Startpiste 32 für vierstrahlige Jets

Der Fluglärm belastet im Kanton über 61’000 Menschen. Das ist Rekord. Flughafenkritiker reagieren scharf, Politiker wollen nun Massnahmen sehen. Eine Organisation gibt Gegensteuer.

Über besiedeltem Gebiet unterwegs: Ein Passagierjet im Anflug.

Über besiedeltem Gebiet unterwegs: Ein Passagierjet im Anflug. Bild: Keystone

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Es sah nach einer lang ersehnten Trendwende aus: Vor einem Jahr sank die Zahl der vom Fluglärm gestörten Menschen im Kanton Zürich erstmals seit 2009. Nun schlägt das Pendel nicht nur zurück, sondern gar ins andere Extrem: Wie der Zürcher Fluglärm-Index 2014 (ZFI) zeigt, waren im letzten Jahr so viele Menschen vom Fluglärm geplagt, wie noch nie. Insgesamt sind 61’381 Personen betroffen; 36’949 fühlen sich tagsüber und 24’432 im Schlaf stark belästigt. Damit überschreitet der ZFI den 2007 festgelegten Richtwert von 47’000 um rund 14’000 Personen.

Die Zunahme gegenüber dem Vorjahr beträgt damit 7 Prozent, denn im Jahr 2013 zählte der ZFI 57’100 Lärmbelästigte (58’800 im Jahr 2012). Die Zahl der in der Nacht gestörten Personen stieg im Vergleich zu 2013 um 16 Prozent und der am Tag stark belästigten Menschen um 2 Prozent.

Die Entwicklung des Zürcher Fluglärm-Indexes (ZFI) in den vergangenen Jahren.

Ein Grund für die Zunahme der Lärmgeplagten ist das Bevölkerungswachstum in der Flughafenregion. Wie die Volkswirtschaftsdirektion mitteilt, wächst in den kantonalen Siedlungsgebieten die Bevölkerung kontinuierlich und in den Gebieten Glatt- und Limmattal sogar überproportional. Eine Analyse der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) zeigt, dass das Bevölkerungswachstum – ohne Veränderungen im Flugbetrieb – den ZFI um 2 Prozent erhöht hätte.

Der Flugbetrieb in der Nacht führte zu einer Zunahme um weitere 6 Prozent. Wie aus dem heute Freitagmorgen vorgestellten Flughafenbericht 2015 hervorgeht, haben insbesondere die Zunahme der Flugbewegungen in der Nacht und die ungünstigere Routenbelegung während diesen Stunden zum Anstieg des ZFI beigetragen.

Entwicklungspotenzial bei der Technik

Zwar hat der Regierungsrat Massnahmen ergriffen, angesichts der stetig steigenden Zahlen aber bisher offensichtlich erfolglos. Das räumt auch Volkswirtschaftdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) ein. «Unsere Massnahmen bringen bisher zu wenig. Daran müssen wir arbeiten.» Im Fokus der Anstrengungen steht die Lärmreduktion an der Quelle. Mark Dennler vom verantwortlichen Amt für Verkehr denkt dabei an die Flottenerneuerung der Swiss.

Der Ersatz der alternden Jumbolinos durch die Bombardiers sowie das neue Modell des A320 sind leisere Maschinen. Die Boeing 777 ist zwar kaum leiser als der Airbus 340, den sie ersetzt, das neue Flugzeug steigt aber deutlich schneller. «Damit sinkt die Zahl der Lärmgeplagten», sagt Dennler.

Winterthur grosszügiger umfliegen

Weiter greift der Kanton mit dem Wohnbauförderungsprogramm Hauseigentümern bei Sanierungen und Ersatzneubauten hinsichtlich Lärmschutz finanziell unter die Arme. Die Entflechtung des Ostkonzepts soll zudem die an- und abfliegenden Verkehrsströme besser voneinander trennen. «Das gewährleistet einen flüssigeren Betrieb also weniger Verspätungen», erklärt Dennler.

Die neuen Abflugrouten würden den Grossraum Winterthur grosszügiger umfliegen, wodurch weniger Menschen belastet würden. Das neue Betriebsreglement 2014, das auf die Bewilligung des Bundes wartet, ist ebenfalls ein Hoffnungsträger. Es ermöglicht neuerdings die Benutzung der Startpiste 32 (von Kloten Richtung Oberglatt) für vierstrahlige Passagierjets. Das war bislang nicht möglich.» Damit würden die Rollzeit am Boden verkürzt und wertvolle Minuten gespart.

Erste Reaktionen

«Dass die in der Nacht im Schlaf gestörten Personen um satte 16 Prozent zugenommen hat, kann nicht einfach hingenommen werden», schreibt die EVP in einer Mitteilung. Es sei bedenklich, dass die «gravierende Lärmbelastung» und die jahrelange, massive Überschreitung des ZFI-Richtwerts «von den Verantwortlichen ohne griffige Gegenmassnahmen einfach toleriert wird».

Die Anzahl der Flugbewegungen zeigten, so die EVP, dass noch genügend Reserven vorhanden sind. Kapazitätserweiterungen müssten kritisch hinterfragt werden. Die Partei fordert, dass nun bezüglich der Einhaltung der Nachtruhe «endlich» gehandelt wird. «Die Regierung muss ihr Versprechen nach über 10 Jahren mit massiven Überschreitungen endlich einfordern.»

«Gewinnmaximierung statt Schutz der Bevölkerung»

Deutlich wird auch die GLP: «Gewinnmaximierung statt Schutz der Bevölkerung vor übermässigem Fluglärm» überschreibt sie ihre Mitteilung. Statt die Anwohner zu schützen, erziele der Flughafen einen Rekordgewinn. Die GLP schreibt von einem Dilemma: Einserseits wolle man die Bevölkerung aus Raumplanungsgründen in den urbanen Zentren konzentrieren, anderseits die Flüge kanalisieren. Pech also, dass die Flughafenregion eines dieser urbanen Zentren ist.

Die Grünen stellen nüchtern fest: «Der Fluglärmindex nimmt wegen der Verletzung der Nachtflugsperre zu.» Die Erklärung der Regierung, dass das Bevölkerungswachstum schuld am ZFI-Rekord sei, bezeichnen sie als Augenwischerei. Dieser Effekt sei bei der Einführung des ZFI bekannt gewesen. «Der ZFI zeigt sich einmal mehr als empfindliches Fieberthermometer, und als Kur hat der Regierungsrat einmal mehr nur Kamillentee im Sortiment», kritisieren die Grünen. Deshalb fordern sie nun «griffige Massnahmen».

«Inakzeptabel»

«Die Zahl der Nachtflüge scheint völlig aus dem Ruder zu laufen», kritisiert der Flughafen-Schutzverband. «Die starke Überschreitung des gesetzlichen Referenzwertes ist inakzeptabel.» Im Strassenverkehr führten Geschwindigkeitsüberschreitungen in diesem Rahmen zum Ausweisentzug.

Lärmbedingte Schlafstörungen seien gesundheitlich besonders bedenklich, schreibt der Verband, und wirkten sich auf die Standortqualität der Region «verheerend» aus. Auch bleibe der Regierungsrat Gegenmasnahmen schuldig, die von Gesetzes wegen verlangt werden. Dass die C-Series-Flieger, welche die lauten Jumbolino ersetzen, Linderung bringen werden, glaubt der Schutzverband nicht: «Sie sind zwar leise, aber nicht wesentlich leiser als der alte Jumbolino.» Wichtigste Massnahmen seien nun weniger Nachtflüge und die Einführung lärmabhängiger Landegebühren.

Im Interesse der Passagiere?

Das Fluglärmforum Süd, das normalerweise das Heu nicht auf derselben Bühne hat wie der Schutzverband, schreibt auf Facebook explizit, dass man sich diesmal einig sei: «Die Zahl der Nachtflüge läuft völlig aus dem Ruder.» Dies geschehe auf dem Buckel der Bevölkerung. Das Forum fragt sich auch, ob die Flüge am späten Abend wirklich im Sinne der Flugpassagiere sind oder ob sie nur der Hub-Funktion des Flughafens dienen. «Wer so spät abfliegt, kommt in Genf, Moskau, Stuttgart und Tel Aviv mitten in der Nacht an. Wer wählt eine solche Verbindung freiwillig?»

Unter der Zusatzbelastung leide vor allem die Bevölkerung im Norden des Flughafens, schreibt die IG-Nord und fordert die strikte Einhaltung der Nachtflugsperre. «Es darf nicht sein, dass die Nachtflugsperre systematisch umgangen wird und immer grössere Teile der Bevölkerung in ihrer Nachtruhe stark gestört werden», lässt sich IG-Präsident Hanspeter Lienhart zitieren. Unter dem «Deckmantel des Verspätungsabbaus» seien nach 23 Uhr rund 2300 Flugbewegungen durchgeführt worden.

Piloten: Lärm steigt nur scheinbar

Die Swiss-Piloten-Gewerkschaft Aeropers gibt sich in einer Mitteilung «schockiert über die unzähligen falschen Behauptungen in den Reaktionen» zum präsentierten Bericht. Es zeige sich, dass die Diskussionen um den Flughafen «leider fast nur emotional statt sachbezogen» geführt werden. So unternehme die Swiss «grosse Anstrengungen», um die Lärmbelastung zu verringern. Aeropers nennt den Ersatz der Jumbolino durch die C-Series. Letztere würden vom Boden aus als etwa halb so laut empfunden wie die Vorgänger. Gegenteilige Behauptungen seien «schlicht unseriös». Auch würden einige Airbus A340 durch schneller steigende und leisere Boeing B777 ersetzt. Ausserdem weist die Gewerkschaft angesichts der Bevölkerungszunahme darauf hin, dass die Flughafenregion offensichtlich «trotz scheinbar steigender Lärmbelastung» als Wohnort immer noch attraktiv sei.

Erstellt: 27.11.2015, 09:02 Uhr

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