Sternenberg sucht den Ausweg aus der Schuldenfalle

Die kleine Gemeinde im Zürcher Oberland soll mit Bauma fusionieren, damit sie überleben kann. In einem Monat stellen die Stimmberechtigten die Weichen.

Die Kirche, der Sternen und ein paar Häuser: Sternenberg hat kein richtiges Dorfzentrum, sondern ist eine Ansammlung von Weilern. (5. Februar 2013)

Die Kirche, der Sternen und ein paar Häuser: Sternenberg hat kein richtiges Dorfzentrum, sondern ist eine Ansammlung von Weilern. (5. Februar 2013) Bild: Nicola Pitaro

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Die Gemeinde Sternenberg ist nicht nur die höchstgelegene im Kanton Zürich. Sie ist auch die am höchsten verschuldete. Beides ist nicht mehr der Fall, falls Sternenberg mit Bauma fusioniert.

Ein Zusammenschluss ist wahrscheinlich. Das räumen selbst Gegner wie Ernst Wehrli ein. «Der Druck, den die Politik ausübt, ist gross», sagt der pensionierte ETH-Forscher, der dort oben seit 30 Jahren lebt und ein Landstück als Teilzeit-Bergbauer bewirtschaftet. Der Druck? Es geht ums Geld: Der Kanton stellt 2017 Zahlungen aus dem Finanzausgleich ein. Ohne Fusion müsste Sternenberg danach den Steuerfuss von heute 122 Prozent auf 170 erhöhen.

Den ersten Schritt hin zum Zusammenschluss tut die Berggemeinde mit ihren 350 Einwohnerinnen und Einwohnern am 3. März: Dann stimmen sie an der Urne darüber ab, ob ihr Gemeinderat die Fusionsverhandlungen mit der Gemeinde Bauma (4200 Einwohner) aufnehmen oder das ganze Vorhaben abbrechen soll. Bei einem Ja finden die definitiven Fusionsabstimmungen in beiden Gemeinden im November statt.

Gesuch ist bereits geschrieben

Vorgespurt ist der Zusammenschluss der beiden Oberländer Nachbarn bereits. Gespräche laufen seit einiger Zeit. Und falls die Sternenberger am 3. März Ja sagen, schickt der Gemeinderat schon am nächsten Tag dem Kanton ein Gesuch, Schulden von Sternenberg zu übernehmen. Geschrieben ist der Brief bereits, wie Gemeindepräsidentin Sabine Sieber (SP) sagt.

Wäre die Gemeindefusion nicht angestanden, Sieber wäre vor drei Jahren nicht zur Wiederwahl angetreten. Diese Aufgabe wollte sie nicht einem neuen Gemeindepräsidenten aufbürden. Die gelernte Hauswirtschaftslehrerin ist 1990 nach Sternenberg gezogen, um den Dorfladen zu übernehmen. Sie verliebte sich in einen Landwirt und heiratete. Und stieg schon bald in die Politik ein. 1994 liess sie sich in den Gemeinderat wählen, 2002 wurde sie Gemeindepräsidentin. Seit drei Jahren ist sie zudem Kantonsrätin.

Das Armenhaus des Kantons

Sieber ist eine Zuzügerin wie mittlerweile die Mehrheit der Sternenberger. Dadurch habe sich die Stimmung in der Gemeinde verändert, sagt Peter Kaul. Der pensionierte Lehrer und Gemeindechronist glaubt, dass vor 20, 30 Jahren der Gedanke an einen Zusammenschluss mit einer anderen Gemeinde nicht möglich gewesen wäre. Damals hatte Sternenberg vor allem ein Attribut: Armenhaus des Kantons. Mit dem Film «Sternenberg» im Jahr 2004 hat sich das Bild gewandelt: Als sympathischer Rebell sorgt Franz Engi (dargestellt von Mathias Gnädinger) dafür, dass die Bergschule nicht schliessen muss, weil er sich als 69-Jähriger nochmals einschulen lässt.

Doch nicht nur das Bild von aussen hat sich gewandelt. In den letzten 40 Jahren ist Sternenberg stark gewachsen: 1970 wohnten nur noch 280 Personen in der Berggemeinde, seit Jahren sind es um die 350. Und doch ist das wenig, schaut man aufs vorletzte Jahrhundert zurück: 1850 lebten 1431 Personen auf den knapp 9 Quadratkilometer Fläche. Sternenberg war damit einwohnermässig die fünftgrösste Gemeinde im Bezirk Pfäffikon. Viele Familien hatten 10 bis 14 Kinder.

Genau diese Zeit war für Sternenberg politisch turbulent. Der Gemeinderat hatte sich derart verkracht, dass Zürich einen Statthalter schicken musste, der die Geschicke der Gemeinde von 1848 bis 1856 steuerte. Er verstarb im Amt, die Gemeinde erhielt danach die Selbstständigkeit zurück.

Selbstständig, individuell, zurückhaltend

Die Geschichte, aber auch die Landschaft hätten die Bewohner geprägt, sagt Peter Kaul. «Der Sternenberger ist selbstständig, individuell, etwas zurückhaltend und hat eine eigene Meinung», sagt er. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sei für ihn selbstverständlich. Und damit auch die Nachbarschaftshilfe.

Die meisten Sternenberger wohnen auf dem sanften Hügelzug, der ein Ausläufer des 1133 Meter hohen Hörnli ist, einige aber auch in den 15 schroffen Taleinschnitten. Ein Dorfzentrum existiert nicht: Neben Kirche und Restaurant stehen gerade mal ein halbes Dutzend Häuser. Es gibt weitere kleine Weiler wie das Gfell, ansonsten sind Häuser und Höfe über das ganze Gemeindegebiet verstreut.

Fusion geht zu schnell

Zuzüger suchen genau diese Ruhe, die durch die verstreuten Strukturen entsteht. So auch das Bergbauernehepaar Müffel Gaberthüel und Brigitta Zbinden, das den Hof in der Oberen Hofrüti seit 1986 bewirtschaftet. Es hat sich in Sternenberg einbürgern lassen. «Für uns gibt es nicht nur Schwarz und Weiss, Ja oder Nein», sagt Gaberthüel. Ihnen geht die Veränderung, die die Politik mit der Fusion anstrebt, zu schnell. Es bleibe kaum Zeit, um Visionen anzugehen.

Er selber hat eine: «Als Alternative zu einer Übernahme könnte man doch finanzstarke Gemeinde, Städte oder auch Sponsoren suchen, die den fehlenden Finanzausgleich übernehmen könnten», sagt der Bergbauer. «Es gibt grosse Städte, die Geld für Partnerschaften mit chinesischen Städten ausgeben. Warum können sie es nicht für das Kleinod des Kantons einsetzen, um dieses zu erhalten?» Denn viele Städter würden in Sternenberg die Erholung suchen. Er wisse, seine Idee töne ein wenig verrückt, sagt er. Doch genau so etwas Verrücktes sei schliesslich auch im Film «Sternenberg» geschehen. Es tue weh, mitzuerleben, wie mit der «Zentralisierung der Politik via Geldhahn Sternenberg zum Sozialfall gemacht wird und eine spezielle Gemeinde verschwinden soll».

Sternenberg–Lausanne

Solch kritische Stimmen sind selten in Sternenberg. Marianne Brühwiler, Wirtin des Gasthauses Sternen, hört aus Gesprächen der Sternenberger positive Zeichen heraus. Die Einwohner hätten auch schon einiges hergeben müssen: Das Zivilstandsamt ist ebenso in Bauma wie das Betreibungsamt, die Feuerwehren wurde zusammengelegt. Post und Lädeli sind weg. Für sie als Wirtin und die Einwohner sieht sie auch Vorteile. Zum Beispiel, dass die Kosten fürs Wasser sinken. Heute bezahlt sie dafür pro Jahr 6000 Franken, nach der Fusion rechnet sie mit einem Drittel davon. Und sie hofft, dass Vereine aus Bauma nach 2015 auch mal eine Veranstaltung in ihrem Lokal abhalten.

Ganz ohne Bedenken sind auch die Befürworter des Zusammenschlusses nicht. Die Angst vor einem Identitätsverlust und einer Fremdbestimmung von Sternenberg existiert. Dorfhistoriker Kaul wird am 3. März an der Urne ein Ja einlegen. Er hat aber Angst, dass der Name Sternenberg verloren gehen wird. «Ich werde alles daransetzen, dass die Gemeinde Sternenberg-Bauma oder zumindest Bauma-Sternenberg heisst», sagt er. Dafür werde er bis nach Lausanne gehen, wo das Bundesgericht tagt.

Erstellt: 11.02.2013, 07:39 Uhr

Gemeindefusionen

Ab 2017 gibt es keine Extrahilfe mehr

Erstmals nach 80 Jahren fusionieren Anfang nächsten Jahres mit Bertschikon und Wiesendangen wieder zwei Gemeinden im Kanton Zürich: Die Stimmbürger haben zu diesem Zusammenschluss im vergangenen September Ja gesagt. «Es ist ein vernünftiger und ­zukunftsweisender Entscheid», sagte damals Brigitte Boller, Gemeindepräsidentin von Bertschikon.

Ebenfalls auf Anfang 2014 wollten die Gemeinderäte Hofstetten und Schlatt zusammenlegen. Doch die Stimmbürger von Hofstetten lehnten die Fusion am 25. November deutlich mit 73 Prozent Nein-Stimmen ab. Am gleichen Abstimmungswochenende haben die Kyburger dagegen einer Eingemeindung zugestimmt. Der Gemeinderat, der ursprünglich dagegen war, muss nun einen ­Zusammenschluss mit einer Nachbar­gemeinde prüfen. Im Flaachtal laufen erste Vorbreitungsgespräche zwischen den Gemeinden Berg, Buch, Dorf, Flaach und Volken.

Hintergrund der Fusionsbestrebungen ist der neue Finanzausgleich. Der maximale Steuersatz im Kanton beträgt momentan 122 Prozent. Dieser wird für die Jahre 2014 und 2015 um 1 oder 2 Prozentpunkte ansteigen und im Jahr 2016 nochmals erhöht. Ab 2017 gibt es keinen Höchststeuersatz mehr. Das bedeutet, die Kleinstgemeinden erhalten keine strukturerhaltenden Beiträge mehr. Der Kanton macht Fusionen zudem schmackhaft mit Entschuldungen und Fusionsbeiträgen. Die letzten Gemeindefusionen im Kanton gehen auf das Jahr 1934 zurück. Schon damals gaben die schlechten Finanzen in der Folge der Weltwirtschaftskrise den Ausschlag, dass sich Oerlikon, Seebach, Affoltern, Schwamendingen, Witikon, Höngg, Alt­stetten und Albisrieden der Stadt Zürich anschlossen. (Thomas Zemp)

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