Ein schwarzer Tag für die Lotsen

Ein Fluglotse hat eine Beinahekollision zweier Airbusse zu verantworten. Das Obergericht hat den erstinstanzlichen Freispruch umgestossen und ihn verurteilt. Skyguide warnt vor einem Präzedenzfall.

Gefährliche Situation entstanden: Ein Skyguide-Mitarbeiter erteilte zwei Swiss-Maschinen auf sich kreuzenden Pisten am Flughafen Zürich die Startfreigabe

Gefährliche Situation entstanden: Ein Skyguide-Mitarbeiter erteilte zwei Swiss-Maschinen auf sich kreuzenden Pisten am Flughafen Zürich die Startfreigabe Bild: Keystone

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Im Saal des Zürcher Obergerichtes halten rund 40 Flugverkehrsleiter den Atem an, als der Vorsitzende zur Urteilsverkündung ansetzt: Er spricht einen ihrer Kollegen schuldig im Sinne der Anklage. 90 Tagessätze à 210 Franken lautet die bedingt gefällte Strafe. Und während die Skyguide-Mitarbeiter im Zuschauerraum ihrem Unmut hörbar Luft machen, sitzt der Beschuldigte reglos vor den Schranken – wie vor Schreck erstarrt. Denn die Oberrichter haben damit gerade das erstinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts Bülach umgestossen. Dieses hatte den Lotsen im Dezember 2016 freigesprochen.

Nicht nur zwei, sondern mehr als siebeneinhalb Jahre liegt der Tag nun zurück, an dem am Flughafen Zürich mehr als 260 Menschen knapp einer Katastrophe entgingen. Der heute 36-jährige Flugverkehrsleiter hatte im März 2011 fast zeitgleich zwei Swiss-Maschinen auf sich kreuzenden Pisten die Startfreigabe erteilt. Noch während die Piloten eines Airbusses nach Moskau auf die Piste 16 rollten, erlaubte er ihnen den Abflug. Die Maschine transportierte 135 Passagiere.

Keine Minute später ­autorisierte der Towerlotse den Start eines Airbusses mit dem Rufzeichen SWR202W und 127 Personen an Bord auf der Piste 28. Dessen Besatzung erblickte 42 Sekunden später und bei einer Geschwindigkeit von rund 300 km/h die andere Maschine, die sich dem Pistenkreuz von rechts näherte. Augenblicklich brachen die Piloten von SWR202W den Startlauf ab. Rund zwei Sekunden später befahl ihnen das auch der Towerlotse. Der Zwischenfall ging für alle Beteiligten glimpflich aus.

«Falsche Prioritäten gesetzt»

Der Verteidiger forderte, dass auch die zweite Instanz seinen Mandanten freispreche. Für das Obergericht steht jedoch fest, dass sich der Lotse der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs schuldig gemacht und dadurch Menschenleben in Gefahr gebracht hat. Hätten beide Maschinen ihren Start fortgesetzt, hätten die Luftwirbel und Abgasstrahlen der einen Maschine die zweite ausser Kontrolle geraten lassen können. Dies hätte zu Verletzten oder gar Toten geführt.

Der Lotse habe «die Prioritäten falsch gesetzt», argumentierte das Obergericht. Weil er sich mit der Planung und Durch­führung von Vermessungsflügen befasste, die an diesem Tag stattfinden sollten, habe er seinen «primären Aufgaben nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt». Zwar hätten diese Flüge eine zusätzliche Belastung dargestellt. Doch: «Eine erfahrene Person, wie der Beschuldigte, muss auch in diesen Situationen seinen Pflichten nachkommen können.» Die Richter beurteilten den Gefährdungsgrad der Flugzeuginsassen als hoch, ebenso das Unfallrisiko. Zudem gelte es zu berücksichtigen, dass eine hohe Anzahl von Personen betroffen gewesen sei, begründete der Vorsitzende das Urteil.

«Es ist das richtige Resultat»

Trotzdem bleibt das Obergericht mit seiner Strafe deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte eine bedingte Strafe von 180 Tagessätzen à 100 Franken gefordert. Doch das Obergericht setzte das Strafmass aus mehreren Gründen herab: etwa wegen des hohen Arbeitspensums, das dem Lotsen aufgebürdet worden war, dem ­«ergonomisch suboptimalen» Arbeitsplatz, des fehleranfälligen Alarmsystems sowie der langen Verfahrensdauer.

Auch wenn die Richter dem Antrag der Anklage nicht folgten, zeigt sich die Staatsanwaltschaft zufrieden: «Für uns war wichtig, dass es zu einem Schuldspruch kommt und dass das Gericht unsere Argumente nachvollziehen kann», sagt Rolf Jäger, Leiter der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland. «Es ist das richtige Resultat.»

«Entwicklung der Sicherheitsnetze der Luftfahrt akut in Gefahr»

Sichtlich erschüttert sind indes die Lotsen, als sie den Gerichtssaal verlassen. «Der gesamte Berufsstand der Flugverkehrsleiter ist tief betroffen und enttäuscht», sagt Stefan Lischka, Sprecher der Lotsengewerkschaft Aerocontrol. Durch diese Verurteilung werde die Sicherheit im Schweizer Luftraum nicht verbessert. «Vielmehr ist die Weiterentwicklung der komplexen Sicherheitsnetze der Luftfahrt akut in Gefahr, weil sie auf den freiwilligen Meldungen aller Personen in der Aviatik basieren.»

Das befürchtet auch die Flugsicherung Skyguide. Sprecher Raimund Fridrich räumt zwar ein, dass schwere Vorfälle wie der vorliegende ohnehin meldepflichtig seien. «Nicht vorgeschrieben ist aber, wie umfassend die Aussagen der Betroffenen dabei sind.» Es gehe um die Qualität der Meldungen. Nur dadurch seien die Involvierten in der Lage, die Ereignisketten ­lückenlos anzuschauen und die Sicherheit zu verbessern. «Und wenn sich unsere Lotsen vor Gericht verantworten müssen, obschon sie nicht grobfahrlässig oder vorsätzlich gehandelt haben, leidet diese Qualität.»

Die Flugsicherung bezeichnet das Urteil als «europäischen Präzedenzfall». Denn: In keinem europäischen Land seien bisher Flugverkehrsleiter wegen Fastkollisionen von einem Gericht verurteilt worden.

Das letzte Wort dürfte in diesem Zürcher Fall aber noch nicht gesprochen sein. Zwar will der Verteidiger die schriftliche Begründung des Urteils abwarten. Er kündigt aber an: «Wir werden den Fall tendenziell ans Bundesgericht weiterziehen.»

Nur wenige ähnliche Fälle

Einen anderen Verlauf hatte der zweite derartige Fall, der bisher in der Schweiz zur Anklage gelangte: Am 30. Mai verurteilte das Bundesstrafgericht in Bellinzona einen Flugverkehrsleiter von Skyguide, weil sich zwei Passagierflugzeuge in Zürichs Luftraum zu nahe kamen - und zwar als erste Instanz.

Ein Airbus A319 der portugiesischen Fluggesellschaft TAP und eine Boeing 737 der Ryanair waren dabei auf sich kreuzenden Routen unterwegs, im Steigflug kamen sie sich gefährlich nahe. Die Richter belegten den Lotsen mit einer bedingten Strafe von 60 Tagessätzen à 300 Franken. Der Flugverkehrsleiter hat Ende November Beschwerde beim Bundesgericht eingelegt.

Seit 2014 standen insgesamt drei Lotsen der Skyguide vor Gericht und mussten sich für gefährliche Annäherungen von Flugzeugen verantworten. Zudem hat die Staatsanwaltschaft eine weitere Untersuchung wegen eines Fastzusammenstosses gegen einen Zürcher Towerlotsen eingeleitet.

Erstellt: 12.12.2018, 12:24 Uhr

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