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Spurensuche in den Briefen des Vorfahren

Die Maturarbeit von Laura Piveteau gehört zu den fünf Besten im Kanton Zürich. Die 18-Jährige Altstetterin analysierte die 200 Jahre alten Briefe eines ihrer Urahnen.

Reise in die Vergangenheit: Laura Piveteau mit einem Originalbrief des französischen Soldaten Emmanuel Vigoureux.
Reise in die Vergangenheit: Laura Piveteau mit einem Originalbrief des französischen Soldaten Emmanuel Vigoureux.
Sophie Stieger

Dass sie für ihre Maturitätsarbeit 200 Jahre alte Briefe untersuchen würde, das hätte sich Laura Piveteau noch vor wenigen Monaten nicht träumen lassen. «Erst als mir meine Grosstante die Dokumente übergab, hat es bei mir Klick gemacht. Ich wollte wissen, was für ein Mensch der Briefschreiber war.» Lauras Thema für die Maturitätsarbeit war damit gefunden. Die Originalbriefe, die sich seit Generationen im Besitz der Familie befinden, stammen aus der Zeit der Französischen Revolution. Geschrieben hat sie der Soldat Emmanuel Vigoureux, ein Vorfahre Lauras väterlicherseits, der seinen Eltern von den Feldzügen berichtete.

Die Schülerin der Kantonsschule Wiedikon hat die Briefe eigenhändig übersetzt und mit viel Aufwand einen Zettelkatalog von beeindruckendem Ausmass angelegt, damit sie mit den Quellen effizient arbeiten konnte. Ihre 46-seitige Arbeit mit dem Titel «Un soldat de lan II, Analyse von Briefen aus den Jahren 1793 bis 1797» wurde mit dem höchsten Preis der ETH für Maturitätsarbeiten ausgezeichnet und war Teil der Ausstellung «Die hellsten Köpfe Zürichs» im Stadthaus. Was sie mit dem Preisgeld von 1000 Franken macht, weiss die Maturandin noch nicht. Es kommt vorläufig aufs Sparkonto. «Ich hätte nie gedacht, dass meine Maturarbeit zu den fünf Besten von insgesamt 50 des Kantons gehört.»

Sorgen um die Originaldokumente

Die 18-Jährige ging bei ihrer Arbeit sehr systematisch vor. Zuerst las sie alle 68 Briefe durch. Dabei war das Altfranzösisch kein Problem, da ihre Muttersprache Französisch ist. «Äusserst aufwendig und schwierig war es aber, die Schrift zu entziffern.» In vielen Fällen war Emmanuel Vigoureux' Gekritzel unleserlich. Dazu kamen viele Schreibfehler. Das spielte damals keine Rolle, denn Texte wurden nicht anhand ihrer Rechtschreibung beurteilt, sondern aufgrund ihres Inhalts und Stils. Sorgen bereitete der Maturandin auch der Zustand der Briefe. Bei den Bearbeitungen bestand immer wieder das Risiko, die alten Dokumente zu beschädigen. «Das Briefpapier ist vergilbt und mit der Zeit brüchig geworden», sagt sie. Einige Briefe weisen Einrisse auf, an manchen Stellen ist die Tinte verblasst. Zur Schonung der Originaldokumente begann sie, diese mit dem Computer ins Reine zu tippen. «Das Abschreiben hat mir eine Gesamtübersicht und die Verinnerlichung des Inhalts ermöglicht.»

Nach der Übersetzungsarbeit begann die eigentliche Auswertung der Briefe. Wissenswertes notierte sie säuberlich auf 58 Karteikarten, das Wesentliche hielt sie mit Stichworten fest. «Je nach Thema habe ich dann die relevanten Karteikarten ausgewählt und mir so eine Gesamtübersicht der Quellen zu einem bestimmten Kapitel verschafft.» Parallel dazu recherchierte sie im Internet und las Fachbücher über die Französische Revolution, um den Inhalt der Briefe mit den Standpunkten der Historiker zu vergleichen. Unterschätzt hat sie den Zeitaufwand für die Suche nach Literatur. «Es gibt unglaublich viele Bücher über die Französische Revolution, aber es kostet sehr viel Zeit, die Themen einzugrenzen», sagt sie rückblickend. Manchmal sei die Rekonstruktion von Vigoureux' Reisen wie eine Detektivarbeit gewesen. Aus Indizien und Nebenbemerkungen wurden neue Tatsachen, nebensächliche Details wuchsen zu wichtigen Aspekten heran.

Entstanden ist, wie ihr Deutschlehrer und Betreuer Michel Bourquin anmerkt, fast eine wissenschaftliche Arbeit, da alle Kriterien der Quellenarbeit eingehalten wurden. Und es sei das erste Mal in der Geschichte der Kantonsschule Wiedikon, dass eine Schülerin von der ETH eine so hohe Auszeichnung erhalte.

Chemiestudium im Herbst

Im ersten Teil der Maturitätsarbeit wird dem Leser Vigoureux' Reise durch Belgien und die Normandie präsentiert, während im zweiten auf einzelne Themen wie beispielsweise Kleidung, Krankheit, Geld oder auch die Funktion der Post ausführlich eingegangen wird.

Kann man durch das Lesen von Briefen eine Person überhaupt erfassen? Nicht wirklich, sagt Laura. Sie verspüre sowohl Sympathie als auch Abneigung ihrem Vorfahren gegenüber, seine Persönlichkeit sei schwierig zu rekonstruieren. Er beschreibt weder seinen Tagesablauf noch seine menschlichen Beziehungen in der Armee. Aber man könne aus den Dokumenten herauskristallisieren, dass er wichtige historische Ereignisse miterlebt hat. Piveteau: «Seine Berichte stimmen mit denen der Historiker überein.»

Die Maturarbeit habe ihr geholfen, die Zeit der Französischen Revolution besser zu verstehen, meint Laura. Dieses Kapitel ist für sie nun abgeschlossen, was folgt sind die Maturprüfungen im Juli. Und dann ein Studium der Geschichte? «Nein», winkt sie ab, «im Herbst fange ich mit meinem Chemiestudium an.»

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