Stiftin Isabelle im Säuliamt empfängt Hollande

Grosser Tag hinter dem Uetliberg: Was Frankreichs Präsident in Hedingen macht und wie man im Dorf dem Grossevent entgegenschaut.

«Ich weiss nichts von Hollandes Besuch»: Ein Passant in Hedingen. (Video: Lea Koch und Martin Sturzenegger)

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Von Zürich gesehen, liegt Hedingen hinter dem Uetliberg. Eine typische Landgemeinde im Säuliamt, etwas über 3000 Einwohner, die Dorfbeizen heissen Krone und Frohsinn und ein Volg dient als einzige Einkaufsmöglichkeit. Inmitten der zahlreichen Einfamilienhäuser ragt ein einziger Industriekomplex: Die Ernst Schweizer AG. Der Metallbetrieb ist mit rund 550 Angestellten der grösste Arbeitgeber im Bezirk Affoltern.

Zurzeit befindet sich die Metallbau-Firma im Ausnahmezustand: Der Besuch von François Hollande steht heute morgen auf dem Programm. Ein sechsköpfiges Team plant seit einer Woche akribisch den Ablauf der Visite. Die dauert genau 45 Minuten. «Wir wollen nichts dem Zufall überlassen», sagt Firmensprecher Michael Breuer. Wenn Hollande und seine Entourage mit rund 30 Autos auf das Firmengelände steuert, ist dieses schon seit einer Stunde «hermetisch abgeriegelt». Wobei die Kantonspolizei und die französischen Soldaten gemeinsam für Sicherheit sorgen. An der Fassade des Hauptgebäudes flattert ausnahmsweise nicht nur die Schweizerflagge sondern auch die Tricolore. Zu Essen gibts Brioche – ein französisches Traditionsgebäck. «Ein Croissant wäre natürlich auch passend gewesen. Doch wir wollen nicht, dass Hollande auf die Krawatte brösmelt», sagt Weidmann.

«Blamieren kann ich mich ein anderes Mal»

Von seinem Besuch in der Ernst Schweizer AG erhofft sich Hollande Inspiration für sein eigenes Land. Er interessiert sich für die duale Berufsbildung. Weil die Firma mehr als 40 Lehrlinge in 10 verschiedenen Berufsgattungen beschäftigt, ist sie gemäss Ernst Stocker (SVP) der geeignete Ort: «Mit der Ernst Schweizer AG besucht der französische Staatspräsident ein innovatives Zürcher KMU», sagt der Regierungsrat. Gemeinsam mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga begleitet er die Delegation von Hollande nach Hedingen.

Der 18-jährige Aaron ist einer von zwei Stiften, die ein mehrminütiges Referat halten sollen: «Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Wann werde ich je wieder zu einem Staatspräsidenten sprechen können?» Arbeitskollege Andreas sieht dies anders: «Blamieren kann ich mich ein anderes Mal.» Sein Französisch hält der 20-Jährige für nicht gut genug. Die Lernenden präsentieren dem Präsidenten selbst entwickelte Projekte zur Nachhaltigkeit: die sichere Entsorgung von Spraydosen zum einen und ein Kochbuch zur CO2-Reduktion zum anderen.

Aufgeregter Doyen

Hans Ruedi Schweizer führt die Ernst Schweizer AG in der dritten Generation. Er fühlt sich durch den Besuch geehrt. «Damit wird unser jahrzehntelanges Engagement für Umwelt, Mitarbeiter und Berufsausbildung gewürdigt», sagt der Firmenchef. Sein Referat und den Firmenrundgang wird er am Vorabend des Besuchs ein letztes Mal durchspielen. «Ich bin schon etwas nervös», sagt Schweizer, der mit seiner grossen Statur, dem zeitlosen Anzug und der randlosen Brille den Firmen-Doyen glaubwürdig verkörpert.

Während die Ernst Schweizer AG den Ablauf von Hollandes Besuch ein letztes Mal probt, geht die Gemeinde Hedingen ihren gewohnten Gang. Und der ist nicht sonderlich aufgeregt. Am Bahnhofbistro, nur rund 100 Meter von der Firma entfernt, sitzen ein Gemeindearbeiter und ein Landwirt beim verfrühten Feierabendbier. Vom staatsmännischen Besuch hören sie zum ersten Mal. Der Gemeindearbeiter kann die Aufregung nicht verstehen: Dieser Hollande sei nun wirklich nichts Spezielles. Der Landwirt pflichtet ihn bei: «Hollande? Ein Pinsel wie jeder andere!»

«Ich serviere ihm Cola light und Pommes Frites»

Die Stichprobe bei Passanten zeigt: Von Hollandes Besuch weiss kaum einer was. «Der französische Präsident? Wie schön – und jetzt?», sagt ein Mann in unaufgeregt schweizerischer Manier. Nur der Besitzer des Bahnhofbistros weiss mehr. Die Mitarbeiter der Ernst Schweizer AG hätten ihm von der Visite erzählt. «Falls der französische Präsident bei mir vorbeikommt, serviere ich ihm Cola light und Pommes Frites.» Der Bistro-Chef scheint gut informiert. Es handelt sich um Hollandes Leibspeise.

Erstellt: 16.04.2015, 06:19 Uhr

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Hollande besucht die Schweiz

Hollande besucht die Schweiz Der französische Präsident reist für einen zweitätigen Staatsbesuch in die Schweiz.

Zweitägiger Staatsbesuch

Der französische Präsident François Hollande absolviert während seines zweitägigen Staatsbesuchs in der Schweiz ein dichtes Programm. Nach dem Empfang in der Berner Innenstadt führten die beiden Länderdelegationen offizielle Gespräche. Auf der Schweizer Seite nahmen neben Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auch die Bundesräte Johann Schneider-Ammann, Didier Burkhalter, Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf teil. Hollande wurde von Finanzminister Michel Sapin, Umweltministerin Ségolène Royal sowie Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem begleitet. Am Abend fand ein Galadinner statt.

Heute wird Hollande gemeinsam mit Bundespräsidentin Sommaruga Bildungsinstitutionen und Unternehmen in der Region Zürich und in Lausanne besuchen.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich waren in den letzten Jahren angespannt. Fiskalpolitische Differenzen trübten das traditionell gute Einvernehmen. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga bezog sich in ihrer Ansprache im Rathaus denn auch auf das «von Spannungen geprägte, zeitweise etwas unterkühlte» Verhältnis der jüngeren Vergangenheit. Sie gab sich aber optimistisch, dass Hollandes Besuch «die Ouverture für eine neue Phase vertrauensvoller, freundschaftlicher und herzlicher Beziehungen» sein könne.

Eines der meistdiskutierten Themen des Staatsbesuchs wird die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative sein. Darauf bezog sich Hollande bei seiner Ansprache: Die Schweiz teile die europäischen Werte und Projekte – aber auf unabhängige Art und Weise, sagte er. «Ich akzeptiere diese Wahl.» (rbi)

Erhält heute hohen Besuch: Die Gemeinde Hedingen. (Bild: Wikimedia Commons/Sandro Senn)

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