Kleidergeld für junge Flüchtlinge gestrichen – jetzt fliegen die Fetzen

Die Situation von Teenager-Flüchtlingen in Zürich hat einen gehässigen Streit ausgelöst. Betreuer bringen sogar die Kesb ins Spiel.

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Am Dienstag verschickte die Zürcher Sicherheitsdirektion eine Medienmitteilung, in der sie «eine weitere Verbesserung» beim Angebot für allein reisende, minderjährige Flüchtlinge ankündigte. Weil deren Zahl zurückgehe, werde das bisherige Heim in Leimbach geschlossen, die verbliebenen Jugendlichen würden stattdessen in die Wohngruppe Aubruggweg in Schwamendingen ziehen.

Doch was als Verbesserung kommuniziert wird, sorgt intern für Unruhe. Schon die Schliessung des Heims in Zollikon im letzten Sommer habe gezeigt, dass es heikel sei, die Jugendlichen aus ihrem Umfeld zu reissen, sagt ein Betreuer. Was das heisst, ist in einer Antwort des Zürcher Stadtrats auf eine Anfrage aus dem Gemeinderat beschrieben: Etliche Jugendliche hätten nach dem Umzug ein «fremd- oder selbstgefährdendes Verhalten» gezeigt. Die Sicherheitsdirektion wolle solche Bedenken aber nicht hören, sagt der Betreuer.

Es brodelt schon lange

Er will, wie alle Informanten für diesen Text, nicht mit Namen in der Zeitung stehen – zu gross ist die Angst vor Konsequenzen, zu gross sind die internen Spannungen. Tatsache ist: Es brodelt schon länger unter den Betreuern und Beiständen, die sich um die Teenager-Flüchtlinge kümmern. Grundproblem ist ein Streit zwischen zwei Ämtern in zwei Direktionen, die nicht miteinander reden. Stattdessen kam es dem Vernehmen nach zu gehässigen Schriftwechseln.

Auf der einen Seite steht das kantonale Sozialamt, das zur ­ Sicherheitsdirektion gehört und Mario Fehr (SP) unterstellt ist. Es ist für die Unterbringung der ­Jugendlichen zuständig und legt fest, welche Leistungen sie erhalten. Das andere ist das Amt für Jugend und Berufsberatung. Es ist in der Bildungsdirektion von Silvia Steiner (CVP) angesiedelt. Es stellt die Berufsbeistände, welche als gesetzliche Vertreter der Flüchtlinge amten, bis diese volljährig sind. Sie begleiten deren Ausbildung und Integration und sind Anlaufstelle bei Problemen.

Dritter Beteiligter ist die Asylorganisation Zürich – und damit indirekt auch die Stadt Zürich, denn die Asylorganisation ist eine selbstständige Anstalt der Stadt. Sie führt im Auftrag der Sicherheitsdirektion die Heime, in denen die jungen Flüchtlinge ­leben. Davon gibt es im Moment noch zwei: das Zentrum Lilienberg in Affoltern am Albis und jenes in Leimbach, das nun geschlossen wird. Auch die Asyl­organisation steht in der Kritik von Beiständen und Betreuern. Die Chefetage gebe den Forderungen der Sicherheitsdirektion viel zu schnell nach, heisst es: «Jeder noch so unsinnige Auftrag wird erfüllt.»

Kern der Diskussionen ist die Frage, wie mit den Jugendlichen umzugehen ist und welche Zustände in den Unterkünften noch zumutbar sind. Weder der Lilienberg noch Leimbach entsprechen auch nur ansatzweise den ­Standards eines Schweizer Jugendheims: Es gibt zu wenig ­Betreuer und zu wenig Platz. Müssten die Unterkünfte den ­Anforderungen in der Pflegekinderverordnung des Bundes genügen – keine wäre bewilligungsfähig; aber für die Flüchtlingsheime gilt die Verordnung nicht.

Kleidergeld gibts nicht mehr

In letzter Zeit hat sich der Ton in den Diskussionen deutlich verschärft. Grund ist eine neue Leistungsvereinbarung, die das Sozialamt mit der Asylorganisation abgeschlossen hat. Darin sind die Aufgaben der Asylorganisation umrissen – und indirekt auch jene der Beistände. Denn was die Betreuer in den Heimen nicht leisten können, müssen die Beistände übernehmen. Nur: Der neue Leistungsauftrag wurde ohne Einbezug der Beistände ausgearbeitet. Bis heute haben ihn die Beistände nicht zu Gesicht bekommen, obwohl er seit dem 1. März in Kraft ist.

«Wir können nicht arbeiten, wenn wir die Bedingungen nicht kennen», sagt eine Beiständin. Intern werde bereits diskutiert, einzelne Jugendliche wegen der Wohn- und Betreuungssituation bei der Kesb als gefährdet zu melden. Eine Kollegin klagt: «Das Sozialamt will uns ausbooten. Wir sind zu unbequem, weil wir auf dem Wohl unserer Klienten bestehen.»

Betreuer halten die Streichung des Kleidergelds für entwürdigend.

Dem Sozialamt gehe es nur ums Geld. So müssen Betreuer und Beistände neuerdings für bisher unbestrittene Ausgaben wie den Schulmittagstisch eine formelle Kostengutsprache einholen. Das mache das System träge, Leidtragende seien die ­Jugendlichen.

Das gilt auch für eine weitere Änderung, die derzeit für Irri­tation sorgt. Per 1. März hat das Sozialamt den Teenagern das Kleidergeld von 30 Franken pro Monat gestrichen. Dieses Kleidergeld hatte auch einen pädagogischen Zweck: Es ermöglichte den Jugendlichen, Selbstständigkeit, den Umgang mit Geld und Sorgfalt für die eigenen ­Sachen zu erlernen.

Neu muss die Asylorganisation ein Depot aus gespendeten Kleidern führen, aus dem die rund 120 Teenager in ihrer Obhut ausgestattet werden sollen – wobei jedes Kleidungsstück in der persönlichen Akte vermerkt wird. Betreuer halten das Konzept für entwürdigend, pädagogisch unsinnig und in der Praxis kaum ­umsetzbar. Kommt hinzu, dass offenbar völlig unklar ist, woher die Kleider überhaupt stammen sollen. Klar ist nur, dass es für so viele so unterschiedliche Jugendliche einen riesigen Stock an ­Hosen, Shirts, Pullovern, Jacken und Schuhen bräuchte. Was ­bisher an Lager ist, reicht bei weitem nicht aus.

Heimaufsicht zog sich zurück

Während Beistände und Betreuer versuchen, sich zu arrangieren, schiesst das Amt für Jugend und Berufsberatung zurück. Es ist für die Aufsicht über die ­Jugendheime zuständig und hat bisher auch das Zentrum Lilienberg geprüft. Das Zentrum stand gar auf der Liste der bewilligten Heime – obwohl es keine Bewilligung hat.

Jetzt ist der Lilienberg von der Liste verschwunden, und die Aufsicht über die Flüchtlingsheime obliegt neu dem Sozialamt. Das Amt für Jugend und Berufsberatung hat die Zusammenarbeit beendet. Offiziell, weil die Betreuung der Flüchtlinge Sache des Sozialamts sei. Der wahre Grund sei, dass sich Asylorganisation und Sozialamt kaum um Verbesserungsvorschläge der Heimaufsicht geschert hätten, sagen mehrere Personen.

Zwei minderjährige Flüchtlinge im Asylzentrum Lilienberg. (Bild: Urs Jaudas)

Auf Anfrage wollten sich weder die Asylorganisation noch das Amt für Jugend und Berufsberatung äussern. Aus der Sicherheitsdirektion heisst es, der Umzug der Jugendlichen aus Leimbach werde «mit Umsicht vorbereitet»; die Asylorganisation erfülle ihre Aufgabe «hervorragend». Im Übrigen gelte: «Gestützt auf § 5 Asylfürsorgeverordnung ist die Sicherheitsdirektion für die Aufsicht über die Betreuung, Unterbringung und Unterstützung von Asylsuchenden zuständig.» Weitere Fragen des «Tages-Anzeigers», etwa nach dem Inhalt der Leistungsvereinbarung und dem Grund für die neue Kleiderregelung, blieben unbeantwortet.

In der Stadt Zürich wird die Sache ein politisches Nachspiel haben. Grüne und AL haben ­gestern eine Anfrage eingereicht, in der sie detaillierte Fragen zur Leimbach-Schliessung und zu den Gründen für den Wechsel bei der Heimaufsicht stellen. Ob ­sie mehr Antworten erhalten werden, wird sich zeigen.

Erstellt: 23.05.2019, 06:33 Uhr

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