Süsskartoffeln oder Melonen gedeihen nun auch in Zürich

Wegen der Klimaerwärmung gedeihen bei uns Gemüse und Früchte, die bisher oft von weit her importiert werden mussten.

Es sieht gut aus für die Süsskartoffeln aus Dänikon. Ideal sind für sie Temperaturen um 25 Grad. Foto: Tom Egli

Es sieht gut aus für die Süsskartoffeln aus Dänikon. Ideal sind für sie Temperaturen um 25 Grad. Foto: Tom Egli

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Das Feld sieht aus, als ob es von kriechendem Efeu bewuchert wäre. «Tatsächlich gehören diese Pflanzen zu den Winden­gewächsen», sagt Michael Aeschlimann, während er vorsichtig in der Erde gräbt und schliesslich eine kleine, längliche Kartoffel in der Hand hat. Keine Kartoffel, nicht einmal verwandt mit der Kartoffel, eine Süsskartoffel.

Michael Aeschlimann ist Betriebsleiter der Firma Leuen­berger Gemüsekulturen in Dänikon, einer kleinen Gemeinde im Furttal. Er hat vor drei Jahren sieben Hektaren Süsskartoffeln gepflanzt und erntet im Herbst etwa 150 Tonnen. Es ist drückend heiss auf dem Acker. «Die mögen das», sagt Aeschlimann. Und viele Schweizerinnen und Schweizer mögen Süsskartoffeln. Seit kurzem gibt es sie aus einheimischem Anbau.

Süsskartoffeln gedeihen am besten bei etwa 25 Grad Celsius – damit werden sie wegen der Klimaerwärmung plötzlich schweiztauglich. Während es der herkömmlichen Kartoffel bei uns allmählich zu heiss wird. Sie entwickelt sich am besten bei 21 Grad Celsius am Tag und 18 Grad in der Nacht. Am Strickhof in Winterthur-Wülflingen ist unter der Leitung von Christof Gubler eine Arbeitsgruppe Süsskartoffeln ins Leben gerufen worden. «Erste Erfahrungen zeigen, dass der Klimawandel dieser Kultur von der Wärme her durchaus entgegenkommt», sagt er. Der Knackpunkt liege, wie bei vielen exotischen Pflanzen, bei der Bewässerung und bei der Frostbeständigkeit.

Trendiges Nischenprodukt

In Zürich gibt es erst eine Handvoll Betriebe, die Süsskartoffeln auf grösseren Flächen anpflanzen. Neben dem von Aeschlimann im Furttal ist vor allem das Weinland Süsskartoffelland. Noch ist es ein Nischenprodukt, das seit einigen Jahren trendig geworden ist und daher Absatz findet, obwohl die einheimischen Süsskartoffeln teurer sind als die importierten.

Letztes Jahr fiel die Ernte etwas zwiespältig aus: Die Trockenheit machte auch den Süsskartoffeln zu schaffen. Und dort, wo genügend bewässert werden konnte, fielen die Knollen teilweise riesig aus. Manche brachten locker ein Kilo auf die Waage, was sie schwer verkäuflich machte. Geschmacklich waren sie aber tadellos.

Auch andere Gemüse oder Früchte könnten bei uns wegen der Klimaerwärmung allmählich heimisch werden. Gubler kann sich vorstellen, dass Früchte und Gemüse, die in Norditalien gut gedeihen, im Lauf der Zeit auch für Zürcher Verhältnisse infrage kommen. Was in der Toskana angebaut wird, könnte für die Südschweiz eine Option sein.

Michael Aeschlimann, Inhaber der Leuenberger Gemüse Kulturen AG, pflückt Süsskartoffeln auf den Feldern der Firma. (Foto: Tom Egli)

Einige Bauern der Region produzieren seit einiger Zeit Aprikosen. So etwa die Familie Hagen in Wilen TG, direkt an der Grenze zum Kanton Zürich. Sie hat 2010 etwa 500 Bäume gepflanzt und kann in diesen Tagen die Früchte ihrer Arbeit ernten. Und diese sind laut Monika Hagen heuer gut und reichlich. Christof Gubler selber setzt auf Nüsse. Sein Vater gilt als Nusspapst der Schweiz und unterhält im thurgauischen Hörhausen eine Nussbaumschule mit über 300 Sorten Nüssen. Baumnüsse sind zwar seit langem in der Schweiz heimisch, doch war Heinrich Gubler der Erste, der begann, diese in grösserem Stil zu kultivieren.

Christof Gubler hat auf vier Hektaren 1000 Nussbäume gepflanzt. Auch hier geht es darum, sich für die wärmere Zukunft zu wappnen und herauszufinden, welche Sorten für unsere Verhältnisse am besten geeignet sind. Der Nussanbau könnte bei uns nämlich mit der Zeit kommerziell interessant werden, denn Wal- und Haselnüsse ertragen die Wärme gut. Der bisher grösste Zürcher Nussbauer ist Niklaus Zahner in Truttikon, auf dessen Land neben Reben auch 140 Nussbäume stehen. Zahner ist zuversichtlich, dass nach einem rätselhaften Totalausfall im letzten Jahr heuer die «Jahrhunderternte» ansteht. «Die Bäume tragen prächtig», sagt er.

Frostgefahr und Schädlinge

«Null oder Hundert, das ist das Problem bei Spezialkulturen», sagt Christof Gubler. Unter Spezialkulturen fassen die Fachleute Gemüse, Früchte und Beeren zusammen. Sind die Bedingungen etwa beim Weizen nicht optimal, gibt es etwas weniger Ertrag mit geringerer Qualität. Er kann aber trotzdem verarbeitet werden. Bei Beeren oder Gemüse braucht es aber wenig, bis sie nicht oder kaum mehr zu verwenden sind.

Auch sei es viel zu kurz gegriffen, lediglich aufgrund der höheren Temperaturen auf neue Sorten zu schliessen, welche bei uns angepflanzt werden könnten. Einerseits sei da die Frostgefahr. Eine Studie der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) zeigt nämlich, dass viele Pflanzen wegen der Wärme früher austreiben, die Spätfröste sich aber nicht im gleichen Masse verschoben haben. «Frostempfindliche Pflanzen sind nach wie vor nicht geeignet für den Anbau in unseren Breitengraden», folgert Gubler.

Weiter verweist er auf verschiedene Schädlinge, die auch Nischenprodukte befallen und denen schwer beizukommen ist. Bei den Süsskartoffeln sind das zum Beispiel Mäuse und Drahtwürmer. «Da der Absatz für Pflanzenschutzmittel wegen der geringen Menge nicht gross wäre, kommen für Nischenprodukte kaum solche auf den Markt», sagt Gubler. «Da sind die Bauern oft auf sich gestellt.»

Mal Dürre, mal Sturmflut

Das Hauptthema ist allerdings das Bewässern. Zwar sind wir im Vergleich mit den meisten südlicheren Ländern noch mit viel Wasser gesegnet, doch verdunstet dieses auch mehr, wenn es wärmer ist. Zudem fallen die Niederschläge weniger gleichmässig übers Jahr verteilt als früher: mal Dürreperioden, mal Sturmfluten. Der letzte Sommer war denn auch nicht in erster Linie wegen der Hitze, sondern wegen der Trockenheit für gewisse Kulturen katastrophal.

Weil die Wasserentnahme in Zürich streng reglementiert ist, haben sich in einigen Regionen Bauern zusammengetan, um Wasserreservoirs mit eigenem Wasserrecht zu planen und zu betreiben, so etwa im Furttal, in Steinmaur, in Flaach und Dättwil. «Es ist jedoch ziemlich aufwendig, dafür oder für Speicherteiche Bewilligungen zu erhalten», sagt Gubler.

Und doch werden allmählich verschiedene Exoten bei uns heimisch. Im Züribiet gibt es bereits Landwirte, welche Melonen und Artischocken anbauen – vorläufig meist noch im Plastiktunnel. In Oberstammheim kultiviert eine Bauernfamilie Safran und macht Versuche mit der distelartigen Cardone, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt. Stephan Müller aus Steinmaur baut im Gewächshaus Bio-Ingwer und Kurkuma an, und in Brugg setzt ein Gemüsebauer in Zusammenarbeit mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung des Bundes, auf Risottoreis in Nassanbau.

Zukunft des Zürcher Weins

Auch viele Zürcher Rebbauern beschäftigen sich intensiv damit, wie sie auf die Klimaerwärmung reagieren sollen. Trauben profitieren von den wärmeren Sommern, doch sind die Zürcher Hauptsorten, der Blauburgunder und der Riesling-Silvaner, eben optimal an unsere bisherigen Verhältnisse angepasst. «Wir denken viel darüber nach, was die Klimaerwärmung für unseren Rebbau bedeutet», sagt denn auch Michael Gölles, Leiter der Fachstelle Rebbau am Strickhof.

Einzelne Zürcher Winzer probieren bereits den Anbau von Merlot aus. Diese Traube braucht etwa zwei Wochen länger Zeit zum Reifen. «Der Trend geht aber eher in Richtung pilzresistenter Sorten», betont Gölles. Merlot allein wäre ohnehin erst das halbe Glück. Es bräuchte noch die Sorten Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon zum Zürcher Bordeaux.

Erstellt: 26.07.2019, 22:23 Uhr

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