Trendwende: Viele Zürcher Gemeinden senken die Steuern

In der günstigsten Gemeinde zahlt man 58 Steuerpunkte weniger als in der teuersten. Die neuen Steuerfüsse in der Übersicht.

In den Steuerjahren 2014 bis 2018 war die Richtung klar: Die Gemeindesteuern stiegen eher, als dass sie sanken. Dieses Jahr ist es anders: 39 Gemeinden senken ihren Steuerfuss, nur 14 erhöhen ihn. Allenfalls werden es noch 15, wenn Bubikon am 13. März im zweiten Anlauf mit den Steuern hinaufgeht – die Gemeindeversammlung hatte im Dezember eine 5-prozentige Erhöhung abgelehnt, der neue Antrag des Gemeinderats ist noch nicht bekannt. Für die meisten Steuerzahler ändert sich allerdings nichts, da 108 Städte und Gemeinden stabil bleiben, unter anderen Zürich, Winterthur und Uster.

Bemerkenswert ist, dass Dietikon seine Steuern zum zweiten Mal hintereinander um 3 Prozent senkt und Opfikon nach der 5-Prozent-Senkung neu in den Top 30 des Kantons auftaucht.

Steigende Schul- und Sozialkosten

Auffällig ist auch, dass die Steuern in Geroldswil zum zweiten Mal hintereinander um 7 Prozent steigen, was den Abschied der Limmattalgemeinde aus dem Unter-100-Prozent-Club bedeutete. Die Erhöhungen sind vor allem auf die Schul- und Sozialkosten zurückzuführen, welche «massiv» stiegen, wie Alexandra Brandenberger, stellvertretende Gemeindeschreiberin, sagt. Ausserdem müsse aufgrund des neuen Gemeindegesetzes die Rechnung mittelfristig ausgeglichen sein, was letztlich zur Steuerfusserhöhung geführt habe. Brandenberger setzt nun auf eine neue Überbauung mit 27 gemeindeeigenen Wohnungen, deren Mietzinseinnahmen ab 2021 für Entlastung sorgen werden.

Die Situation Seuzachs wiederum hat sich beruhigt, nachdem die Gemeinde aus dem Speckgürtel Winterthurs die Steuern zweimal hintereinander so stark erhöht hatte wie keine andere Zürcher Gemeinde.

Das Zürcher Steuerparadies ist weiterhin Kilchberg mit 72 Prozent. Nummer 2 sind neu die Nachbarn: Die Glencore-Gemeinde Rüschlikon senkte die Steuern um satte 5 Prozent auf 73 Prozent, verzichtete aber auf eine Rekordjagd. In der Rangliste der steuergünstigsten Gemeinden folgen aus dem Unterland Neerach und Winkel mit 76 Prozent, bevor die Goldküstengemeinden kommen. Meilen hat die Steuern nach etlichen von Roberto Martullo-Blocher vereitelten Erhöhungsversuchen diesmal um 5 Prozent angehoben und sich somit aus dem exklusiven 70er-Club verabschiedet.

Die Verschuldung sinkt

«Die Steuererträge sind gut, die Ausgaben eher stabil», bilanziert Heinz Montanari, Abteilungsleiter Gemeindefinanzen beim Kanton, und stellt den Gemeinden ein wohlwollendes Zeugnis aus. «Den Gemeindefinanzen geht es grundsätzlich gut», sagt er und fügt hinzu: «Aufgrund des neuen Finanzausgleichs bestehen keine grösseren finanziellen Hindernisse mehr bei Organisationsveränderungen.» Mit anderen Worten: Gemeinden, die sich zusammenschliessen wollen, müssen nicht mit grossen Ausfällen bei den Finanzausgleichsbeiträgen rechnen.

Auch bei der langfristigen Verschuldung der Gemeinden geht es in die richtige Richtung. Nach dem Anstieg der Verschuldungsquote infolge der Finanzkrise von 4800 Franken pro Einwohner (2008) auf 6400 Franken (2014) verringerte sich die Pro-Kopf-Verschuldung der Gemeinden bis 2017 auf 5900 Franken. Die Zahlen für 2018 sind noch nicht vorhanden. Montanari: «Wir sind gespannt, ob die Verschuldung weiterhin rückläufig ist.»

Ein Fall plagt Kleingemeinde

Mit 130 Prozent am höchsten sind die Steuern in der Säuliamtgemeinde Maschwanden und in Adlikon. Die Weinländer Gemeinde hat ihren Steuerfuss aus einem einzigen Grund um 7 Prozent erhöht. Auf diesem Niveau darf sie Geld aus dem Nottopf des Kantons beantragen, genannt Isola. Hintergrund ist ein einziger Sonderschulfall, der die Gemeinde übermässig belastet, wie Gemeindepräsident Peter Läderach (SVP) berichtet. Adlikon hat 320’000 Franken beantragt und knapp 260’000 Franken zugesprochen bekommen. Ohne Hilfe des Kantons hätte die Gemeinde den Steuerfuss wegen dieses einen Falls auf 142 Prozent erhöhen müssen, hat Läderach ausgerechnet. Adlikon möchte gern mit fünf Nachbargemeinden fusionieren. Der Prozess ist im Gang. Der Zusammenschluss könnte bis 2023 vollzogen sein, wenn das Volk in den sechs Dörfern Ende 2020 zustimmt.

Ganz anders sieht es bei Adlikons nördlichem Nachbar aus: Ossingen hat die Steuern zum dritten Mal hintereinander stark gesenkt – vom damaligen Maximalsteuerfuss insgesamt um 25 Prozentpunkte auf 104 Prozent. Die Gemeinde war eine Hochrisikowette eingegangen: Sie stellte Infrastruktur wie Wasserleitungen und Schulhäuser bereit, bevor die Häuser für die ersehnten Zuzüger gebaut waren. Die Kulturlandinitiative drohte Ossingen einen dicken Strich durch die Rechnung zu machen. Doch infolge der milden Umsetzung der Initiative ging die Rechnung auf. Die Gebäude wurden erstellt, die Einwohnerzahl stieg in Kürze von 1300 auf 1700 – mitsamt der Steuererträge. «Es sieht für uns sehr gut aus», sagt Gemeindepräsident Martin Günthardt (SVP) freudig. Der Steuerfuss könnte sogar weiter sinken.

Fusion gleich Steuersenkung

Vor einigen Jahren rechnete der Kanton mit 10 Extra-Millionen für die armen Gemeinden. Rund ein Dutzend meldete Ansprüche an. Das Geld brauchten diese Gemeinden aber nicht immer: Fürs Jahr 2017 waren vom Kanton 4,5 Millionen zugesichert worden, aufgrund der guten Konjunktur und sprudelnden Steuern wurden aber nur 1,1 Millionen beansprucht.

Dass für 2019 nur noch eine Gemeinde Isola beantragt hat, ist auch auf die jüngsten Fusionen zurückzuführen. So gingen zum Beispiel die strukturschwachen Gemeinden Sternenberg, Hofstetten, Hirzel oder Hütten in grösseren und stärkeren Gemeinden auf. Steuerlich profitierten deren Einwohner zum Teil stark. Die Hirzler, die nun auch Horgner sind, zahlen 46 Prozentpunkte weniger Steuern, die Hüttner als Neo-Wädenswiler berappen 27 Prozent weniger. Die Unterstammheimer hingegen, welche Anfang Jahr mit den Oberstammheimern und Waltalingern zu Stammheimern wurden, zahlen 6 Prozent mehr.

Fusionen sind übrigens keine Steuertreiber – auch weil der Kanton die Zusammenschlüsse mit einmaligen Beiträgen unterstützt. In drei der fünf bis 2018 vergrösserten Gemeinden sanken die Steuern gar: Illnau-Effretikon senkte zwei Jahre nach der Eingemeindung Kyburgs den Steuerfuss um 2 Prozent, Horgen zur Begrüssung Hirzels um 3 Prozent und Elgg ein Jahr nach der Übernahme Hofstettens gar um 4 Prozent. Wiesendangen wiederum erhöhte die Steuern ein Jahr nach der Eingemeindung Bertschikons um 3 Prozent, Bauma ging mit Sternenberg zunächst 1 Prozent runter und vier Jahre später 4 Prozent rauf.

Und der Sieger im diesjährigen Steuerwettbewerb ist: Kilchberg am Zürichsee.


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Erstellt: 24.01.2019, 21:00 Uhr

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