Spitäler und Kliniken rüsten sich gegen gewalttätige Patienten

Notfallknopf, Sicherheitsdienst, Mitarbeiterschulung: Die Zürcher Spitäler reagieren auf Gewalt.

Gefahrenzone: Eingangsbereich zur Notfallstation des Kantonsspitals Winterthur. Foto: Urs Jaudas

Gefahrenzone: Eingangsbereich zur Notfallstation des Kantonsspitals Winterthur. Foto: Urs Jaudas

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Patienten befinden sich vor allem auf Notfallstationen in erhöhten Stresssituationen. Dies kann bisweilen unerwartet zu Gewalt führen, wie eine Pflegerin in der Fachzeitschrift «Pflegerecht» sagt: «Ich habe nur den Vorhang geöffnet, um Blutdruck, Puls und Vitalparameter der Patientin abzuschreiben. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie sich aufsetzt und ohne jeden Anlass, völlig unerwartet, zuschlägt. Dieser Faustschlag ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.» Auch wenn es sich dabei um ein extremes Beispiel handelt – Pflegende und Ärzte sind oft mit Gewalt konfrontiert.

Das Zürcher Universitätsspital (USZ) registriert jährlich rund 800 Gewaltvorfälle; meistens handelt es sich dabei um verbale Drohungen, hin und wieder um Handgreiflichkeiten. «Unser Sicherheitsdienst wird zunehmend zu Gewalteskalationen gerufen», sagt Claudio Leitgeb, Leiter der USZ-Unternehmenssicherheit. Eine Zunahme solcher Vorfälle stellt die Hälfte der zehn grösseren Spitäler und Kliniken im Kanton Zürich fest, wie eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» zeigt.

Das Kantonsspital Winterthur möchte seinen internen Sicherheitsdienst wegen «zunehmender und schwerwiegender Gewaltereignisse» ausbauen, wie aus einer Ausschreibung hervorgeht, über die diese Woche auch die NZZ berichtet hat. Kaum ein Spital erfasst die Anzahl der Vorfälle statistisch. Das Stadtspital Triemli hat 2015 und 2016 rund 40, im vergangenen Jahr 70 Vorfälle registriert. Das kleinere Waidspital spricht von einem Vorfall pro Woche und die private Klinik Hirs­landen gar nur von zwei bis drei im Jahr. Die Zahlen sind kaum vergleichbar, weil unklar ist, wann ein Fall als Gewaltvorfall wahrgenommen wird.

Heikle Situationen erkennen

Klar ist jedoch: Fast in allen Spitälern sind gewalttätige Patienten und Besucher zunehmend ein Thema. So bietet das Spital Limmattal seit kurzem Workshops mit dem Thema «Interkulturalität und Aggressionsmanagement» an. Am Spital Bülach können Angestellte den Kurs «Deeskalationsmanagement» belegen. Die Spitäler rüsten aber auch mit baulichen Massnahmen auf. Mittlerweile verfügen fast alle über einen Notfallknopf, über den die Polizei oder der eigene Sicherheitsdienst alarmiert wird. Da das Thema Gewalt in den Spitälern wichtiger geworden ist, werden heikle Situationen schneller erkannt. «Gewalt ist in Gesundheitsinstitutionen zu einem grossen Teil voraussehbar», heisst es am Spital Wetzikon. Wie die TA-Umfrage zeigt, findet die Gewalt zumeist nachts und begünstigt durch Alkohol und Drogen statt.

Oft neigen Menschen mit psychischen Krankheiten zu Gewalt, wie mehrere angefragte Spitäler sagen. Deshalb ist die Gewaltprävention insbesondere auch in Psychiatrischen Kliniken ein grosses Thema. Die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW) hat vor fünf Jahren ein Sicherheitsdispositiv aufgebaut, das rund um die Uhr verfügbar ist. Ein eigener IPW-Sicherheitsbeauftragter koordiniert das Zusammenspiel zwischen Pflegepersonen, Ärzten, dem externen Sicherheitsdienst und der Polizei. So kann die IPW die Anzahl der Gewalteskalationen konstant halten, auch wenn die Gewaltbereitschaft kontinuierlich zunehme, sagt der stellvertretende ärztliche Direktor Benjamin Dubno.

An ihre Grenzen stossen vor allem kleinere Institutionen wie beispielsweise die Psychiatrische Klinik Clienia Schlössli in Oetwil am See. «Uns beschäftigen zunehmend die aus Gefängnissen zur Krisenintervention oder mittels Fürsorgerischer Unterbringung zugewiesenen Patienten», sagt der ärztliche Direktor Markus Baumgartner. Der Gewalt begegnet die Klinik mit der Schulung des Personals, einer privaten Sicherheitsfirma, einem flächendeckenden Alarmierungssystem und notfalls der Polizei. Zudem hat die Klinik vor zwei Jahren begonnen, konsequent Anzeige zu erstatten. So landen renitente Patienten auch bei verbaler Gewalt vor Gericht, wie etwa im Fall eines 36-jährigen Kosovaren. Damit ist Clienia im Kanton Zürich eine Ausnahme, wie die TA-Umfrage bei den Zürcher Spitälern und Kliniken zeigt. Dies bestätigt auch eine Studie des Berner Inselspitals: Nur jeder fünfte schwere Vorfall in einem Spital führt zu einer Anzeige. Bei vielen Pflegenden und Ärzten ist die Hemmschwelle dafür zu gross. Je mehr die Institutionen aber gegen die Gewalt unternehmen, desto effektiver kann Gewaltvorfällen vorgebeugt werden.

Erstellt: 08.02.2018, 23:38 Uhr

Bezirksgericht verurteilt Patienten

Wenn Ärzte zu Beamten werden

Da verliert der stämmige Mann die Kontrolle. Er baut sich vor dem stellvertretenden Stationsleiter der Privatklinik Clienia Schlössli in Oetwil am See auf und droht ihm, er werde ihn auffressen und ihm den Kopf abreissen. Der Stationsleiter, ein Stationsarzt und ein Pfleger flüchten in einen angrenzenden ­Büroraum. Sie befürchten, der Patient könne sie ernsthaft verletzen, wie sie später in einer Einvernahme aussagen werden. Die Ärzte haben dem Mann, der sich in einer fürsorgerischen Unterbringung befindet, eröffnet, er müsse in den geschlossenen Teil der Klinik verlegt werden. Das war im Sommer 2017.

Gestern, neun Monate später, sagte der in Kosovo geborene 36-Jährige vor dem Bezirksgericht Uster, es tue ihm leid. Er habe nie die Absicht gehabt, jemandem wehzutun. In einer manischen Phase habe er die Kontrolle über sich verloren. Er räumte die drohenden Worte ein. Und bereits schon in der siebenmonatigen Sicherheitshaft nach dem Vorfall erklärte er sich bereit, eine ambulante Massnahme anzutreten. Seit den vergangenen Weihnachten ist er aus der Haft entlassen und befindet sich mittlerweile in Behandlung an der Psychiatrischen Universitätsklinik. Der Staatsanwalt verlangte vor Gericht für den Mann jedoch eine stationäre Massnahme (kleine Verwahrung nach Art. 59 StGB). Das Bezirksgericht folgte ihm.

Es verurteilte den 36-Jährigen aber nicht wegen mehrfacher «normaler» Drohung (Art. 180 StGB), sondern wegen mehrfacher Drohung gegen Beamte (Art. 285 StGB). Das Gericht ordnete die betroffenen Ärzte als Beamte ein, weil sie eine amtliche Anweisung, die fürsorgerische Unterbringung, vollziehen wollten. Daran habe sie der Beschuldigte durch seine Drohung gehindert.

Über diese Interpretation zeigt sich der Risk Manager der Clienia Schlössli, Stephan Frei, auf Anfrage erfreut: «Es erlaubt uns, im Namen der Klinik eine Anzeige zu erstatten, ohne dass unsere Ärzte als Privatpersonen aktiv werden müssen.» Viele Angestellte sehen von einer Anzeige ab, weil sie dann mit ihrem Namen und der Privatadresse hinstehen müssten. Sie befürchten, in der Folge von den renitenten Patienten aufgesucht zu werden. (zac)

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