«Dass Frauen Angst haben, Anzeige zu erstatten, darf nicht sein»

Überraschend setzt sich Valentin Landmann, SVP-Vertreter und Rechtsanwalt, für den Frauenstreik ein. Weshalb?

Valentin Landmann, Zürcher Rechtsanwalt und Neo-SVP-Kantonsrat, gab eine persönliche Erklärung zum Frauenstreik ab.

Valentin Landmann, Zürcher Rechtsanwalt und Neo-SVP-Kantonsrat, gab eine persönliche Erklärung zum Frauenstreik ab. Bild: Sabina Bobst

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Sie haben sich gestern in einer persönlichen Erklärung zum Frauenstreik vom 14. Juni geäussert. Warum?
Mir ist aufgefallen, dass viele Leute nicht zuhören, wenn besorgte Bürgerinnen und Bürger mit einem Anliegen auf die Strasse gehen. Beim Frauenstreik geht es um wichtige Inhalte, welche bürgerliche Politiker genauso beschäftigen sollten wie linke und grüne Politikerinnen. Es ist wichtig, dass man in der Politik nicht die Scheuklappen montiert, wenn Anliegen aus dem anderen politischen Lager kommen. Beim Frauenstreik geht es um Forderungen, die zumindest teilweise auch uns Bürgerlichen am Herzen liegen müssen.

An welche Forderungen denken Sie konkret?
Es gibt eine Zunahme von schwerster häuslicher Gewalt – bis hin zu Tötungen. Dass Frauen aus familiären Gründen Angst haben, Anzeige zu erstatten, darf nicht sein.

Von SP-Frauen-Seite wurde im Rat moniert, dass Frauen häusliche Gewalt erdulden würden, um ihr Aufenthaltsrecht nicht zu verlieren. Teilen Sie die Kritik?
Tatsächlich prüft das Migrationsrecht das Aufenthaltsrecht, wenn eine Frau im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz gekommen ist, es hier jedoch mit dem familiären Zusammenleben nicht klappt. Es wird aber jeder Fall einzeln untersucht. Es gibt bei einer Trennung keinen automatischen Verlust des Bleiberechts. Denn es darf nicht sein, dass jemand eine Frau ins Land holt, sie schwer misshandelt und sie in der Folge – weil sie sich aufgrund der Misshandlungen von ihrem Mann trennt – wieder ausreisen muss. Deshalb ist die Einzelfallprüfung richtig und wichtig.

Sie reagierten mit Ihrer Erklärung im Kantonsrat auf die SP-Frauen, die sich mit dem Frauenstreik solidarisierten. Solidarisieren auch Sie sich mit dem Frauenstreik?
Der Frauenstreik stellt Forderungen, die wir Bürgerlichen ernst nehmen und auf die wir eingehen müssen. Man muss nicht jeden Punkt super finden und pauschal übernehmen. Aber wir sollten uns die einzelnen Forderungen anschauen und uns fragen: Haben wir da nicht zu lange etwas liegen gelassen? Können wir da sinnvoll etwas verbessern?

Zu den Hauptforderungen gehört, dass Frauen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie die Männer wollen. Welche Verbesserungen braucht es da?
In meiner Anwaltskanzlei sind Frauen und Männer gleichgestellt. Da gibt es keine Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern. Generell ist es aber so, dass der Gleichstellungs- und Gleichberechtigungsgrundsatz in der Arbeitswelt noch stärker zum Zug kommen sollte. Es gibt kein vernünftiges Argument dagegen. Wie weit man dann arbeitsrechtlich bei Mutterschafts- oder Vaterschaftsurlaub gehen will, sind Fragen, die politisch diskutiert werden müssen.

Hat die Schweiz Nachholbedarf bei der Gleichstellung?
Gleichstellung ist immer ein rollender Prozess. Ob man diesen Prozess mit Quoten zu beschleunigen vermag, halte ich für fraglich.

Und jetzt konkret: Sind Sie für oder gegen Quoten?
Ich bin ambivalent. Quoten können dazu zwingen, die Scheuklappen bei der Personalauswahl abzulegen. Sie können dazu führen, dass man bei Stellenbesetzungen Leute einlädt, die man sonst nicht eingeladen hätte. Umgekehrt können Quoten aber auch dazu führen, dass man am Ende den besten Kandidaten nicht einstellen darf, weil er das falsche Geschlecht hat. Das fände ich falsch. Die Diskussion, welche durch die Quotenfrage angestossen worden ist, begrüsse ich jedoch sehr.

Wenn Ihre Mitarbeiterinnen am 14. Juni streiken wollen: Was sagen Sie dazu?
Der Betrieb unseres Anwaltsbüros muss uneingeschränkt funktionieren. Ist dies gewährleistet, können sich meine Mitarbeiterinnen – oder Mitarbeiter – als abwesend eintragen. Für sich persönlich hat aber keine Mitarbeiterin von mir Grund zum Streiken. Bei uns im Betrieb ist die Gleichstellung Realität.

Ihre Partei, die SVP, gilt nicht als Vorkämpferin für Gleichstellungsanliegen. Sind Sie in der richtigen Partei?
Ja, weil ich in den Grundfragen – dem Bekenntnis zur Eigenständigkeit der Schweiz – ganz auf SVP-Linie bin. In Detailfragen habe ich aber meine eigene Meinung und sage diese auch.

Wie reagierten Ihre SVP-Fraktionskollegen auf Ihre Erklärung?
Ich habe nichts Negatives gehört. Im Gegenteil: Kollegen aus der Partei sagten mir, mein Aufruf, sich gegenseitig zuzuhören, habe ihnen sehr gefallen.

Valentin Landmann (1950) ist Rechtsanwalt in Zürich und seit diesem Jahr auch Kantonsrat. Er vertritt dort die SVP. Im Herbst tritt er auf der SVP-Seniorenliste bei den Nationalratswahlen an.

Erstellt: 04.06.2019, 15:54 Uhr

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