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Stadträte wieder öfter im «Erholungsheim»

Vor 200 Jahren wurde Carl Anton Ludwig von Orelli geboren, der Gründer des Wildparks Langenberg. Sein einstiges Wohnhaus ist bei gestressten Stadträten als Refugium beliebter denn je.

Das Chalet ist idyllisch gelegen: mitten im Wildpark Langenberg, umgeben von einem Garten mit hohen Bäumen, weit ab von anderen Wohnhäusern. Das 7-Zimmer-Holzhaus, Baujahr 1873, stammt vom Waldpionier und Gründer des ersten Schweizer Zoos, Carl Anton Ludwig von Orelli, der vor 200 Jahren, am 1. Oktober 1808, geboren wurde. Nach seinem Tod hinterliess er das Chalet der Stadt Zürich als Sommersitz und «Erholungsheim für deren Stadtväter».

Als Ort des Rückzugs ist das Haus mit prächtiger Sicht aufs Sihltal und die Glarner Alpen bei den jetzigen Stadträten sehr beliebt, wie Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements, sagt. Das Ferienhaus werde «intensiv genutzt» und sei deutlich mehr belegt als in früheren Jahren. Derzeit ist es während mehr als 10 Monaten im Jahr gebucht, was einer Auslastung von 80 Prozent entspricht.

Stadträte müssen selber kochen

Ein Grund für die im Vergleich zu früher bessere Auslastung ist laut Spinner das verbesserte Management des Hauses durch die städtische Immobilien-Bewirtschaftung und die vermehrte Pflege. Damit sei ein Aufenthalt im Orelli-Haus für die Stadträte wieder attraktiver geworden: «Sie können ein- und ausziehen ohne Bürokratie, und alles ist jeweils bestens aufgeräumt.» Einen Hotelbetrieb gibt es aber nicht, die Stadträte müssen selber kochen. Vor einigen Jahren wurde das Chalet für 200 000 Franken aufgepeppt, dies unter der Federführung der Zürcher Architektin Gret Loewensberg, der Ehefrau von Bundesrat Moritz Leuenberger.

Welche Stadträte wie oft im Orelli-Haus wohnen, wird nicht verraten. Spinner: «Eine Frage der Diskretion, das gehört zur Privatsphäre.» Immerhin: Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) hatte sich vor einigen Jahren sehr positiv über ihre regelmässigen Aufenthalte im Orelli-Haus geäussert und den «sehr hohen Erholungswert» bei gleichzeitiger Nähe zu Zürich gelobt. Robert Neukomm (SP) dagegen gab damals an, nur sehr selten dort einzukehren.

Vom Lebemann zum Einsiedler

Deutlich mehr Informationen bietet die Stadt über den Erbauer des Hauses, Carl Anton Ludwig von Orelli. Dem Leben und Wirken dieser schillernden Figur, der vom schneidigen Offizier und Lebemann zum Einsiedler und Asketen wurde, widmet Grün Stadt Zürich in der neuesten Ausgabe ihrer Zeitschrift «Grünzeit» einen ausführlichen Bericht.

Von Orelli wurde in Zürich geboren. Sein Vater war Offizier in englischen Diensten, und auch er schlug die militärische Laufbahn ein. Als 18-Jähriger wurde er Leutnant unter General Dufour und diente bis 1830 als Königsleutnant in der Schweizer Garde in Paris, «galanten Abenteuern nicht abgeneigt», wie es im Artikel heisst.

Nach seiner Rückkehr studierte er in Deutschland Forstwirtschaft und wurde 1835 vom Stadtrat zum Forstmeister ernannt. Das blieb er 40 Jahre lang, wobei er die Forstverwaltung im Sinne einer rationellen Bewirtschaftung umbaute. Von Orelli steigerte das Durchschnittsalter der Bäume und den Holzvorrat pro Hektare merklich. Er gab die Flösserei durch das Sihltal zugunsten des Landtransports auf und konnte dadurch die Verluste an Baumstämmen und die hohen Kosten der Uferinstandhaltung verringern. Vor allem aber stiftete er 1869 den Wildpark Langenberg und legte damit den Grundstein zum ältesten Zoo der Schweiz.

Von Orelli war ein Mann mit vielen, oft widersprüchlichen Charaktereigenschaften. So wird er als umsichtiger Forstmeister, sensibler Verhandlungspartner und gewinnender Gastgeber beschrieben. Gleichzeitig galt er aber auch als Original und war von einer für seine nähere Umgebung «nicht leicht zu ertragenden Eigenwilligkeit». Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, dass seine Frau sich nach sechzehn Ehejahren wieder von ihm scheiden liess.

Nach der Scheidung zog sich von Orelli immer mehr zurück und wurde zum Eremiten. Im Chalet schlief er auf dem Boden, als Unterlage diente ihm ein Bärenfell, den Kopf bettete er auf ein Holzscheit.

Sarg schon zu Lebzeiten bereit

Jeden Morgen schritt er hinunter zum Gontenbach, wo er sich zu jeder Jahreszeit beim Wasserfall im Bach wusch, was ihn abhärten sollte. Von Orelli soll sich schon sehr früh mit dem Gedankengut der Lebensreformer («Licht, Luft, Sonne») und mit dem Naturismus auseinandergesetzt und damit sympathisiert haben. Am 28. Januar 1890 starb von Orelli im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Erkältung. In seinem Testament hatte er festgelegt, dass er im neuen Krematorium in Zürich verbrannt werden sollte, in einem Sarg, den er sich schon Jahre zuvor hatte anfertigen lassen. Heute erinnert eine schlichte Gedenktafel an einem Findling im Bärengehege des Wildparks an den Gründer des Parks.

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