Spekulieren mit Gottes Häusern

Die reformierte Kirche möchte mit Mietwohnungen grosse Gewinne erzielen - selbst Kirchen sollen umgenutzt werden. Dies widerspreche ihrem sozialen Auftrag, sagen Kritiker.

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Das 1908 erbaute Pfarrhaus in Zürich-Hottingen ist von Bäumen umgeben. Hinter dem Haus an der Carmenstrasse liegt ein grosser Garten. Ein Pfarrer wohnt an dieser attraktiven Wohnlage schon länger nicht mehr. Das Haus wird an Studenten vermietet, die von einem tiefen Mietzins profitieren. Doch nicht mehr lange, die Kirche hat andere Pläne: Sie will das denkmalgeschützte Haus zu einem Einfamilienhaus renovieren und dahinter ein dreistöckiges Haus mit sieben Wohnungen bauen. Das Einfamilienhaus und die Wohnungen sollen künftig zu marktüblichen Preisen vermietet werden. Das Haus an der Carmenstrasse wird nicht das einzige bleiben, das umgebaut wird.

Das Potenzial ist gross: Die Infrastruktur der Reformierten Kirchgemeinde der Stadt Zürich ist auf 270'000 Mitglieder ausgerichtet – im vergangenen Jahr zählte die Kirche lediglich noch 86'000 Mitglieder. Die 47 Kirchen und über 150 weitere Liegenschaften sind über das gesamte Stadtgebiet in 34 Kirchgemeinden verteilt. Im Rahmen einer Reform werden alle Gemeinden bis 2019 in einer einzigen Kirchgemeinde vereint. Diesem Ansinnen stimmten die reformierten Stimmberechtigten 2014 zu.

Marktübliche Mieten erzielen

Der Stadtverband der reformierten Kirche koordiniert die Fusion und gibt den Kurs bei den Liegenschaften vor. Wie dieser aussieht, ist im Leitbild Immobilien festgehalten. Sämtliche Liegenschaften werden in zwei Portfolios eingeteilt: Betriebsimmobilien auf der einen, Anlageimmobilien auf der anderen Seite. Während Erstere für den Eigenbedarf der Kirche gedacht sind und die Mieten nur die Kosten decken sollen, will der Stadtverband mit den Anlageobjekten Geld verdienen. Sie sollen einen «bedeutenden Bestandteil des Finanzhaushalts» ausmachen, heisst es im Leitbild. Erreicht werden soll dies mit marktüblichen Mieten.

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In den vergangenen Monaten haben nun die Kirchgemeinden dem Stadtverband mitgeteilt, welche Immobilien sie zwingend brauchen und welche umgenutzt werden könnten. Markus Willy, Bereichsleiter Immobilien des Stadtverbands, hat die Zahlen noch nicht abschliessend zusammengetragen. Er schätzt, dass die Hälfte der 200 Liegenschaften für den Kirchenbetrieb gebraucht wird. Der Rest soll in das Anlageportfolio überführt werden. Bei diesem will der Stadtverband vor allem in Wohnungen investieren: «Da haben wir das grösste Potenzial», sagt Willy. Momentan handelt es sich um rund 160 Wohnungen, die teilweise renoviert und vermietet werden sollen. Wo möglich will die Kirche die Häuser abreissen und Wohnblöcke bauen.

Kirchen nicht unangetastet

Die Strategie betreffe nicht nur alte Pfarr- und Gemeindehäuser, sagt Andreas Hurter: Ebenso wenig bleiben laut dem Präsidenten des Stadtverbands die Kirchgebäude unangetastet. Die Kirche überlege sich, wie man die Gebäude anders nutzen könne. Hurter ist sich bewusst, welche emotionale Bedeutung Kirchen für viele haben.

«Wir ­wollen nicht gerade Autogaragen in Kirchen hineinbauen, wie das in Italien gemacht wird. Aber eine Umnutzung mit Schulungsräumen und Büro wäre denkbar.»Andreas Hurter

Unterstützung erhält Hurter von Christoph Sigrist. Für den bekannten Pfarrer des Grossmünsters wäre es denkbar, dass ein kommerzielles Restaurant in eine Kirche einzieht – solange es einen sozialen Auftrag erfülle. «Die Kirchen sind öffentliche Räume und haben unterschiedliches symbolisches Kapital. Deren Benützung soll vielfältig sein», sagt Sigrist. Das sei in der reformierten Kirche tief verankert. So habe bereits Ulrich Zwingli 1526 den Chor des Grossmünsters zu einem Studienort gemacht.

Für eine Umnutzung der Kirche muss die grosse Hürde des Denkmalschutzes überwunden werden. Von den 47 reformierten Kirchen sind bloss 10 keine Schutzobjekte. «Der Stadtverband steht mit der Stadt Zürich im Dialog, um hier geeignete Lösungen zu diskutieren und zu finden», sagt Hurter. Rechtlich gesehen müssen denkmalgeschützte Kirchen gemäss dem Planungs- und Baugesetz «ungeschmälert erhalten bleiben». Das zeigt: Der Stadtverband wird es schwer haben, Kirchen entsprechend umzunutzen. Ohne die Umnutzung sei es jedoch schwierig, Kirchen langfristig zu bewirtschaften und zu pflegen, sagt Hurter.

Zur Frage, wie viel Ertrag die Kirche mit der neuen Immobilienpolitik erzielen möchte, sagt der Immobilienverantwortliche Markus Willy: «Mit den Immobilien fahren wir heute ein Defizit von rund 10 Millionen Franken ein. In Zukunft rechnen wir mit finanziellen Erträgen, die der Kirche zugutekommen.» Bis es so weit ist, wird es wohl noch 15 bis 20 Jahre dauern. «In der Übergangsphase werden wir die Mehreinnahmen der Mieten in die Renovation und den Neubau von Immobilien stecken», sagt Stadtverbandspräsident Hurter.

Gegner haben schweren Stand

Dass die Kirche auf dem Zürcher Wohnungsmarkt viel Geld machen möchte, passt einigen langjährigen Mitgliedern nicht. So kritisiert etwa der Kirchenpflegepräsident der Kirchgemeinde Aussersihl, Hannes Lindenmeyer: «Als Kirche haben wir eine soziale Verantwortung, wir sollten uns mit unserem Wohnungsbestand als gemeinnützigen Träger verstehen mit verbindlichen Regeln wie eine Genossenschaft.» Lindenmeyer ist auch Delegierter in der Zentralkirchenpflege.

«Ich werde mich für gemeinnützige Mieten einsetzen, aber damit wohl einen schweren Stand haben.»Hannes Lindenmeyer

Seine Prognose stützen bisherige Diskussionen in der Zentralkirchenpflege. Als 2016 das Leitbild diskutiert wurde, forderte eine Kirchenpflegerin, dass kostengünstiger Wohnraum im Leitbild festgehalten werden soll. Sie blieb mit ihrem Anliegen chancenlos, wie aus dem Protokoll hervorgeht. Lindenmeyer setzt sich nicht zuletzt deshalb dafür ein, weil seine Gemeinde – wie auch andere – unter anderem Flüchtlingen Platz bietet.

Bilder: Kirchenumnutzung in Winterthur

Dies sei grundsätzlich auch in Zukunft möglich, sagt Andreas Hurter vom Stadtverband. Allerdings nicht mehr über günstige Mieten, sondern mit Subventionen für einzelne Personen und Projekte. Über diese wird dann nicht mehr die Immobilienabteilung entscheiden, sondern die Kirchenpflege der zusammengelegten Zürcher Kirchgemeinde.

Subventionen schaffen Abhilfe

Verschiedene angefragte Kirchenpfleger befürchten, einige Vereine würden in Zukunft Mühe haben, Subventionen zu erhalten. Auch wenn sie teilweise heute schon marktübliche Mieten bei leer stehenden Wohnungen verlangen, vermieten viele ihre Räumlichkeiten an Organisationen wie die Anonymen Alkoholiker, Jugendtreffs oder Lesegemeinschaften. Diese Organisationen und Vereine sind zwar nicht direkt an die Kirche angegliedert, leisten aber einen Dienst an der Allgemeinheit und können sich keine marktüblichen Mieten leisten.

Der Wollishofer Kirchenpfleger Jean-Pierre Aebersold sieht die Kirche in der Verantwortung, solche Organisationen zu unterstützen: «Wir müssen unsere soziale Verpflichtung wahrnehmen.» Er bezweifelt zudem, dass eine zentralisierte Kirchenpflege künftig über die Unterstützung eines kleinen Vereins in einem Aussenquartier entscheiden kann. Dieser Sorge entgegnet Hurter, die zentrale Kirchenpflege werde entsprechende Entscheidungskompetenzen an Kommissionen delegieren, die in den jeweiligen Quartieren tätig sein werden.

Hurter lässt aber auch durchblicken: In einer Übergangsphase wird es schwierig sein, sämtliche Projekte weiterhin zu unterstützen, die heute von tiefen Preisen profitieren. Doch solche Mieten verbietet künftig das Leitbild Immobilien, das «wichtigste Steuerungsinstrument auf der obersten Führungsebene und für alle Organe verbindlich», wie es in einem internen Bericht des Stadtverbandes heisst. Und im Leitbild steht unmissverständlich, «die im Markt langfristig realisierbaren Erträge» müssten ausgeschöpft werden.

Will die Kirche Organisationen wie die Anonymen Alkoholiker, Jugendtreffs oder Lesegemeinschaften weiter unterstützen, sind diese auf Subventionen angewiesen. Doch die Mittel der Kirche sind beschränkt, und die Verantwortlichen der zusammengelegten Kirchgemeinden werden es sich gut überlegen, Projekte zu unterstützen, die mit der Kirche selbst nicht direkt etwas zu tun haben – auch wenn sie einen wichtigen Dienst an der Allgemeinheit leisten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2017, 07:00 Uhr

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