Tief in sich Ruhe finden

Die schreibende Nonne Silja Walter würde am Dienstag hundert Jahre alt. Eine Klosterfrau und eine Schauspielerin sprechen über das an Ostern startende Gedenkjahr.

Christine Lather und Priorin Irene Gassmann vor dem Konventsgebäude des Klosters Fahr, in dem Silja Walter mehr als vierzig Jahre lebte. Foto: Reto Oeschger

Christine Lather und Priorin Irene Gassmann vor dem Konventsgebäude des Klosters Fahr, in dem Silja Walter mehr als vierzig Jahre lebte. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Silja Walter ging, tat sie das in Eile. Im Stechschritt durch den Klostergarten, mit wehenden Gewändern durch die langen Gänge des Klosters. Ruhe, so scheint es, fand sie nur tief in sich selbst. Manchmal wenigstens. Das sind die mystischen Momente, die sie zur bedeutenden Lyrikerin machen. Silja Walter trat 1948 ins Benediktinerinnenkloster Fahr am Rande der Stadt Zürich ein, im Januar 2011 starb sie dort 91-jährig. Am nächsten Dienstag würde sie ihren hundertsten Geburtstag feiern, was Anlass für verschiedene Veranstaltungen ist.

Die Initiative für das an Ostern startende Gedenkjahr kam von Irene Gassmann, der Priorin des Klosters, in dem Silja Walter als Schwester Hedwig lebte. Sie traf dabei auf die Schauspielerin Christine Lather, die ein musikalisches Theaterstück mit Texten von Silja Walter konzipierte.

Doch stellt sich die Frage, was hat eine Mystikerin wie Silja Walter in einer säkularen Zeit noch für eine Botschaft?
Priorin Irene: Eine Mystikerin ist für mich jemand, der aus einer ganz engen Gottesbeziehung heraus seine Erfahrung formuliert. Das hat zutiefst mit Existenziellem zu tun. Also mit Leben. Ich denke, existenzielle Lebenserfahrungen sind immer ähnlich, ob ich drinnen oder draussen bin. Menschen wie Silja Walter gehen ganz in die Tiefe und lassen alles an sich heran. Das bedingt ein Ringen mit sich. Ihre Texte sind dieser Tiefe abgerungen, steigen dann hoch ans Licht. Das hat viel mit Ostern zu tun.

Eine solch tiefe Gottesbeziehung haben heute nur noch wenige Menschen. Was sagen ihre Texte den anderen – Ihnen, Christine Lather? Sie haben Programme über das Cabaret Cornichon und über Margrit Rainer gemacht. Und nun Silja Walter...
Christine Lather: Ich habe mich ihr als Schauspielerin genähert. Um diese Texte zu sprechen, musste ich sie an mich heranlassen, ich musste die Worte in mir bewegen. Und dabei habe ich erfahren, dass diese etwas ansprechen, was ich hier spontan den ‹achten Sinn› nenne. Das hat nicht mit einem bestimmten Gottesglauben zu tun. Diese Texte berühren etwas tief drin, das über einen selbst hinausweist.
Sie zitiert Silja Walter: «Es gibt das mächtige, das übermächtige Andere, so zart wie gar nichts, so zart, so leise wie nichts in der Welt. Auf der ganzen Erde, Sternen-Himmel eingeschlossen, gibt es nichts so Leises. Denken, Fühlen und Lieben eingeschlossen, es ist noch unsäglich leiser. Und doch hat es die Weltscheibe gesprengt.»
Priorin Irene: Ich denke, alle Menschen stellen sich irgendwann die Frage, warum bin ich da? Was ist meine Aufgabe hier? Und was geschieht danach? Darum geht es bei diesen Texten.

Allerdings gehört es geradezu zur Definition der Mystik, dass diese Erfahrung eine total individuelle ist...
Priorin Irene: ...doch formuliert sie diese in Bildern, die viel Raum offen lassen, in denen ich mich finden kann, auch wenn ich ganz anderswo stehe als sie...

Wie fanden denn Sie zu Silja Walter, Frau Lather?
Lather: Aus heiterem Himmel. In einer Unterrichtsstunde an einer Schauspielschule gab ich den Studierenden den Auftrag, einen Satz zu wählen, mit dem wir dann arbeiten können. Ein Student zitierte eine Passage, die mit den Worten begann: «Ich geh in einen tiefen Wald am uferlosen See...» Das war für mich ein geradezu magischer Moment. Ich spürte, wie diese Sätze in mir eine Saite zum Klingen bringen, die neu war. Ich fragte, von wem denn das stamme, und ging dem nach. Es hat mich nicht mehr losgelassen.

Und wie verlief Ihre erste Begegnung mit Ihrer Mitschwester, Priorin Irene?
Priorin Irene: Auch übers Wort, und zwar schon vor meinem Klostereintritt. Ich war damals in der Bäuerinnenschule im Fahr, und die Priorin zeigte uns eine Diaschau über das Kloster. Darin wurden die Verse von Silja Walter zitiert, die mich seither begleiten: «Kloster Fahr am Rand der Stadt: Welt, in der sich Erd und Himmel stets begegnen. Was es ist und sein zu hat: Ort für Gott, die Menschheit immer neu zu segnen.» Das traf mich wie ein Blitz. Ort für Gott ... da wusste ich, dahin gehöre ich.

Wie war denn die Stellung von Silja Walter in der Klostergemeinschaft?
Priorin Irene: Sie hatte es nicht leicht in der Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft hatte es mit ihr auch nicht immer leicht. Und trotzdem: Sie ist geblieben, und die Gemeinschaft hat sie behalten. Und alle haben davon profitiert, dass es zuweilen Reibungen gab. Meine Vorgängerin als Priorin, Sr. Fidelis, hat einmal gesagt, dass bei Silja Walter durch dieses Reiben der Kristall erst zum Leuchten gekommen sei. Und andererseits hat sie auch uns geformt. Sie hat Unruhe in die Gemeinschaft gebracht, die zu einer Lebendigkeit führte, die heute noch spürbar ist im Fahr. Unruhe übrigens auch im wörtlichen Sinn. Es kam öfter vor, dass sie das Priorat «türschletzend» verliess.

Aus welchen Gründen denn?
Priorin Irene: Ich erinnere mich an einen Fall genau. Ich wollte mit den Schwestern im Kino den Film «Die grosse Stille» über das Leben der Mönche in der Grossen Kartause anschauen. Manche Schwestern waren noch nie im Kino. Schwester Hedwig hat sich darüber furchtbar geärgert. Das habe gerade noch gefehlt! Da würden bestimmt der «Blick» und der Tagi auf die Schwestern warten. Sie mochte es nicht, wenn die Klausur und dadurch die Abgeschlossenheit des Klosterlebens gelockert wurde.

Wer hat sich durchgesetzt?
Priorin Irene: Sie natürlich! Ich war damals noch jung, und sie tat sich anfangs schwer damit, dass eine neue Zeit angebrochen war. Gleichzeitig habe ich von ihr ­gelernt, etwas zu vertreten, das nicht allen passt, das unbequem ist, für mich und für andere.

Frau Lather, Sie sind mit Texten von Silja Walter auch nicht den einfachsten Weg gegangen. Wie reagiert denn das Publikum auf die doch eher schwere Kost?
Lather: Manchmal bleibt es am Schluss lange still, weil der Applaus etwas auflösen würde, in dem man noch verweilen möchte. Einige haben mir gesagt, Texte und Bilder würden in ihnen hängen bleiben.
Priorin Irene: Das geht mir auch so, diese Texte bleiben hängen. Ich stelle aber auch immer wieder fest, wie aktuell sie sind, zum Beispiel in Bezug auf die Rolle der Frau in der Kirche. Wenn ich denke, dass sie manches davon vor fünfzig Jahren geschrieben hat! Sie war der Zeit voraus.

Frauen in der Kirche, ein Thema, das Ihnen unter den Nägeln brennt. Hat sie Sie bei dieser Öffnung unterstützt?
Priorin Irene: Sie ist voraus­gegangen und hat den Weg gepfadet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2019, 22:37 Uhr

Neuer Stationenweg

Silja Walter, Schwester des Schriftstellers Otto F. Walter, wurde am 23. April 1919 in Rickenbach bei Olten geboren und trat 1948 ins Kloster Fahr ein. Sie schrieb Lyrik, Prosa, Festspiele und Oratorien, ihr Gesamtwerk ist im Paulus-Verlag erschienen. An Ostern startet ein Gedenkjahr zu ihrem 100. Geburtstag. Dazu gehört die Theater- und Musikproduktion «Ich habe den Himmel gegessen» von Christine Lather. Auch wird am 28. April ein Stationenweg rund um das Kloster Fahr eröffnet. An zehn Stellen wird mit Text und Ton aus den Werken der schreibenden Nonne zitiert.
Infos: www.siljawalter.ch und www.himmelgegessen.ch. (net)

Artikel zum Thema

So nimmt die Religionslosigkeit zu

In Basel ist jeder Zweite konfessionslos, in Uri bloss jeder Zehnte: Neuste Zahlen zeigen, wie stark sich die Kantone unterscheiden. Mehr...

Zwinglis Zürich wird zur Stadt der Gottlosen

Über ein Drittel der Stadtzürcher gehört keiner Religion mehr an. Es dürften noch mehr werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Deshalb lassen sich Frauen online gut abschleppen

Hör auf, Frauen Drinks zu spendieren, und konzentriere dich besser darauf, beim Casual Dating Gas zu geben. Die Chancen auf eine heisse Nacht sind auf den Erotik-Portalen deutlich besser.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...