Stumm Züritüütsch schnure

Das Vokabular dieser Stadt gibt es auch als Gebärdensprache. Spielen die Finger mit, sind sie treffender als jedes Wort. Wir zeigen Ihnen acht typische Zürcher Gebärden.

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Stellen Sie sich vor: Es macht am Sechseläutenmontag «Peng», und Sie hören es nicht. Egal, ob um 18.08 oder um 18.22 Uhr. Tätsch. Bumm. Puff. Laut und heftig – aber nicht für Ihre Ohren.

Stellen Sie sich vor: Sie sind gehörlos wie unzählige Mitmenschen. Sie hören nicht, wann die Kirchenuhr sechsmal schlägt und wie der Sechseläuten-Marsch klingt.

Reden möchten Sie über das Zürcher Frühlingsfest aber dennoch, verstehen, wenn andere Nichthörende diesen oder andere typische Zürcher Begriffe verwenden. Dafür braucht es Gebärden. Wir haben für Sie neben dem Begriff «Sechseläuten» sieben weitere lokale Gebärden zusammengestellt, die bei Zürcher Gehörlosen in aller Munde, pardon, in aller Hände sind. Die Zuordnung überlassen wir Ihnen.

Bühne mit 10 Hauptdarstellern

In der Schweiz gibt es mindestens 10'000 Menschen, die gehörlos geboren wurden, und unzählige mehr, die im Lauf ihres Lebens ertauben oder schwerhörig werden. So die offizielle Angabe des Schweizerischen Gehörlosenbundes, 1946 gegründet. Exakte Zahlen existieren nicht. Bund, Kantone und Städte weisen Gehörlosigkeit als Behinderung nicht separat aus. Viele dieser Gehörlosen wohnen im Raum Zürich, weil es hier zahlreiche spezifische Angebote für sie gibt, etwa eine Berufsschule für Hörgeschädigte. Die meisten Gehörlosen kommunizieren mit Gebärden. Wörter, auch geschrieben, sind für viele Gehörlose schwer verständlich. Sie lesen in einer Fremdsprache, die Bedeutung der Wörter müssen sie einzeln erlernen.

Die Gebärdensprache hingegen ist eine visuelle, dreidimensionale Sprache. Gebärden umschreiben das Bild, das ein Wort auslöst. Wer gebärdet, illustriert mit den Händen, was er sieht. Einfach, klar, exakt.

Der Raum vor der Brust und rund um den Kopf bildet die Bühne, die Finger sind die Hauptdarsteller, ihr Spiel ist lebendig. Man denke beispielsweise nur daran, wie Gehörlose klatschen: Sie strecken die Hände in die Luft und wedeln. So wird Begeisterung sichtbar.

Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Sprache als primitiv, sie wurde in Gehörlosenschulen europaweit verboten. Doch die Gehörlosen gebärdeten im Verborgenen und entwickelten ihre eigene Sprache weiter. Heute umfasst das Schweizer Gebärdenlexikon rund 3000 offizielle Begriffe, die auch von Gebärdensprachdolmetschern verwendet werden. Dazu gibt es unzählige informelle Gebärden. Die einen werden in Lehngebärden übersetzt. Dabei wird das Wort eins zu eins in Bilder übersetzt, wie bei der zweiteiligen Gebärde «Knabenschiessen»: Die erste Bewegung bezeichnet den Knaben, die zweite das Schiessen.

Für Martina Raschle, Sprecherin des Schweizerischen Gehörlosenbundes, ein gutes Beispiel für eine Gebärde, die sich bald wandeln könnte. «Am Knabenschiessen steht heute nicht mehr das Schiessen im Vordergrund. Eine Gebärde für Chilbi wäre viel passender.» Das entspräche dann einer nativen Gebärde. Eine, die den tatsächlichen Inhalt eines Wortes beschreibt. Manchmal wird auch einfach ein auffälliges Merkmal eines Ortes zur Gebärde, etwa beim Einkaufszentrum Sihlcity.

Federers Markenzeichen

Neue Gebärden entstehen in der Sprachgemeinschaft, wenn ein neuer Begriff auftaucht. Etwa Netflix. Raschle sagt: «Der gehörlose Erklärer sucht nach einem passenden Bild, das die anderen Gehörlosen verstehen. Ist es treffend, verbreitet es sich als neue Gebärde.» Eine Gebärdenkommission entscheidet schliesslich, welche Begriffe ins Lexikon aufgenommen werden.

Jährlich kürt der Schweizerische Gehörlosenbund auch einen neuen Begriff zur Gebärde des Jahres. Letztes Jahr etwa jene von Roger Federer. Der Ausnahmespieler hat schon länger Gebärdennamen. Die frühere Gebärde nahm den Namen Federer auf, die neuere Gebärde beschreibt die Bewegung beim Umbinden seines Bandanas. Einen Gebärdennamen hat auch jeder Gehörlose und die meisten, die mit ihnen zusammenarbeiten.

In der Schweiz gibt es eine französische, eine italienische und eine deutsche Gebärdensprache. Diese wiederum umfasst fünf Dialekte, weil gewisse Gegenstände dort anders aussehen. Die Zürcher Gebärde gilt meist als Hauptvariante. Beispiel Brot. Bei den Luzernern erinnert die Gebärde an einen Brotkranz, in der Ostschweiz an das gupfige St. Galler Brot. Und in Zürich steht das simple Pfünderli Pate für das Fingerbild.

Bis heute ist die Gebärdensprache in der Schweiz nicht offiziell. Wäre sie es, wie beispielsweise in zahlreichen afrikanischen Ländern, hätten gehörlose Kinder in der Regelschule ein Anrecht darauf, in Gebärdensprache unterrichtet zu werden.

Deshalb nehmen wir das Sechseläuten zum Anlass, die Züri-Schnure zu zügeln und in die wortlose Welt abzutauchen – das empfiehlt sich übrigens gerade beim Gastkanton Basel-Stadt, sonst werden die markigen Sprüche nur in der nächsten Schnitzelbangg verarbeitet. Deshalb: Ab vor den Spiegel und den Fingertanz üben. Peng! Wir wedeln zum Applaus mit den Händen.


Zürischnure-Test auf der Strasse

Versuchen Sie es mit Züritüütsch vor der Kamera! An einem Satz sind fast alle gescheitert.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 18:37 Uhr

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