So will Zürich den Verkehrskollaps verhindern

Mehr Zürcher, mehr Pendler: Damit das Verkehrssystem nicht zusammenbricht, will der Regierungsrat vor allem den öffentlichen Verkehr fördern.

Die Autos stehen, der Zug fährt vorbei – beim Verkehr sollen die Verhältnisse wieder ins Lot gebracht werden. Foto: Urs Keller (Ex-Press)

Die Autos stehen, der Zug fährt vorbei – beim Verkehr sollen die Verhältnisse wieder ins Lot gebracht werden. Foto: Urs Keller (Ex-Press)

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Die Zürcher sind süchtig nach Kilometern. Jahr für Jahr verbrauchen sie mehr davon. Oder wie es Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) etwas amtlicher ausdrückt: «Die Mobilität im Kanton wird weiter zunehmen.»

Die Bevölkerung im Kanton wächst, mit ihr die Anzahl der Beschäftigten. Mehr Menschen und mehr Arbeitsplätze sorgen für mehr Fahrten. Ausserdem setzen sich zwei Trends fort: Pendlerinnen und Pendler nehmen immer längere Arbeitswege in Kauf. Und auch in der Freizeit werden mehr Kilometer verbraucht. Die durchschnittliche Tagesdistanz hat sich in den letzten 20 Jahren von 33 auf 35 Kilometer verlängert.

Das läppert sich: 2007 legten die Zürcherinnen zusammen etwa 45 Millionen Kilometer pro Tag zurück. 2030 sollen es schon 60 Millionen sein. «Das stellt uns vor grosse Herausforderungen. Die heute spürbare Überlastung in der S-Bahn und auf der Strasse dürfte sich akzentuieren», sagt Walker Späh.

Immer mehr, aber ohne Schmutz und Lärm

Ein Mittel, um diese Herausforderung zu meistern, soll das neue kantonale Gesamtverkehrskonzept (GVK) sein, das Walker Späh gestern vorstellte. Mit diesem – über 50 Seiten dicken – Grundsatzpapier will der Regierungsrat vernünftige Wege für den Zürcher Verkehr bis ins Jahr 2030 aufzeigen. Er soll die Wünsche der Bevölkerung erfüllen und der Wirtschaft nützen, ohne Anwohner zu stören oder der Umwelt zu schaden. «Eine Herkulesaufgabe», sagt Walker Späh. Folgende Mittel sollen noch mehr Staus und volle Züge verhindern:

  • Ausbau von Strassen und Schienen. Der Regierungsrat setzt auf die bereits angedachten Vorhaben, neue Grossprojekte kommen nicht dazu.
  • Bessere zeitliche Verteilung. Das Problem ist bekannt: Am Morgen und nach Feierabend überquellen Züge und Strassen, in den Stunden dazwischen bleiben sie halb leer. Diese «Spitzen» will die Regierung «glätten». Helfen soll dabei die Digitalisierung. Das Internet erlaube das Arbeiten von zu Hause aus (Homeoffice). Neue Apps sollen Pendler dabei unterstützen, abseits der Spitzenzeiten zu reisen oder sich zu Fahrtengemeinschaften zusammenzuschliessen.
  • Die Wege, welche die Pendler zurücklegen, sollen kürzer werden. Eine dichtere, durchmischtere Bebauung könnte dabei helfen. Das Wachstum soll sich auf jene Gebiete beschränken, die bereits gut erschlossen sind, etwa das Limmattal, das Glattal oder die Stadt Zürich. Bei grossen Bauvorhaben wie jenem beim Bahnhof Regensdorf will der Kanton darauf achten, dass Wohnungen, Arbeitsplätze und Läden in unmittelbarer Nähe entstehen. In abgelegeneren Gegenden soll weniger gebaut werden.
  • Mehr Bahn, Bus und Tram. Der Grund dafür ist einfach: Öffentlicher Verkehr (ÖV) funktioniert platzsparender und umweltschonender als das Reisen per Auto oder Motorrad. 2013 fanden im Kanton rund 30 Prozent aller Fahrten im öffentlichen Verkehr statt. Bis 2030 will der Kanton diesen Anteil auf 40 Prozent erhöhen. Für die einzelnen Regionen bedeutet das höchst Unterschiedliches. In der Stadt Zürich mit ihrem ausgebauten Trammnetz beträgt der ÖV-Anteil schon heute 49 Prozent. Hier soll er auf 55 steigen. Am tiefsten liegt er im Weinland mit 13 Prozent. Dort begnügt sich der Regierungsrat mit einer Erhöhung um 2 auf 15 Prozent.

Veloziele nicht erreicht

Die Strecke Zürich–Winterthur legen heute schon 65 Prozent der Menschen mit dem Zug zurück. In zwölf Jahren sollen es 75 Prozent sein. Fördern will der Regierungsrat auch Fussgänger und Velofahrer. Bis 2030 sollen mit dem Velo 8 Prozent aller Wege bewältigt werden, 2015 waren es 5,5 Prozent.

Infografik: So viele nutzen den öffentlichen VerkehrGrafik vergrössern

Ähnliche Ziele hatte sich der Regierungsrat schon 2006 gesetzt, als er das erstes Gesamtverkehrskonzept vorstellte. Das meiste sei gelungen, sagte Carmen Walker Späh. Der ÖV-Anteil am Gesamtverkehr hat sich deutlich vergrössert. Verantwortlich dafür sind laut Regierung vor allem neue Erschliessungen wie die Durchmesserlinie, die Glatttalbahn oder das Tram Zürich-West. Weitere Grossprojekte sollen die Position des ÖV stärken.

Die Bilanz fällt aber nicht nur positiv aus: Der ÖV hat seinen Rückstand prozentual verkleinert, in absoluten Zahlen nimmt der Autoverkehr aber stärker zu. Das ÖV-Wachstum fand ausserdem fast nur in den Nullerjahren statt, in den letzten Jahren passierte wenig. Das Velo hat nicht so viele Anteile erobert, wie es sich der Regierungsrat 2006 erhoffte. Auch leiden mehr Menschen als vorgesehen unter Strassen- und Fluglärm.

FDP glücklich, Grüne frustriert

Als «mutlos» kritisieren die Grünen das Konzept. Die Regierung habe die Probleme erkannt, traue sich aber nicht, voll auf den ÖV zu setzen, heisst es in einem Communiqué. Gabi Petri, Co-Geschäftsführerin des VCS Zürich, findet, dass der Staat im urbanen Raum den «effizienten Veloverkehr» und die Fussgänger vernachlässige. Auch die Grünliberalen fordern bessere Velowege. Sie vermissen zudem die Steuerung des Verkehrs über Mobility-Pricing.

Die FDP verteidigt ihre Regierungsrätin. Das Konzept berücksichtige alle Verkehrsteilnehmer und spiele diese nicht gegeneinander aus, sagt FDP-Kantonsrat Christian Schucan. Der Grossteil des Mobilitätswachstums werde via ÖV abgefangen. Daher sei die Kritik haltlos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 23:00 Uhr

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Zürcher Grossprojekte

Fast immer braucht es den Bund

Bis 2030 will der Regierungsrat mehrere grosse Verkehrsprojekte zu Ende bringen. Beim Strassennetz sind es der Ausbau der Zürcher Nordumfahrung auf sechs Spuren, der Neubau der Glattalautobahn, die Fertigstellung der Oberlandautobahn, die Umfahrung Winterthur und die Verbreiterung der Autobahn zwischen Andelfingen und Winterthur. Der Rosengartentunnel in der Stadt Zürich soll laut Carmen Walker-Späh bis etwa 2035 fertig sein. Beim öffentlichen Verkehr fördert der Kanton den Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen, die Limmattalbahn, den Brüttener Tunnel vor Winterthur oder den Zimmerbergtunnel. Bei fast allen Grossprojekten ist der Kanton Zürich auf die Zustimmung und Gelder des Bundes angewiesen. Das macht die Planung anspruchsvoll. (bat)

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