Soll die Hundekurs-Pflicht abgeschafft werden?

Seit fast zehn Jahren müssen Halter von grossen Hunden mit ihren Tieren in einen Kurs. Am 10. Februar entscheiden die Stimmbürger, ob das so bleibt.

Disziplin mit und ohne Leine: Vierbeiner besuchen einen Hundekurs. Foto: Olivier Maire (Keystone)

Disziplin mit und ohne Leine: Vierbeiner besuchen einen Hundekurs. Foto: Olivier Maire (Keystone)

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Ja

Schlecht erzogene Hunde sind im besten Fall ein Ärgernis und im schlechtesten Fall lebensgefährlich. Wer einen Hund besitzt, trägt die Verantwortung für das Tier und seine Erziehung. Schädigt es jemanden, wird dafür der Halter bestraft. Das ist richtig. 2005 bissen drei Pitbull-Terrier in Oberglatt einen 6-jährigen Jungen zu Tode. Der Besitzer der Hunde sass dafür fast zwei Jahre im Gefängnis.

Die Politik wollte aber mehr. Sie wollte, dass es nie wieder zu einem solchen Vorfall kommt, und reagierte auf den tragischen Vorfall mit einer Gesetzesverschärfung. Besitzer von grossen oder massigen Hunden sollen einen Kurs von zehn Lektionen absolvieren und zusammen mit dem Tier den richtigen Umgang lernen.

Das ist zwar verständlich, aber falsch. Das verschärfte Gesetz hat kaum eine Verbesserung gebracht und gehört daher abgeschafft. Seit Einführung der Kurspflicht 2010 fühlt sich die Bevölkerung zwar sicherer, doch die Statistik zeigt keine Verbesserung der Situation. Eine Abnahme der Anzahl Bissvorfälle lässt sich nicht feststellen. Für die Gemeinden bedeutet das Kursobligatorium einen kostspieligen Mehraufwand. Sie müssen kontrollieren, wer den Kurs besucht, und die Hundehalter gegebenenfalls mahnen.

«Auch ohne Gesetz nehmen die meisten Hundehalter ihre Verantwortung wahr.»

Kommen diese ihrer Pflicht dennoch nicht nach, muss die Gemeinde dies dem Kanton melden, und der Hundehalter wird gebüsst. Eine Studie von 2016 zeigt: Jeder Dritte bezahlt lieber die Busse von 150 Franken, als den Kurs zu besuchen. Sind sie schuld daran, dass die Bisszahlen nicht abgenommen haben? Nein, die erwähnte Studie zeigt auch: Von den kurspflichtigen Haltern, deren Hund zugebissen hat, hat die überwiegende Mehrheit den Kurs besucht.

Das spricht aber nicht gegen die Qualität der Kurse. In der Regel sind Hunde nach den Kursen besser erzogen. Zumindest dann, wenn der Hundebesitzer auch davon überzeugt ist, dass der Kurs ihn und seinen Hund weiterbringt. Und das sind viele. Sie besuchen den Kurs heute schon freiwillig und werden ihn auch in Zukunft freiwillig besuchen. Damit rechnen auch die Kursanbieter, die nicht weniger Kunden befürchten, wenn das Stimmvolk Ja stimmen und damit die Pflicht abschaffen würde. Und ebendas zeigt: Auch ohne Gesetz nehmen die meisten Hundehalter ihre Verantwortung wahr, besuchen Kurse, lernen mit ihren Hunden umzugehen. Statt Geld in die Absenzkontrolle für Kursschwänzer zu stecken, sollen die Gemeinden die Besitzer auf Kursangebote aufmerksam machen, wenn jemand seinen Hund anmeldet. Wenn der Staat die Bürger schon erziehen möchte, dann zur Eigenverantwortung.

Nein

Es ist ja immer Skepsis angebracht, wenn ein mit viel Brimborium verabschiedetes Gesetz schon nach zehn Jahren wieder über Bord geworfen werden soll. Denn das heisst meist, dass jene, die das Gesetz schrieben, gepatzt haben.

Das ist beim Hundegesetz nicht anders. Es ist und bleibt ein unausgereiftes Gebilde mit seinem Rasseverbot und der Kurspflicht, die nur für grosse und massige Hunde gilt. Nun also soll zumindest ein Patzer korrigiert werden: Die Kurspflicht soll fallen. So wollen es SVP, FDP und CVP. Doch das ist der falsche Weg.

Die Gegner führen unter anderem die schlechte Kursdisziplin als Argument für die Abschaffung ins Feld – aber sie belegen damit vielmehr, dass ihre Behauptung falsch ist, die meisten Hundehalter seien ohnehin verantwortungsvoll genug, auch ohne den Gesetzgeber im Nacken Kurse zu besuchen. Nein, man kann nicht auf Eigenverantwortung setzen, wenn fast jeder dritte Hundebesitzer nicht einmal dann seine Pflicht erfüllt, wenn bei Unterlassung eine Busse droht. Wir schaffen ja die Fahrprüfung auch nicht mit dem Argument ab, Autofahrer würden sich trotzdem nicht immer an die Regeln halten. Sicher, anhand der Bisszahlen ist nicht zu belegen, dass die Kurse wirken.

«Es fehlt an Fachwissen und Verständnis für die Bedürfnisse von Fido und Bello.»

Das Gegenteil allerdings auch nicht. Oder anders gesagt: Je nach gewähltem Zeitraum scheinen die Zahlen die eine oder die andere These zu stützen, denn sie schwanken von Jahr zu Jahr stark. Doch die Bissstatistik allein ist ohnehin kein ausreichendes Argument. Viel wichtiger ist, dass sich die Bevölkerung laut Umfragen sicherer fühlt, seit es die Hundekurse gibt. Das ist durchaus plausibel, sind es doch eher die grossen Tiere, die Angst machen. Und die sind in der überwiegenden Mehrheit heute besser erzogen als noch vor zehn Jahren.

Hinzu kommt, dass Halterinnen und Halter per Gesetz verpflichtet sind, dem Tierwohl gemäss zu handeln. Und hier können die Kurse viel ausrichten. Das soll nicht heissen, dass die meisten Hündeler nicht ohnehin das Beste für ihren Liebling wollen. Nur fehlt es mitunter an Fachwissen und Verständnis für die Bedürfnisse von Fido und Bello. Das zeigt sich seit der Einführung der Kurse in steigendem Mass an den Kleinhunden, wie Fachleute übereinstimmend sagen. Weil sie nicht kurspflichtig sind, glauben viele Besitzerinnen und Besitzer fälschlicherweise, die Kleinen bräuchten viel weniger Erziehung, Pflege und Auslauf als die Grossen. Wenn am Hundegesetz also etwas geändert werden muss, dann dies: Es braucht keine Abschaffung der Kurspflicht, sondern eine Ausdehnung auf alle Halter.

Erstellt: 24.01.2019, 21:26 Uhr

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