So schlugen sich Rickli, Badran und Köppel in Bern

Wer hat am meisten Einfluss, wer ist ein Hinterbänkler und wer muss um die Wiederwahl zittern? Die Rangliste der Zürcher Nationalräte.

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Für diese Bilanz hat der TA die Leistung aller 35 Zürcher Nationalrätinnen und Nationalräte eingeschätzt und die jeweils acht Ratsmitglieder mit dem grössten und dem kleinsten Einfluss auserkoren – sowie acht Vertreterinnen und Vertreter, die Zürich in der nächsten Legislatur nicht mehr vertreten oder um ihren Sitz zittern müssen.

Sie haben Einfluss


Es ist nicht nur die alles dominierende Klimadebatte, die Balthasar Glättli zum einflussreichsten Zürcher Nationalrat macht. Der Schnelldenker und Stratege prägt jene Themen, die dem Zeitgeist entsprechen: Umwelt, Digitalisierung, Grundrechte - überall hat der gut vernetzte Fraktionschef der Grünen die Nase vorn.


Auch Tiana Angelina Moser profitiert als GLP-Fraktionschefin von der Hochkonjunktur der Umweltpolitik. Die eloquente Rednerin hat sich in dieser Legislatur definitiv aus dem Schatten von GLP-Gründer Martin Bäumle gelöst und kandidiert nun auch für den Ständerat.


FDP-Mann Beat Walti hat die Wahl von Ignazio Cassis und Karin Keller-Sutter in den Bundesrat souverän orchestriert. Als Chef der drittgrössten Fraktion spielt er eine wichtige Rolle im Parlament. Im Vergleich zu früheren FDP-Fraktionschefs agiert der parteiübergreifend geschätzte Walti eher zurückhaltend, was seinen Einfluss etwas mindert.


Keine Zurückhaltung kennt dagegen sein Parteikollege Hans-Ulrich Bigler. Als Direktor des Gewerbeverbands, der regelmässig nach rechts ausschlägt, bestimmt Bigler die wirtschaftspolitische Agenda mit. Dass er bisweilen mit Extremforderungen übermarcht, mindert seinen Einfluss, weil ihn die Linke nicht mehr als verlässlichen Ansprechpartner sieht.


Thomas Matter gehört zum inneren Kreis um Christoph Blocher, der die Geschicke der SVP prägt. Als Banker, der hemdsärmelig auftritt, steht Matter für das, was die Partei stark gemacht hat: demonstrative Volksnähe im Verbund mit Finanz- und Wirtschaftskraft. Auch wenn die SVP bei den Wahlen Verluste einfährt, wird sie die stärkste Fraktion bleiben und Wortführer wie Matter entsprechend einflussreich.


Gefürchtet von den politischen Gegnern, fraktionsintern mehr geduldet als geschätzt: Jacqueline Badran lässt niemanden kalt. Die wortgewaltige SP-Frau ist sehr präsent auf allen medialen Kanälen. Ihr Einfluss in der Fraktion korrespondiert zwar nicht mit der grossen Aussenwirkung, aber Badran setzt auch im Bundeshaus Themen wie etwa bei der von ihr angestrebten Verschärfung der Lex Koller.


Badran medial das Wasser reichen kann von den Zürchern nur Roger Köppel. Der SVP-Mann und Verleger befindet sich im Ständeratswahlkampf und auf einem Kreuzzug gegen «Klima-Apokalyptiker». Das Wahlkampfpensum und die Medienauftritte sind enorm, entsprechend nachlässig nimmt er sein Parlamentsmandat wahr. Fraktionsintern ist Köppels Einfluss beschränkt, eine wichtige Stimme in der öffentlichen Debatte ist er dennoch.


Dem linken Flügel ihrer Partei gehört die Sozialdemokratin Mattea Meyer an. Die frühere Vizepräsidentin der Juso hat mit ihren zahlreichen Vorstössen zu Gleichstellungs-, Flüchtlings- und Steuerfragen ihre aktivistische Haltung auch im Parlament beibehalten. Sie steht für eine junge Generation von Politikerinnen, deren Einfluss im Laufe der Legislatur zugenommen hat.

Sie sind die Hinterbänkler


Bruno Walliser zählt zu den unscheinbaren Mitgliedern der SVP-Delegation - fraktionsintern wie gegen aussen. Der Ex-Gemeindepräsident von Volketswil macht sich vor allem für Zürcher Anliegen wie die Oberlandautobahn oder den Flughafen stark. Ansonsten tritt er kaum in Erscheinung. Wegen des Formtiefs seiner Partei droht ihm die Abwahl.


Seit 2011 sitzt SP-Mann Thomas Hardegger im Rat. Sein Gebiet ist die Verkehrspolitik, wo er allerdings im Schatten anderer Fraktionsmitglieder steht, die das Thema pointierter vertreten. Dank Vorstössen zu den Risiken von 5G-Mobilfunkanlagen und zur Patientensicherheit belegt Hardegger immerhin einen der vordersten Plätze im Parlamentarierrating der Konsumentenschutzorganisationen.


Er twittert schneller und pointierter als jeder andere Nationalrat und überschreitet regelmässig die Grenzen von Anstand und Respekt. Viele seiner Anhänger hofften, dass SVP-Mann Claudio Zanetti nach seiner Wahl 2015 in Bern ähnlich engagiert auftreten werde. Sie wurden enttäuscht. Zanetti spielt in der SVP-Fraktion eine untergeordnete Rolle, hat sich aber auch eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt.


Überraschend steht Angelo Barrile auf dem ersten Platz der Zürcher SP-Liste für die kommenden Wahlen. Er profitiert vom Bonus als Secondo - eine Wählerschicht, die die SP ansprechen will, der sie aber mit Ausnahme von Barrile keine Priorität auf der Wahlliste einräumt. Der Hausarzt hat sich noch nicht als namhafter Gesundheitspolitiker etablieren können.


Es waren Tage, die den SVP-Mann Hans-Ueli Vogt an den Rand der Belastbarkeit brachten: Fast im Alleingang kämpfte der argumentativ starke Rechtsprofessor letztes Jahr für die Selbstbestimmungsinitiative. Selbst parteiintern war das Begehren vielen zu kopflastig. Vogt ist nie in den inneren Machtzirkel der SVP vorgestossen.


Im Gegensatz zu Vogt beackert Parteikollegin Barbara Steinemann mit der Ausländer- und Sozialhilfepolitik klassische SVP-Themen. Das sichert ihr zwar regelmässige Medienauftritte, ihr Einfluss innerhalb der Fraktion ist indes gering. Obenaus schwingt sie dafür mit der Anzahl eingereichter Vorstösse.


Bern ist nicht Zürich - das musste auch Min Li Marti erfahren. Während sie zu den prägenden Figuren der kantonalen SP gehört, konnte sie in ihrer ersten Legislatur in Bern noch nicht so richtig Fuss fassen. Die Themenkonjunktur spielt eigentlich für die engagierte Gleichstellungspolitikerin, zur Wortführerin ist sie trotzdem nicht geworden.


Priska Seiler Graf prägt die Sicherheitspolitik der SP mit. Ihr Nachteil ist, dass das Thema in der Partei an Bedeutung verloren hat und sich nur wegen der Kampfjetbeschaffung in einem Zwischenhoch befindet. Zudem hat sich Seiler Graf noch nicht jenes Renommee erarbeitet, das frühere SP-Sicherheitspolitikerinnen wie Chantal Galladé oder Barbara Haering fraktionsübergreifend besassen.

Sie gingen, gehen oder müssen zittern


Zwölf Jahre sass Natalie Rickli im Nationalrat, dann wurde sie in diesem Frühling in die Zürcher Kantonsregierung gewählt. Die SVP-Vertreterin eckte seit Beginn ihrer Politkarriere mit dezidierten Positionen in der Ausländerpolitik an, wurde aber immer glanzvoll im Amt bestätigt.


Gar auf zwanzig Jahre im Nationalrat zurückblicken kann Jürg Stahl. Der SVP-Mann zählte zu den ruhigeren Mitgliedern seiner Fraktion und wirkte vor allem als Gesundheitspolitiker. Höhepunkt seiner Karriere war das Nationalratspräsidium 2016/2017. Dieses Jahr gab Stahl seinen Rücktritt.


Am Schluss der Herbstsession beendet Thomas Weibel (GLP) seine Karriere als Nationalrat. Weibel galt als dossierkompetenter Schaffer im Hintergrund - und regelmässig als einer der unbekanntesten Parlamentarier. Seinen grossen Auftritt hatte er 2016, als er den Rat als Kommissionssprecher stoisch durch die epische AHV-Debatte führte.


Auch Hans Egloff tritt nicht mehr an. Der Präsident des Hauseigentümerverbands widmete sich während acht Jahre in Bern den Hauseigentümern. Der SVP-Mann kämpfte gegen verschärfte Energieauf lagen für Hausbesitzer, gegen einen Ausbau des Mieterschutzes und immer wieder für die Abschaffung des Eigenmietwerts.


Nur ein Jahr war Daniel Frei Nationalrat. Der frühere Präsident der SP Kanton Zürich rückte Ende 2018 für Chantal Galladé nach. Er zählte zum Reformflügel der Partei und verliess nach internen Machtkämpfen im Mai zermürbt die SP. Frei gehört nun zur GLP und tritt nicht mehr an.


CVP-Frau Kathy Riklin sitzt seit 1999 im Nationalrat und hatte eigentlich ihrer Partei zugesagt, Mitte Legislatur einem Nachfolger Platz zu machen. Nun bleibt sie doch bis zum Ende - und will gar weitermachen: Sie kandidiert auf der Liste der neu gegründeten Christlichsozialen Vereinigung (CSV) Zürich. Ihre Wahlchancen sind gering.


Eng werden dürfte es auch für Martin Naef (SP). Auf der Wahlliste seiner Partei, die acht Sitze im Nationalrat besetzt, rangiert er auf Platz neun. Der überzeugte Pro-Europäer verfügt über keine besonders ausgeprägte Hausmacht in der Partei. Kommt hinzu, dass die EU-Begeisterung in der SP wegen des Streits um den Lohnschutz momentan auf einem Tiefpunkt ist, was Naefs Position weiter schwächt.


Zittern muss auch BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti. Als Vertreterin einer Klein partei mit schlechten Wahlaussichten kämpft sie gegen die Abwahl. Die einzige Zürcherin in der BDP-Vertretung gehörte einst der SVP an und politisiert heute am linken Rand ihrer Fraktion.

Erstellt: 13.09.2019, 11:27 Uhr

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