeigen, wie weh Cybermobbing tun kann. Video: Youtube (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 22:46 Uhr

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Weisst du nicht mehr weiter? Beratungsstellen für Jugendliche

24-Stunden-Hotline 147 der Pro Juventute per Telefon, SMS und Chat (www.147.ch)

IAP – Institut für Angewandte ­Psychologie: Beratung und Tipps unter www.zhaw.ch/iap/cybermobbing

Die Dargebotene Hand: anonyme Beratung per Telefon unter 143, Mail oder Chat (www.143.ch)


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