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Stopp für die Limmattalbahn?

Am 23. September befinden die Zürcher Stimmberechtigten ein zweites Mal über die Limmattalbahn. Die Volksinitiative will, dass die Bahn bereits in Schlieren wendet.

Helene Arnet
Baustellenabschnitt zwischen Altstetten und Schlieren. Foto: Melanie Duchene (Keystone)
Baustellenabschnitt zwischen Altstetten und Schlieren. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Ja

Bernhard Schmidt, Präsident des Komitees «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren»

Bernhard Schmidt hat am 4. März die Wahl in den Dietiker Stadtrat knapp verpasst. Was dem parteilosen Lehrer und neu gewählten Schulleiter von Aesch vor allem Stimmen einbrachte, war sein Engagement gegen die Limmattalbahn. Er ist Präsident des Komitees «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren», einer regional verankerten, relativ kleinen, aber aktiven Gruppe, die gegen die versammelten Behördenmitglieder der Region antritt. Sie bemühen gerne das Bild von Davids Kampf gegen Goliath.

Bernhard Schmidt, die beiden ehemaligen Stadtpräsidenten von Dietikon und Schlieren und nahezu alle Exekutiven der Standortgemeinden sind der Meinung, dass die Limmattalbahn gut für die Region ist. Können sie tatsächlich alle irren?

Es geht nicht darum, ob sie richtig- oder falschliegen mit dieser Meinung. Massgebend ist, dass sie ihre eigene Bevölkerung nicht hinter sich haben. Wir müssen doch unsere Region gemeinsam gestalten. Eine klare Mehrheit der Limmattalerinnen und Limmattaler will dieses Tram nicht. In Dietikon sagten 64 Prozent Nein. Diese Entfremdung zwischen Politik und Volk ist fatal. Wenn wir das nicht überwinden, können wir unser demokratisches System begraben.

Welches Volk meinen Sie denn? Im Kanton stimmten 64,5 Prozent der Stimmberechtigten dem Projekt zu. Im Kantonsrat war die Rede von Zwängerei.

Zwängerei ist es, einer Region eine Bahn aufzuzwingen, die sie nicht will. Wenn das Stimmvolk jetzt Nein zur Initiative sagt, heisst das: Wir zwingen euch die Bahn auf, ob ihr wollt oder nicht.

Wäre es denn in Ihrem Sinn, dass dieses Projekt auf halbem Weg stecken bleibt? Ist eine halbe Limmattalbahn tatsächlich besser als eine ganze?

Es geht gar nicht so sehr um die Bahn, sondern um die Ziele, die wir uns für unsere Region setzen. Wollen wir tatsächlich immer weiter wachsen, wie dies für die Befürworter offenbar unabwendbar ist. Unser kapitalistisches System braucht zwingend Wachstum. Wirtschaftswachstum wird als gegeben angeschaut. Vielen Menschen aber macht das Angst. Hier müssen wir doch ansetzen.

Was geschieht denn im Limmattal, wenn die Bahn nicht kommt? Wächst es dann automatisch nicht mehr?

Die Befürworter waren gar nie bereit, sich zusammen mit der Bevölkerung zu überlegen, welches Ziel man für diese Region anstrebt. Das braucht Zeit. Wachstum hat auch nicht nur mit Bevölkerungswachstum zu tun, sondern mit stets steigender Mobilität und unablässig zunehmendem Konsum, Verbrauch von Ressourcen.

Jetzt greifen Sie aber ganz schön hoch! Sie können doch nicht ein globales Problem so weit herunterbrechen.

Die globalen Probleme müssen wir herunterbrechen. Die Suche nach neuen Lösungen und Wegen geschieht zuerst bei sich selber, dann lokal in den Quartieren und Gemeinden.

Auf ihren Plakaten steht «Ja zu einem ÖV mit Zukunft». Was meinen Sie denn damit?

Bereits in fünf bis zehn Jahren wird es Technologien für den öffentlichen Verkehr geben, denen ein an Schienen gebundenes Tram nur im Weg steht. Selbstfahrende Elektrobusse etwa.

Die haben nur gerade ein Drittel oder die Hälfte der Kapazität eines Trams.

In der Stosszeit werden sie dann eben häufiger fahren…

...und im Stau stecken bleiben, wenn sie nicht auch ein eigenes Trassee haben.

Der Verkehr wird mit selbstfahrenden Autos schon bald viel flüssiger sein. Die Entwicklung dorthin geht rasant. Aber nochmals: Mir geht es darum, dass wir uns die Zeit nehmen, gemeinsam zu entscheiden, wohin wir mit dem Limmattal wollen. Und dann überlegen, wie wir dieses Ziel erreichen können.

Auf Ihrem Plakat steht auch «Ja zur Initiative über die Limmattalbahn». Ist das nicht irreführend?

Nein, ist es nicht. Wenn wir Ja sagen zum Selbstbestimmungsrecht eines ganzen Bezirks, Ja zu einem öffentlichen Verkehr mit Zukunft, dann ist es zwingend, dass wir Ja zur dieser Initiative über die Limmattalbahn sagen. Ich möchte, dass sich die Stimmberechtigten nochmals mit der Vorlage beschäftigen, im vollen Wissen, dass der Bezirk die Limmattalbahn nicht will.

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Nein

Otto Müller, Co-Präsident des Komitees «Nein zur Abbruchinitiative»

Nahezu die ganze Politprominenz des Limmattals spricht sich für den Weiterbau der Limmattalbahn aus, obwohl das Projekt im Bezirk bei der ersten Abstimmung im November 2015 deutlich durchfiel. Otto Müller (FDP) war bis vor kurzem Stadtpräsident von Dietikon, der grössten Limmattaler Stadt. Er präsidiert zusammen mit Toni Brühlmann (SP) das Komitee «Nein zur halben Limmattalbahn». Brühlmann war bis diesen Juni Stadtpräsident von Schlieren. Im Komitee vertreten ist auch der Zürcher Stadtrat Raphael Golta (SP). Der Kantonsrat empfiehlt die Initiative «Stoppt die Limmattalbahn» ebenfalls zur Ablehnung. Mit nur einer Gegen­stimme.

Otto Müller, die Exekutiven der Standortgemeinden stehen immer noch geschlossen hinter der Limmattalbahn. Wie wollen Sie den Stimmberechtigten im Kanton erklären, dass man diese Bahn fertig bauen soll, obwohl sie in der Region gar nicht willkommen ist?

Es ist tatsächlich unschön, dass es uns nicht gelungen ist, den Limmattalerinnen und Limmattalern aufzuzeigen, dass diese Bahn für unsere Region eine ­entscheidende Verbesserung bringt. Aber eigentlich geht es jetzt nicht mehr darum. Das Stimmvolk hat deutlich Ja gesagt, und nach unserem Demokratieverständnis gilt der Volkswille. Ich empfinde die erneute Abstimmung als Zwängerei.

Sie haben offenbar die Sorgen Ihrer Wählerinnen und Wähler nicht ernst genommen …

. . . das stimmt nicht. Aber es ist schwierig, wenn ein ganzer Strauss von diffusen Ängsten auf ein solches Projekt projiziert wird. Es ging um Wachstumsskepsis, Dichtestress, Angst vor Überfremdung, Verteuerung von Wohnraum. Dazu kamen Diskussionen um die Linienführung. Unsere Region steht tatsächlich unter massivem Druck. Das Limmattal erfährt aufgrund seiner zentralen Lage und der Nähe zur Stadt Zürich eine dynamische Entwicklung. Die Limmattalbahn ist nicht der Auslöser, sondern die Antwort darauf.

Eine Antwort, die weiteres Wachstum auslöst, sagen die Kritiker.

Die Politik will kein grenzenloses Wachstum, sondern dieses Wachstum, das bereits stattgefunden hat und noch vorausgesagt wird, steuern. Wir wollen nicht einfach tatenlos zusehen, wie wir zugebaut werden. Es geht um eine gezielte Erneuerung der Bausubstanz entlang der Streckenführung. Das hat in Schlieren und bis zu einem gewissen Teil auch in Dietikon bereits eingesetzt. Es geht auch nicht darum, nur noch teure Wohnungen zu bauen. Das würde gar nicht funktionieren. Wir wollen unsere Zentren aufwerten, und davon profitieren alle Einwohnerinnen und Einwohner.

Das scheint bei den Bewohnern nicht angekommen zu sein. Wäre es nicht sinnvoll, eine solche Abstimmung zuerst einmal nur in der betroffenen Region anzusetzen?

So funktioniert unser System nicht. Es ist ja auch nicht so, dass nur Eltern mit schulpflichtigen Kindern über ein neues Schulhaus abstimmen. Die Limmattalbahn ist ein übergeordnetes Verkehrskonzept. Es handelt sich dabei um ein kantonsübergreifendes Gesamtverkehrsprojekt, das den öffentlichen Verkehr, den Autoverkehr, Velos und Fussgänger aufeinander abstimmt. Dahinter steckt viel Planungsarbeit auf Kantons- und Gemeindeebene. Unsere Stadtentwicklungskonzepte basieren auf diesem Projekt. Und dass sich die beiden Kantone und der Bund an den Kosten beteiligen, zeigt, wie wichtig dieses Projekt ist. Der Kanton braucht ein funktionierendes Verkehrssystem im Limmattal. Also geht es alle Stimmberechtigten im Kanton etwas an. Wir stimmen aber jetzt nicht mehr für oder gegen die Limmattalbahn ab, sondern über eine halbe oder eine ganze Bahn.

Was geschieht denn, wenn die Limmattalbahn nur zur Hälfte gebaut würde?

Wenn wir den Bau auf halber Strecke abbrechen, stünden wir vor einem Scherbenhaufen, und wir hätten viel Geld in den Sand gesetzt. Auch die Ausbauten am Strassennetz würden damit gestoppt. Ein Abbruch würde nach jahrelanger Planung ein Abstellgleis ohne wirklichen Mehrwert bedeuten. Das wäre ein veritabler Schildbürgerstreich. Wir wollen doch keine halben Sachen!

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