Steueramt behindert Jungunternehmer

Hoffnungsvolle Start-up-Firmen wandern in andere Kantone ab, weil sie in Zürich hoch besteuert werden.

Wie attraktiv ist Zürich für Jungunternehmer? Blick auf den Technopark im Kreis 5. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Wie attraktiv ist Zürich für Jungunternehmer? Blick auf den Technopark im Kreis 5. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Gegen aussen ist Zürich der fruchtbarste Platz für Firmengründungen, das Silicon Valley der Schweiz oder gar Europas. Junge ETH-Absolventen entwickeln bahnbrechende Technologien und Businessideen. Sie werden gefördert von der ETH über McKinsey bis hin zur kantonalen Wirtschaftsförderung. Es gibt den Technopark und bald den Innovationspark Dübendorf. ETH-Präsident Lino Guzzella hat am Mittwochabend von ­einem Rekord bei den ETH-Spin-offs gesprochen: «Es sind gute Zeiten.»

Doch in der Start-up-Szene brodelt es. Fälle wie diesen gibt es Dutzende: Ein Jungunternehmer aus Zürich, der nicht namentlich genannt werden will, hat in der zweiten Finanzierungsrunde 50 Millionen Franken generiert, um sein Produkt zur Marktreife zu bringen. Sich selber zahlt er einen Hungerlohn aus; seine Firma schreibt schliesslich noch Verluste. Nun kommt die Steuerrechnung: 330'000 Franken Staats- und Gemeinde­steuern, weil das investierte Kapital dem Firmeneigner als Vermögen besteuert wird. Auf dem Papier sind die Jungunternehmer Steuermillionäre, «in Tat und Wahrheit aber bewegen wir uns am Rand eines Privatkonkurses», sagt der betroffene Unternehmer.

Problem für Innovationspark

Im Kantonsrat hat Olivier Hofmann (FDP, Hausen am Albis) eine Anfrage eingereicht unter dem Titel: «Vertreibt der Kanton Zürich Start-ups?» Insbesondere will er wissen, warum der Kanton Zürich den Verkehrswert eines Jungunternehmens besteuert und nicht den Substanzwert wie zum Beispiel die Kantone BS, BE und ZG. Und er sorgt sich um die Auswirkungen der rigiden Zürcher Steuerpraxis auf den Innovationspark Dübendorf. Gemäss Informationen von Hofmann hat das Steueramt in den letzten Jahren seine Praxis geändert.

Gestern ist die Antwort der Regierung eingetroffen. Diese stellt sich hinter ihr Steueramt und hinter eine Weisung der eidgenössischen Finanzdirektion von 2010. Eine Umfrage bei allen Kantonen habe ergeben, dass elf die gleiche Praxis wie Zürich anwenden, sechs andere die Jungfirmen dagegen nach dem Substanzwert besteuern ­würden. Immerhin, so die Zürcher Regierung: Man prüfe gegenwärtig in einer Arbeitsgruppe, wie den Besonderheiten der Start-ups Rechnung getragen werden könne. Der Kanton Zürich behalte sich zudem vor, die Behandlung von Start-ups bei der Schweizerischen Steuerkonferenz zur Diskussion zu stellen.

Noser: «Eine Katastrophe»

Der Zürcher Ständerat Ruedi Noser (FDP) reagiert erbost auf die Zürcher Praxis. «Wenn das so weitergeht, bleibt kein Unternehmer mehr im Kanton Zürich.» Zürich müsse dringend die Praxis bei der Vermögenssteuer für Unternehmer anpassen und auf den Ertragswert abstellen. Der Vater des Innovationsparks Dübendorf sagt zudem: «Es macht keinen Sinn, ausländische Innovation anzuziehen und gleichzeitig einheimische Firmen zu vertreiben.»

Stefan Steiner vom Institut für Jungunternehmer spricht von einem «Rohrkrepierer». Er kennt Zürcher Unternehmen, die im letzten Jahr in den Kanton Schwyz gewechselt haben, weil 2016 eine neue Finanzierungsrunde ansteht. Es gebe über ein Dutzend Zürcher Start-up-Unternehmer, denen entweder der Privatkonkurs drohe, die den Geschäftssitz in einen anderen Kanton verlegen oder Aktien verkaufen müssten. Solche Aktienverkäufe sind ein schlechtes ­Zeichen für Investoren. In der Unter­nehmer­szene ist man allgemein der ­Meinung, dass das eidgenössische Kreisschreiben, auf das sich das Zürcher Steuer­amt abstützt, viel mehr Spielraum lässt – wie andere Kantone beweisen.

FDP-Kantonsrat Olivier Hofmann sagt: «Es ist Zeit, dass die Regierung die Problematik erfasst, nun müssten alle Alarmglocken läuten.» Hans Heinrich Raths (SVP, Pfäffikon), Mitverfasser des Vorstosses, sagt: «Da besteht Handlungsbedarf, wir werden nicht lockerlassen.» GLP-Kantonsrat Andreas Hauri (Zürich) kritisiert «die fehlende Begeisterung des Steueramtes, etwas zu ändern». Pikant ist, dass Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP) als früherer Volkswirtschaftsdirektor die Sorgen der Unternehmer kennt. Als Finanzdirektor ist er nun Chef des Steueramtes und könnte Änderungen anstossen. Damit das Steueramt nicht länger die Bemühungen der kantonalen Wirtschaftsförderung torpediert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2016, 22:34 Uhr

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