«Sterben ist keine Randerscheinung»

An Allerheiligen gedenken viele ihrer toten Angehörigen. Kulturwissenschafterin Christine Süssmann über die Angst vor dem Sterben.

Ein Totenschädel aus der Ausstellung «Der Leichnam» im Friedhof-Forum Sihlfeld in Zürich. Foto: Thomas Egli

Ein Totenschädel aus der Ausstellung «Der Leichnam» im Friedhof-Forum Sihlfeld in Zürich. Foto: Thomas Egli

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Ist ein Tag, an dem man der Toten gedenkt, überhaupt noch zeitgemäss?
Das müssten Sie vielleicht die Personen fragen, die in diesen Tagen auf die Friedhöfe gehen und die Gräber ihrer Verstorbenen herrichten. Von denen gibt es viele. Mir gefällt, dass jede Jahreszeit mit Feiertagen zu unterschiedlichen Ritualen einlädt. Auch das Friedhof-Forum in Zürich lässt sich darauf ein: Jedes Jahr machen wir am 1. November ein Podiumsgespräch im Stadthaus. Diesmal geht es um die Frage, was Sterbende am meisten bereuen. Die 200 Plätze sind schon seit Tagen ausgebucht.

Auch Ihre aktuelle Ausstellung «Der Leichnam» handelt vom Umgang mit den Toten. Beschäftigen wir uns zu wenig mit ihnen?
In der Schweiz wird alle sieben bis acht Minuten ein Mensch zu einem Leichnam. Sterben ist keine Randerscheinung. Es betrifft ausnahmslos alle. Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis, sich damit zu beschäftigen. Niemand weiss, was der Tod ist, der Leichnam ist das einzige materiell greifbare Zeichen, das uns bleibt. Es macht einen grossen Unterschied, ob ich mich nur mental oder körperlich mit Toten auseinandersetze. Gedenkstätten sind nach wie vor aktuell und entwickeln sich auch in neuen Formen, zum Beispiel im Internet. Hingegen trifft man einen toten Menschen im realen Leben nicht mehr ohne weiteres. An Abdankungsfeiern zum Beispiel sind die Verstorbenen schlicht nicht mehr da.

Inwiefern ist das ein Verlust?
Fast alle Menschen in der Schweiz sind heute in der komfortablen Lage, nicht ständig um ihr Leben oder das ihrer ­Lieben bangen zu müssen. Das ist ein Gewinn. Der Tod ist in den letzten Jahrzehnten immer berechenbarer geworden. Zugleich aber auch unsichtbarer. Für unsere Gross- oder Urgrosseltern waren Tote einfach da. Um 1900 betrug die Lebenserwartung in Zürich durchschnittlich 48 Jahre, heute sind wir bei 83,5 Jahren.

Die Begegnung mit dem Tod gehörte zum Alltag.
Der deutsche Politiker und Publizist August Bebel, der 1913 auf dem Friedhof Sihlfeld bestattet wurde, hatte schon mit 19 Jahren kein einziges Familienmitglied mehr. Vor seiner Geburt hatten seine Eltern ein Mädchen verloren, als Bebel 4-jährig war, starb sein Vater, mit 5 verlor er einen Bruder, mit 6 seinen Stiefvater, mit 13 Jahren die Mutter. 6 Jahre später verstarb sein zweiter Bruder. Heute kann man alt werden, ohne jemals einen toten Menschen gesehen zu haben. Zugleich wissen wir alle, dass wir der Erfahrung des Sterbens nicht entkommen und ein Mensch, den wir lieben, vielleicht vor uns zum Leichnam wird. Dieses ganz Sichere auf der einen Seite (ich werde sterben) und das Unsichere auf der anderen (ich habe keine Ahnung, wie Sterben vor sich geht) hat etwas ­Unbehagliches.

Sollten wir mehr Tote im realen Leben ansehen als im Kino und im TV?
Das weiss ich höchstens für mich selbst. Einen Leichnam real zu sehen, löst wohl in jedem Menschen etwas aus. Ob das als gut oder belastend empfunden wird, ist sicher sehr individuell. Es gab Zeiten, da hat mich die Auseinandersetzung mit dem Lebensende nach unten gezogen. Heute ist es umgekehrt, ich finde das Thema belebend.

Was wirft der Tod für Fragen auf?
Im eher praktischen Bereich sind sie vielleicht gar nicht so weit weg von denen, die sich am Lebensanfang stellen. Hier tun wir viel, damit ein Baby gut ins Leben kommt, die Mutter besucht einen Kurs, damit sie entspannt und angstfrei gebären kann. Die Eltern richten sich darauf ein, bald ein Familienmitglied mehr zu haben. Wenn es da ist, wiegen sie es mit Liedern in den Schlaf. Sie begleiten ihr Kind von der völligen Hilflosigkeit in die Selbstständigkeit. Am Ende gibt es das alles auch, nur umgekehrt.

Hat das Bedürfnis, sich mit dem Tod zu befassen, zugenommen?
Als wir vor vier Jahren mit dem Friedhof-Forum starteten, wussten wir nicht, wie gross das Interesse an einem «Büro für die letzte Reise» sein würde. Jetzt stellen wir fest, dass viele Veranstaltungen ausgebucht sind. Derzeit ist vor ­allem das Sterben sehr im Gespräch. ­Weniger oft wird über das geredet, was nach dem Tod kommt – über den ­Leichnam, Bestatten, Trauern und die Vorstellungen vom Jenseits.

Wie wichtig ist die Bestattungskultur?
Die hat sich verändert. In Zürich werden heute 40 Prozent der Verstorbenen in einem Gemeinschaftsgrab bestattet. Mitte der 80er-Jahre waren es erst 7 Prozent. Wenn Sie über die älteste Abteilung des Friedhofs Sihlfeld spazieren, sehen Sie, was vor 100 Jahren ein begehrtes Grab war: Wer Rang, Namen und Geld hatte, kaufte ein Familiengrab und setzte sich auf dem Friedhof ein Denkmal. Die Bedeutung des Grabes hat sich gewandelt, zum Beispiel sind Angehörige heute oft froh, wenn sie es nicht selbst pflegen müssen.

Sie befassen sich seit Jahren mit dem Tod. Hilft Ihnen das, Ängste abzubauen?
Ich habe trotzdem einen Heidenrespekt. Der Tod ist eine Erfahrung, die man zwingend machen muss, und das zum ersten Mal. So etwas ist extrem beun­ruhigend. Aber die Arbeit im Friedhof-Forum hat schon eine gute Wirkung auf mich. Vor ein paar Tagen zeigten wir zum Beispiel den Film «Nokan» im ehemaligen Krematorium auf dem Friedhof Sihlfeld. Der Spielfilm handelt von japanischen Ritualen im Umgang mit Toten. Das war ein sehr guter Abend. Es hatte mit Zuversicht und Trost zu tun, mit einer Heiterkeit auch. Und mit Gemeinschaft.

Was, glauben Sie, kommt nach dem Tod?
Das ist etwas sehr Intimes. Ich möchte die Haltung bewahren, eine Unwissende zu sein, und Informationen sammeln, die für mich einen Wert haben. Manche Leute sind sicher, dass nach dem Tod alles aus ist. Andere erzählen mir von Hinweisen, die sie von Verstorbenen erhalten haben. Es gibt auch die Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Dann spricht man zum Beispiel davon, «unsterblich» verliebt zu sein. Dieses Unsterbliche im Leben von Menschen ist das, was mich derzeit interessiert. Vielleicht ist es das, was man Seele nennt. Früher hat man, wenn jemand gestorben war, die Fenster aufgemacht und die Spiegel verhängt, damit die Seele entschwinden konnte. Schon immer haben die Menschen gedacht, dass nach dem Tod etwas entschwindet.

Erstellt: 30.10.2016, 22:41 Uhr

Christine Süssmann
Die 56-jährige Kulturwissenschafterin leitet seit 2012 das Friedhof-Forum Zürich. Das «Büro für die letzte Reise» will nach eigenen Angaben eine Anlaufstelle sein für all jene Personen, die sich für die Themen Sterben, Tod, Bestatten und Trauern interessieren. (TA)

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