Tod in der «Fliegenden Festung»

Vor genau 75 Jahren sind im Kanton Zürich zwei US-Flugzeuge abgestürzt. Ein weiteres zerschellte beinahe in Winterthur.

Die Besatzung kurz vor ihrem Unglücksflug. Foto: American Air Museum

Die Besatzung kurz vor ihrem Unglücksflug. Foto: American Air Museum

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Tausende Pendlerinnen und Pendler auf dem Weg nach Zürich fahren täglich daran vorbei, am kleinen Wald in der Nähe von Baltenswil. Er liegt in einem Spickel zwischen zwei Bahnlinien, jener zum Flughafen und jener nach Dietlikon, und gleich neben dem Autobahnrastplatz Baltenswil-Nord.

Was heute kaum noch bekannt ist: In diesem Waldstück auf dem Gemeindegebiet von Bassersdorf stürzte am 24. April 1944 ein amerikanischer Bomber ab. Alle zehn Besatzungsmitglieder der B-17 Flying Fortress haben bei diesem Unglück im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren.

«Zirka um 13.50 Uhr überflog an jenem Tag eine ‹Fliegende Festung› den Flugplatz Dübendorf», berichtete der «Tages-Anzeiger» am 25. April 1944, «wobei man an der rechten Tragfläche eine starke Rauchentwicklung wahrnehmen konnte. Jedenfalls fand der Bomber zu dieser Zeit keinen Platz, um auf dem Flugplatz niedergehen zu können, weshalb er seinen Flug fortsetzte und eine Schleife zog gegen Effretikon. Das Flugzeug verschwand hinter dem Gehölz, und bald nachher konnte man aus seiner Richtung zwei stärkere Detonationen, wahrnehmen.»

«Nichts als ein riesiges Flammenmeer»

Ein Waldarbeiter, der sich zum Zeitpunkt des Absturzes in dem Wald aufhielt, berichtete dem TA-Journalisten: «Vermutlich musste diese Maschine einige gute Treffer erhalten haben. In raschem Laufe begab ich mich von meinem Arbeitsplatz, denn es schien, als wolle diese direkt auf mich herabstürzen. Und wirklich, als ich meine erstbeste Deckung erreicht hatte, zitterte der Boden unter einem ohrenbetäubenden Getöse. Der Bomber hatte sich ca. 70 Meter von mir entfernt in den Waldboden eingegraben und warf eine haushohe Rauchsäule gegen den Himmel. Dann zischten die Flammen heraus, und es explodierte die noch mitgeführte Munition. Als ich mich aus meiner Deckung hervorwagte, war nichts als ein riesiges Flammenmeer zu sehen.»

Heute rauscht alle paar Minuten ein Zug an der Unfallstelle vorbei. Nichts deutet mehr auf den Absturz von 1944 hin. Foto: Urs Jaudas

Der Absturz von Baltenswil findet sich auch im neuen Buch «Fremde Flugzeuge in der Schweiz 1939–1945, Landungen und Abstürze» des St. Galler Historikers Dani Egger, der die Website Warbird.ch betreibt. Demnach gab es zwischen 1939 und 1945 mindestens 56 Abstürze fremder Flugzeuge in der Schweiz, dazu kamen 185 Landungen oder Notlandungen.

Laut Egger kam der Bomber von einem Einsatz über Oberpfaffenhofen, als er in Baltenswil abstürzte. Zwei Motoren waren offenbar von deutschen Jägern zerschossen worden, zudem hatte die Crew noch mit anderen Problemen zu kämpfen. Die Trauerfeier für die Besatzung fand bereits drei Tage nach dem Unglück auf dem amerikanischen Friedhof in Münsingen statt. Die abgestürzte Maschine wurde in der Schweiz verschrottet.

Im Zürcher Staatsarchiv ist ein Dossier zum Absturz des US-Bombers in Baltenswil vorhanden, im Bestand der kantonalen Gebäudeversicherung. Weil das Dossier noch bis 2024 unter Schutz steht, ist es allerdings nicht öffentlich einsehbar.

«Der Absturz ist mir bekannt und war in unserer Familie immer auch Thema», sagt Karin Müller-Wettstein vom Lindenhof Baltenswil, der sich in der Nähe der Absturzstelle befindet. Ihr Vater mit Jahrgang 1929 habe sich noch gut an den Vorfall erinnern können, allerdings ist er mittlerweile verstorben. «Es ist schon bewegend, dass in unserer unmittelbaren Umgebung Menschen im Kampf um die Freiheit von Europa ums Leben kamen», sagt Karin Müller-Wettstein.

Veteranen spürten Gräber auf

Ein Schwarzweissfoto der in Baltenswil verunglückten Crew findet sich auf der Website Americanairmuseum.com, die sich mit den Schicksalen von US-Soldaten befasst, die im Zweiten Weltkrieg in Europa Dienst leisteten. Auf dem Bild eines unbekannten Fotografen posieren die zehn Männer kurz vor dem verhängnisvollen Flug vor der Flying Fortress, samt einem Hund.

Benutzer einer weiteren Website (Usmilitariaforum.com) haben zudem in wahrer Detektivarbeit aufgespürt, wo die zehn getöteten Crewmitglieder beerdigt sind. Pilot James E. King etwa ist auf dem Memphis National Cemetery in Memphis, Tennessee, begraben.

Der Absturz und die dabei entstandenen Sachschäden beschäftigten die Schweizer Militärjustiz und das Kommando der Flieger- und Flabtruppen. Weil das Steuerruder des Bombers auf die Übertragungsleitung Seebach-Grüze der SBB gestürzt war, kam es zu einer grösseren Störung des Bahnverkehrs, worauf die SBB Anzeige erstatteten. «Als Täter für die Eisenbahngefährdung kommt nur die Flugzeugbesatzung in Frage», heisst es in einem Schreiben der Militärjustiz vom Juni 1944.

«Da aber alle Mitglieder ums Leben kamen, ist die Durchführung eines Strafverfahrens ausgeschlossen. Übrigens käme ein solches auch dann nicht in Frage, wenn die Besatzungsmitglieder noch lebten, da hier offensichtlich nicht von einem Verschulden gesprochen werden könnte.» Mit der Schadenersatzfrage habe sich das vorliegende Verfahren ebenfalls nicht zu ­befassen.

Beinahe-Katastrophe in Winterthur

Ebenfalls am 24. April 1944 stürzte ein weiteres US-Flugzeug in den Greifensee. Es war zuvor irrtümlich von der Schweizer Fliegertruppe beschossen worden. Fünf Soldaten kamen ums Leben. Laut dem «Tages-Anzeiger» landeten an diesem Tag insgesamt zwölf amerikanische Bomber in der Schweiz, acht davon in Dübendorf. In der Stadt Zürich wurde zweimal Fliegeralarm ausgelöst, weil fremde Bomber die Stadt überflogen.

Glimpflich endete an diesem Tag eine Notlandung eines US-Bombers in Neftenbach bei Winterthur. Weil deutsche Jäger zwei Motoren des Fliegers zerschossen hatten und er auch von der Schweizer Fliegerabwehr beschossen worden war, musste die Maschine in der Tössebene landen. «Plötzlich tauchte vor uns die Stadt Winterthur auf», schildert der überlebende Co-Pilot auf Warbird.ch die damaligen ­Ereignisse.

«Mit letzter Kraft gelang es mir, das Flugzeug in der Luft zu halten und damit einen verhängnisvollen Absturz in das dicht besiedelte Gebiet zu verhindern. Nachdem wir uns über die letzten Häuser hinweggeschleppt hatten, öffnete sich vor uns eine weite Ebene, auf der unser Vogel mit grosser Gewalt aufsetzte. Obwohl das Heck abgerissen wurde, blieben wir alle wohlauf. Wir können alle Gott danken, dass wir noch leben!»

Im Wald bei Baltenswil erinnert heute nichts mehr an den Absturz. Das soll auch so bleiben, wenn es nach dem Willen der Gemeinde geht. Bassersdorf verzichtet darauf, einen Gedenkstein oder eine Tafel anzubringen, wie Gemeindepräsidentin Doris Meier-Kobler auf Anfrage sagt.

Es gebe keine entsprechenden Wünsche aus der Bevölkerung, und bis anhin seien in der Gemeinde keine Gedenksteine oder Tafeln zu einem geschichtlichen Jubiläum aus der früheren Vergangenheit gesetzt worden. Mit einer Ausnahme: die Gedenkstätte des Crossair-Absturzes von 2001 mit zwei Sitzbänken und einem grossen Stein mit den Namen der 24 Opfer. Wie Meier-­Kobler weiter sagt, haben sich nach ihrem Wissen bisher noch nie Angehörige der damals verunglückten Soldaten in Bassersdorf gemeldet und nach dem Absturzort erkundigt.

Erstellt: 22.04.2019, 21:09 Uhr

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