Staatsanwalt gegen Staatsanwalt

Ab den 90er-Jahren machte die Strafjustiz ernst mit der Verfolgung von Pädophilie. Sogar gegen den leitenden Staatsanwalt wurde ermittelt.

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Jetzt hat auch die Schweiz ihren Fall Odenwald. Das hessische Landerziehungsheim wurde vor zwei Jahren geschlossen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass der ehemalige Schuldirektor in den 70er- und 80er-Jahren mehrere Schüler sexuell missbraucht hatte. Er hatte als Reformpädagoge gegolten wie Jürg Jegge, der Begründer der Sonderschule Embrach. Jegge war bekannt für seinen freundschaftlichen, lockeren Umgang mit den Schülern, den er später auch mit den Lehrlingen in der Stiftung Märtplatz praktizierte. Hier bekamen Jugendliche eine Chance, die an anderen Orten gescheitert waren.

Die Vorwürfe, die Markus Zangger in seinem Buch formuliert, vor allem aber die Aussagen von Jürg Jegge selber im TA-Interview zeigen nun auf: Der Pädagoge hat in den 70er- und 80er-Jahren seine Machtstellung missbraucht gegenüber Kindern und Jugendlichen, die ihm anvertraut worden waren.

«Spinnt ihr eigentlich!»

Rechtfertigen sollten die Übergriffe eine falsch verstandene Befreiung der Sexualität im Geiste der 68er. Die Theorie hatte der 1957 verstorbene US-Psychoanalytiker und Orgasmusforscher Wilhelm Reich begründet, dessen Körpertherapie die «Panzerung des Körpers» durch die sexuelle Verklemmung auflösen sollte.

Selbst in renommierten Medien wurde damals darüber debattiert, ob Pädophilie als Form der Sexualität zu anerkennen sei. Das Zürcher Kanzleizentrum war noch Ende der 80er-Jahre mit der Anfrage einer Pädophilengruppe konfrontiert, welche die Räume des autonom geführten Treffpunkts nutzen wollte. Die Betreibergruppe lehnte ab. Eine «Fach- und Selbsthilfegruppe» zum Thema bildete sich danach am reformiert-kirchlichen Zentrum Boldern.

Bis in die 80er-Jahre war praktizierte Pädophilie auch für die Strafverfolgung in Zürich kein grosses Thema. Sie galt lange als Form überbordender Knabenliebe, die verzeihlich schien, weil man vorgab, Kinder zur freien Sexualität zu führen. So, wie es Pädagoge Jegge 2015 in seinem Schreiben an das einstige Opfer Zangger formulierte: «Es ging um eine Befreiung der Seelen und der Köpfe von den Zwängen, die sie bis jetzt in Schach gehalten hatten.»

Es ist kein Zufall, dass der Journalist Hugo Stamm Zanggers Erfahrungen aufgezeichnet hat. Stamm war bis zu seiner Pensionierung jahrzehntelang als Sektenexperte für den «Tages-Anzeiger» und Buchautor tätig. In dieser Rolle wurden ihm unzählige therapeutisch verbrämte sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche aus dem Innern von Sekten zugetragen. Die Justiz schaute lange weg – weswegen heute viele Übergriffe verjährt sind.

Er beschuldigte einen Gerichtspräsidenten, der aus seinen sexuellen Abenteuern mit Jugendlichen in Pariser Bordellen nie ein Geheimnis machte.

Erst Ende der 80er-Jahre nahm sich eine Gruppe innerhalb der Zürcher Sittenpolizei des Themas an. Im Fall eines bekannten Zürcher Pädophilen, der im Verdacht stand, sich an seinen Stiefkindern vergriffen zu haben, hatte ein Zeuge moniert, dass man nur die Kleinen verfolge, während man die Grossen laufen lasse. Er beschuldigte in der Folge einen Gerichtspräsidenten, der aus seinen sexuellen Abenteuern mit Jugendlichen in Pariser Bordellen nie ein Geheimnis machte. Der Mann, zu jener Zeit allgegenwärtig in Zürichs Kulturleben und der hiesigen Edelgastronomie, stand offen zu Homosexualität und Promiskuität. Die Fahnder der Gruppe Puma observierten und fotografierten ihn zeitweilig auf seinen Wochenendreisen nach Paris und übergaben ihn dort den französischen Fahndern. Sie kamen aber zu keinen belastenden Indizien.

Marcel Bertschi, der damalige Leiter der Staatsanwaltschaft, beendete schliesslich das Verfahren, weil keine stichhaltigen Verdachtsgründe gegen den Gerichtspräsidenten vorlagen. Nun geriet Bertschi selber ins Visier der Ermittler. Die Sittenpolizei verdächtigte ihn, den Gerichtspräsidenten aus Solidarität unter Pädophilen zu decken. Bertschi betont heute, dass er mit Pädophilie nie das Geringste zu tun gehabt habe. Den Vorwurf, dass er den Gerichtspräsidenten aus Solidarität gedeckt habe, hält er für absurd: «Hätten wir irgendwelche stichhaltige Indizien gehabt, hätten wir mit Handkuss gegen ihn ermittelt – schliesslich hat er uns verschiedentlich Urteile gekippt.»

Trotzdem begann damals Andreas Brunner, Anfang der 90er-Jahre einer der jüngsten Staatsanwälte im Kanton Zürich, gegen seinen Chef zu ermitteln. Brunner war von einem Bezirksanwalt über vage Verdachtsgründe informiert worden, Bertschi solle Knaben auf sein Motorboot auf dem Zürichsee mitnehmen. Die damaligen Ermittlungen gegen seinen Chef seien für ihn eine höchst heikle Aufgabe gewesen, sagt er heute – etwas wortkarg. Er habe sie nicht allein übernehmen wollen und deshalb den erfahrenen Kollegen und früheren Chef Jürg Faes um Mitwirkung gebeten. Faes hatte seinerzeit gegen den Sexualstraf­täter René O. ermittelt.

Die Ermittlungen gegen Bertschi ergaben keinerlei Hinweise auf eine Straftat. Bertschi erfuhr von der Polizei von den Ermittlungen gegen ihn und zitierte die beiden Untergebenen in sein Büro. Brunner sagt demgegenüber, sie hätten den Chef aus eigener Initiative über den Abschluss der Vorermittlungen informiert. Bertschi soll darauf gelassen reagiert haben. Er habe die Regeln des Spiels gekannt, sein Kommentar sei einzig gewesen: «Spinnt ihr eigentlich!» Aber dies soll er seine Untergebenen des Öfteren gefragt haben.

Kriminalisierung in den 90ern

Der Zürcher Streifenpolizist und Hobbyschriftsteller Peter Mathys deutet diese Geschichte ohne Namensnennung an in seinem kürzlich veröffentlichten Kriminalroman «Schlimmer Verdacht» – einer Mischung aus Fakten und Fiktion mit realem Hintergrund.

Laut der Zürcher Uniprofessorin Svenja Goltermann hat sich exakt damals die gesellschaftliche Haltung gegenüber der Pädophilie klar verschoben in Richtung Pathologisierung und Kriminalisierung: «Anders als noch um 1980 gibt es seither kaum mehr Stimmen, die dafür werben, Pädophilie etwa mit Homosexualität gleichzustellen.»

Ein wesentlicher Grund dafür sei das wachsende Bewusstsein um die Langzeitfolgen von sexuellen Übergriffen in der Kindheit gewesen. «Seit den 90er- Jahren hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung der psychischen Folgen sexuellen Missbrauchs deutlich ausgeweitet», sagt Goltermann, «praktizierte Pädophilie wird heute gleichgesetzt mit sexuellem Missbrauch von Kindern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2017, 09:52 Uhr

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