Teure Pflegeheime: Gemeinden wollen mitreden, nicht bloss zahlen

Viele Städte und Gemeinden zahlen für die Langzeitpflege. Wenn private Anbieter Plätze schaffen, haben sie aber nichts zu sagen. Schuld sei der Kanton.

Die Kosten der Langzeitpflege im Kanton Zürich steigen: Eine Frau im Staub/Kaiser-Haus in Elsau. Foto: Thomas Egli

Die Kosten der Langzeitpflege im Kanton Zürich steigen: Eine Frau im Staub/Kaiser-Haus in Elsau. Foto: Thomas Egli

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Neben dem Spital Limmattal wird ein neues regionales Pflegezentrum gebaut, als Ersatz für das bestehende. Die Stadt Schlieren hat im Neubau etwas mehr Plätze als bisher reserviert, entsprechend ihrem Bedarf. Nicht in ihre Planung einberechnet hat die Stadt, dass die Firma Tertianum im Sommer 2020 in Schlieren ein Wohn- und Pflegezentrum mit 78 Alterswohnungen und 30 Pflegezimmern eröffnet.

«Wir bräuchten das neue Angebot von Tertianum nicht», sagt der für Altersfragen zuständige Stadtrat Christian Meier (SVP). Er sieht finanzielle Probleme auf die Stadt zukommen. Das neue Zentrum werde auch Senioren von auswärts anziehen, welche die Stadt später, wenn die Menschen pflegebedürftig werden, unterstützen müsse. Zudem führt ein Überangebot an Pflegeplätzen zu Leerständen in allen Institutionen, auch den öffentlichen, und in der Folge zu Defiziten.

«Der Kanton bewilligt einfach alles und schaut nicht, ob es schon genug Plätze gibt.»Christian Meier, SVP-Stadtrat Schlieren

Christian Meier kritisiert aber nicht den privaten Heimbetreiber, sondern den Kanton: «Der bewilligt einfach alles und schaut nicht, ob es schon genug Plätze gibt.» In der Tat schaut der Kanton Zürich bei der Betriebsbewilligung von Langzeitinstitutionen nicht auf die Versorgungssituation, sondern beurteilt nur, ob die Pflegeheime die Qualitätsvorgaben einhalten, etwa genügend Personal einstellen.

Fast 2 Milliarden Franken für Pflegeheime

Die fehlende Bedarfsplanung wird von vielen Gemeinden und Städten kritisiert. Denn sie müssen am Schluss die ungedeckten Kosten der Langzeitpflege zahlen; also jene Kosten, die nach Abzug der Krankenkassenbeiträge und der Bewohnerbeiträge verbleiben. So will es das Zürcher Gesetz. Der Kanton zahlt im Gegenzug die Spitalbehandlungen. Die Gesamtkosten der Zürcher Pflegeheime sind innert zehn Jahren um 43 Prozent gestiegen, wie der Regierungsrat in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage bekanntgab. 2007 beliefen sie sich auf 1,38 Milliarden Franken, 2016 auf 1,98 Milliarden.

Laut dem Regierungsrat hat die Steigerung mehrere Gründe. Die Zahl der Heimbewohnerinnen nahm um 8 Prozent zu – eine Folge des Bevölkerungswachstums. Es gibt in den Heimen immer mehr über 90-Jährige, und diese hochbetagten Menschen benötigen meist viel Pflege. Das Betreuungsangebot wurde vielfältiger. Zudem wuchs das Bettenangebot um 10 Prozent, was gemessen an der Zahl der Unterbringungstage «leicht überproportional» sei, wie der Regierungsrat schreibt. Das bedeutet einerseits, dass die alten Menschen mehr Auswahl haben, wenn sie sich für einen Heimeintritt entscheiden. Anderseits ist es ein Hinweis auf ein Überangebot.

«Es gibt kaum einen Bereich, wo der Staat so viel Geld investiert, ohne dass es eine Steuerung gibt.»Nicolas Galladé, SP-Gesundheitsvorsteher Winterthur

«Es gibt kaum einen Bereich, wo der Staat so viel Geld investiert, ohne dass es eine Steuerung gibt», sagt der Gesundheitsvorsteher von Winterthur, Nicolas Galladé (SP). Das Problem sei virulent. «Bis vor kurzem dachte man noch, es gebe zu wenig Pflegeplätze, doch nun hat sich das geändert.» Gemäss der neusten Prognose des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) braucht es im ganzen Kanton Zürich bis ins Jahr 2035 rund 1000 zusätzliche Betten. Vor drei Jahren hatte das Obsan den Bedarf noch auf 1700 Betten geschätzt.

Dabei gibt es grosse Unterschiede je nach Region. Im Bezirk Affoltern fehlen proportional zur Bevölkerung am meisten Betten. In den Bezirken Hinwil und Meilen sowie in der Stadt Zürich zeichnet sich hingegen ein Überangebot ab.

Die alten Menschen gehen später oder gar nicht mehr ins Heim, weil es inzwischen viele ambulante Hilfsangebote gibt, allen voran die Spitex. Und diese Angebote lassen sich weiter ausbauen. Gerade im Kanton Zürich besteht noch viel Potenzial für die Verlagerung von stationär zu ambulant. Anders als etwa in der Westschweiz leben in den Zürcher Heimen relativ viele Personen, die wenig Pflege brauchen und mit Unterstützung auch in einer eigenen Wohnung leben könnten.

Für den Stadtzürcher Gesundheitsvorsteher Andreas Hauri (GLP) ist die Planung der Langzeitpflege derzeit ein zentrales Thema. Es sei aber schwierig, weil die Stadt «nur wenig Einfluss» habe. Hauri wünscht sich eine engere Zusammenarbeit mit dem Kanton und den privat-gemeinnützigen Anbietern.

Zürich soll vom Thurgau lernen

Nicolas Galladé verweist auf den Kanton Thurgau, der es besser mache als Zürich. Der Thurgau sehe in seiner Pflegeheimplanung vor, das Angebot der stationären Plätze zu plafonieren und im Gegenzug die ambulanten Leistungen auszuweiten. «Der Kanton Zürich sollte von den anderen lernen», so Galladé. «Er muss endlich einsehen, dass es Steuerungsinstrumente braucht.»

Wie es ohne solche Instrumente laufen kann, zeigt das Beispiel Bülach. Die Stadt hat ihre Pflegebettplanung kürzlich überarbeitet. Sie verzichtete auf einen Neubau mit 24 Plätzen und schrieb den entsprechenden Projektierungskredit von einer Million Franken ab. Praktisch zur selben Zeit kündigte Tertianum an, im Glasiareal 62 Alterswohnungen und 40 Pflegezimmer zu bauen. Das hat Stadtpräsident Mark Eberli (EVP) geärgert.

Tertianum gehört zu den grossen privaten Anbietern und ist auf Expansionskurs im Kanton Zürich. Auch in Dübendorf und Winterthur sind neue Wohn- und Pflegezentren im Bau. Auf Anfrage schreibt die Firma, sie stehe einer Koordination offen gegenüber und stimme sich mit den jeweiligen Gemeinden ab, «um Überkapazitäten zu vermeiden».

Rickli ist offen für Vorschlag von SP und EVP

Wie es politisch weitergeht, wird das Kantonsparlament entscheiden. Dort ist ein Postulat von SP und EVP hängig, das eine bedarfsabhängige Steuerung der Bettenkapazität fordert. Die Gesundheitsdirektion zeigt sich offen dafür. Mehrere Gemeinden haben sich bei ihr beklagt, dass sie keine Möglichkeit haben, gegen geplante neue Pflegeheime von Privaten zu intervenieren.

Der frühere Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) hatte eine kantonale Planung der Langzeitpflege abgelehnt. Seine Nachfolgerin Natalie Rickli (SVP) hingegen will das Anliegen prüfen, wie sie mitteilen lässt.

Erstellt: 18.10.2019, 14:06 Uhr

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