Sollen Hausaufgaben abgeschafft werden?

Der Deutschschweizer Schulleiterverband möchte die «Ufzgi» abschaffen. Unsere Redaktoren sind sich uneinig.

Fluch oder Segen? Ein Kind erledigt seine Hausaufgaben (Symbolbild).

Fluch oder Segen? Ein Kind erledigt seine Hausaufgaben (Symbolbild). Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Ja

Fragt der Lehrer: «Fritzli, wer hat denn deine Hausaufgaben gemacht?» Antwortet Fritzli: «Keine Ahnung, ich musste gestern Abend früh ins Bett.» Es gibt unzählige solcher und ähnlicher Witze, und das kommt nicht von ungefähr. Das Kind sollte die «Ufzgi» allein machen, das trichtern einem die Lehrer schon am ersten Schultag ein. Aber die wahre Welt ist eine andere.

«Ufzgi» sind ein ständiger Hort des Ärgers für Eltern. Sei es, weil das Kind überfordert ist, das Arbeitsblatt unverständlich, die Aufgaben selbst für Mama und Papa zu schwer. Oder weil das Kind alles andere im Kopf hat, ohne Drohung von Hausarrest oder Fernsehentzug gar nichts macht. Nur schon das ist ein – zugegeben egoistischer  – Grund, die «Ufzgi» abzuschaffen.

Es gibt aber noch andere, bessere Gründe. Zum Beispiel, dass Hausaufgaben ungerecht sind. Längst nicht alle Kinder haben daheim nur schon einen vernünftigen Arbeitsplatz, geschweige denn jemanden, der ihnen helfen kann oder sie notfalls auch antreibt. Chancengleichheit sieht anders aus.

Die Folgen sind nicht nur ein ständiger Schulfrust bei den betroffenen Kindern, sondern auch ein ständig wachsender Lernrückstand. Diese über Jahre angesammelten schulischen Defizite versuchen die Schulen dann, in Kursen und Nachhilfe mühsam wieder zu verringern.

Mit Verlaub: Das ist Ressourcenverschwendung. Besser würde man an der Wurzel ansetzen. Will heissen: Vertiefungs- und Übungsstunden in der Schule statt Hausaufgaben. Kinder und Eltern ginge es besser damit.

Nein

Keine Frage: Die Abschaffung der Hausaufgaben hätte nur Vorteile. Nie mehr Zoff mit der achtjährigen Rabaukin um ungemachte «Ufzgi» – der Weltfrieden kehrt ein im Elternhaus! Ein eigenes Pult, das der Nachwuchs sowieso mit Plastiktierchen vollmüllt, braucht man ihm auch nicht mehr hinzustellen. Endlich keine Filzstiftspuren und Radiergummireste mehr auf dem Esstisch. Endlich haben selbst diejenigen Kinder eine echte Chance auf Chancengleichheit, wenn sie weder von einer Nanny noch von einem Hausmann oder einer Hausfrau dauerumsorgt werden.

Mumpitz.

Von den vielen klugen Argumenten für die Hausaufgaben nur dieses: «Ufzgi» sind die beste Verbindung von der Schule ins Zuhause und umgekehrt. Eltern aller Schichten lernen, dass es für den Schulerfolg auch ihr Engagement braucht – und sei es nur, um der Lehrerin mitzuteilen, dass die Aufgaben diese Woche eben nicht zu schaffen waren. Kinder lernen, wie viel sie selbstständig machen können und wie viel Unterstützung sie von zu Hause erwarten dürfen. Sie lernen vielleicht sogar, sich mit Kolleginnen und Kollegen zu organisieren. Lehrerinnen und Lehrer lernen, die Aufgaben richtig zu dosieren. Und wenn wegen der Hausaufgaben mal ein Kindergeburtstag abgekürzt werden muss oder ein paar Stunden Gamen draufgehen: willkommen in der total normalen Welt der begrenzten Möglichkeiten!

Tagesschulen, Horte und betreute Hausaufgabenstunden machen den «Ufzgi» am Esstisch sowieso nach und nach den Garaus. Es besteht kein Grund, das Verschwinden zu beschleunigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2016, 21:06 Uhr

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