Turnen an der Autobahn

Auf zwei Zürcher Autobahnrastplätzen überlebt ein Relikt aus der Frühzeit des Fitness-Booms. Ein Fehler, finden Fachleute.

Nicht besonders begehrt: Die Turngeräte beim Rastplatz Forrenberg. Bild: Fabienne Andreoli

Nicht besonders begehrt: Die Turngeräte beim Rastplatz Forrenberg. Bild: Fabienne Andreoli

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Zur Eröffnung sprach ein Regierungsrat, es spielte die Musik und der «Oberturner der Nation», Jack Günthard («Fit mit Jack»), zeigte vor, wie es geht. Beim Autobahn-Parkplatz Gerenau oberhalb Wädenswil wurde im Mai 1971 die erste «Fit-Station» eröffnet, ein den Vita-Parcours nachgebildeter Turnplatz, auf dem sich Auto- und Lastwagenfahrer während eines Zwischenhalts bewegen konnten. Erstellt worden waren die Sportgeräte direkt an der Autobahn von der Zürich-Versicherungsgesellschaft, für den Unterhalt kam der Kanton Zürich auf.

Fitness in den Siebzigern: Jack Günthard, hier in seiner TV-Sendung, stand bei der Eröffnung Pate.

Die Anlage beim Parkplatz Gerenau bestand aus vier Stationen. Für Bewegungsübungen lagen Balken bereit; dann wurde «hohes Knieheben bis zum Seil» empfohlen, das zwischen zwei Pfosten aufgespannt war; am Reck konnte in Stütz gesprungen werden, und die Ringe dienen dem «Rumpfkreisen links und rechts herum», wie die NZZ damals rapportierte. «Die empfohlenen Übungen stellen keine hohen Anforderungen und können ohne besondere Turnkleider ausgeführt werden, regen aber den Kreislauf an und helfen, die geistige und körperliche Reaktionsfähigkeit zu verbessern.»

Gegen hundert waren geplant

Die Fit-Station an der Nationalstrasse N3 war die erste von gegen hundert, die auf dem Netz der Schweizer Autobahnen in den nächsten Jahren erstellt werden sollten, wie der Direktor der Zürich-Versicherung bei der Eröffnung verkündete. Das Unternehmen hatte im Jahr zuvor bereits in Deutschland die ersten «Trimm-Stationen» auf stark frequentierten Autobahn-Rastplätzen eingerichtet.

Mittlerweile ist die Zahl der Fit-Stationen an Autobahnen stark geschrumpft. Doch an zwei Orten im Kanton Zürich haben die ungewöhnlichen Outdoor-Gyms bis heute überlebt, wie Isabelle Rüegg, Sprecherin der kantonalen Baudirektion, auf Anfrage erklärt. Auf der Raststätte Forrenberg Süd bei Winterthur und auf dem A1-Rastplatz Stegen bei Wiesendangen. Dort sind die leicht angerosteten Reckstangen und Ringe neben Sitzbänken in der Picknick-Zone noch immer vorhanden und stehen für Turnübungen bereit – direkt neben dem dahinbrausenden Autobahnverkehr.

Die Geräte werden immer noch gewartet

Erhalten geblieben sind dort auch die hellblauen Hinweistafeln, auf denen die Übungen wie auf einem Vita-Parcours mit Wort und Bild erklärt werden: «Klimmzug, 2-6 x», heisst es darauf etwa. Oder: «Rumpfbeugen vorwärts über Stange ca. 1 Minute. Achtung: Haben Sie bei dieser Übung nichts verloren?» Nicht mehr vorhanden sind die Sportgeräte dagegen auf dem Rastplatz Büsisee in Zürich. Dort fielen sie vor kurzem dem Ausbau der Nordumfahrung zum Opfer.


Die Vita-Parcours werden im Unterschied zu den Autobahn-Turnanlagen immer noch rege genutzt. Dieses Jahr feierten sie das 50-Jahr-Jubiläum.


Die Anlagen in der Raststätte Forrenberg wirken zwar in die Jahre gekommen, sind aber noch funktionstüchtig, wie Isabelle Rüegg versichert. «Die Turngeräte werden im Rahmen der Unterhaltsarbeiten auf den Rastplätzen von Zeit zu Zeit kontrolliert.» Um die Rastplätze und ihre Infrastruktur kümmert sich das kantonale Tiefbauamt, das für den Betrieb und den Unterhalt der Nationalstrassen auf Kantonsgebiet zuständig ist. Angaben dazu, wie häufig die Turngeräte an der Autobahn noch benutzt werden, hat die Baudirektion keine.

Die letzten ihrer Art

Die Zukunft der Fit-Stationen ist ungewiss. Sie sind inzwischen eine Rarität, wie Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra), feststellt. Die noch vorhandenen Turngeräte auf den Rastplätzen würden so lange stehen gelassen, wie sie in ordnungsgemässem und sicherem Zustand seien. «Wenn sie nicht mehr sicher betrieben werden können, werden sie demontiert und nicht ersetzt.» Dies zum einen aus Gründen der Werkeigentümerhaftung, zum anderen werden Rastplätze dahingehend ausgebaut, dass mehr Parkplätze für Lastwagen zur Verfügung gestellt werden können. Weiter sollen die Plätze auch mit Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge ausgerüstet werden. «Dies alles benötigt Platz, welcher auf den Rastplätzen knapp ist», sagt Rohrbach.

«Wenn sie nicht mehr sicher betrieben werden können, werden sie demontiert und nicht ersetzt.»Thomas Rohrbach, Sprecher Astra

Wichtig ist laut dem Astra-Sprecher, dass die Autobahn-Rastplätze einladend wirken und sicher sind. Ein besonderes Augenmerk werde dabei auf die Sauberkeit der Toiletten gelegt. Auch die Grünräume sollten ansprechend gestaltet sein und möglichst keine dunklen Ecken aufweisen, damit sich Automobilisten auch nachts noch auf die Rastplätze getrauen.

Die Skepsis der Fachleute

Das Bedauern über das schleichende Verschwinden der 70er-Jahre-Turn-Relikte scheint sich in Grenzen zu halten. «Das hat nichts mehr mit heutigen modernen Vita-Parcours-Anlagen zu tun», sagt Rainer Frei, Geschäftsführer der für die Vita-Parcours zuständigen Gesundheitsstiftung Radix. Er zeigt sich skeptisch, vor allem wegen der Sicherheit der in die Jahre gekommenen Turngeräte. Zudem sei fraglich, ob die Geräte aus sportphysiologischer Sicht überhaupt noch zeitgemäss sind und körperliche Anstrengungen direkt neben Autoabgasen Sinn machen. Frei empfiehlt den Betreibern vor Ort, die veralteten Geräte abzubauen.

Auch beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag setzt man andere Prioritäten. Die Fitness und Gesundheit der Berufsfahrerinnen und -fahrer trage zwar entscheidend zur Verkehrssicherheit bei, sagt Astag-Vizedirektor André Kirchhofer. Der Verband habe deshalb den Kurs «Fit für die Fahrt» im Angebot, der gut besucht werde. «Dazu sind keine Turngeräte nötig», sagt Kirchhofer. Viel wichtiger als veraltete Fitnessgeräte an Raststätten wären endlich genügend Ausstellplätze für Lastwagen und Cars – «damit Chauffeure die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit überhaupt einhalten können und die Zeit für die persönliche Fitness finden».

Erstellt: 15.08.2018, 12:10 Uhr

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