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Kadaver im Futter: Über 60 Kühe sterben an Botox-Vergiftung

Auf einem Hof in Gachnang sind 63 von 130 Kühen an einem Bakteriengift gestorben. Schuld sei die Technisierung in der Landwirtschaft, sagt der Bauer.

Ein Landwirtschaftsbetrieb in Gachnang (TG) gleich an der Grenze zum Kanton Zürich ist von einer Vergiftung betroffen, wie sie in diesem Ausmass in der Schweiz bisher nicht bekannt ist: 63 der 130 Kühe und zwei Schafe von Landwirt Fritz Stettler sind am Nervengift Botulinumtoxin gestorben. Es werden wohl noch mehr tote Tiere werden. Er habe noch nie einen Fall von solcher Dimension erlebt, sagte der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig heute Freitag dem Regionaljournal von Radio SRF.

Erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, gab es gemäss der «BauernZeitung» am Sonntag, den 10. April. Mehrere Kühe hatten Durchfall, und eine war in besonders schlechtem Zustand. Der herbeigerufene Tierarzt vermutete zunächst eine Labmagenverlagerung. Am Montag lag die Kuh dann tot im Stall. Sechs Kühe kauten nicht mehr richtig und gingen unsicher. Da schöpften Arzt und Landwirt erstmals Botulismus-Verdacht. Als sie die Fellreste eines Tieres auf dem Futtertisch fanden, bestätigte sich dieser. «Wahrscheinlich war es ein Fuchs, ein Hase oder eine Katze», sagt Stettler. Der Kadaver müsse von der Wiese über den Ladewagen in die Silage gelangt sein, und dort das Gift entwickelt haben. Der Fräsmischwagen verteilte dieses dann einem Grossteil der Kühe.

Langsam wird jeder Muskel gelähmt

Als Botulismus wird die Vergiftung mit dem Toxin von Clostridium botulinum bezeichnet, das als Botox in der Schönheitsindustrie stark verdünnt zur Glättung von Falten eingesetzt wird. Die Vergiftung äussert sich in einer Lähmung des Bewegungsapparats. Betroffene Tiere speicheln, weil ihnen das Schlucken schwerfällt, die Muskeln werden schwach und schwächer, schliesslich erlahmen sie ganz.

Der Krankheitserreger vermehrt sich unter Luftabschluss in verwesendem tierischem Gewebe. Sein Name leitet sich vom lateinischen Wort Botulus (Wurst) ab, da das Gift erstmals in einer Wurst nachgewiesen wurde. In früheren Jahrhunderten war Botulismus eine gefürchtete Nahrungsmittelvergiftung, die nach dem Verzehr von Fleischkonserven auftrat und oft zum Tod führte. Seit der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion kommt die Vergiftung beim Menschen nur noch selten vor: In der Schweiz werden durchschnittlich zwei Fälle pro Jahr gemeldet. Seit 2001 treten jedoch regelmässig Botulismusfälle bei Nutztieren auf.

Als am Dienstagmorgen auch die sechs anderen betroffenen Kühe auf Stettlers Hof verendet waren, kam eine Equipe der Zürcher Vetsuisse-Klinik auf den Hof, diagnostizierte und erlöste zwölf Tiere, nahm Futterproben und behandelte weitere Kühe mit Salzwasser-Glucose-Infusionen. Zwei Kühe wurden ins Tierspital zur Untersuchung gebracht. Aber weder die mit Infusionen behandelten noch die in der Klinik betreuten Tiere konnten gerettet werden.

Der Preis der Technisierung

«Dass Tiere sterben, ist Teil unserer Welt», sagt Landwirt Stettler dem «Landboten». «Aber so etwas Trauriges habe ich noch nie gesehen.» Stettler will sich aber nichts vorwerfen – gerade in einer Zeit, in der mehr Milch für immer weniger Geld produziert werden müsse. «Es soll mir einer sagen, man könne mit einem zehn Meter breiten Gerät sehen, wenn sich ein Tier in der Wiese versteckt. Das ist der Preis der Technisierung.» Früher mit der Heugabel sei eine tote Katze im Futter eher entdeckt worden.

Tieren, die das Nervengift eingenommen haben, kann aus medizinischer Sicht kaum geholfen werden. Eine Möglichkeit ist eine Impfung, die den Verlauf in leichteren Fällen stoppen kann. Doch der Impfstoff ist in der Schweiz seit rund zehn Jahren nicht mehr verfügbar. «Die Herstellung des Antiserums musste eingestellt werden», sagt Hanspeter Ottiger, Leiter Impfstoffkontrolle am Institut für Virologie und Immunologie des BLV, dem «Landboten». Es sei zu teuer, vor allem aber nicht mehr konform mit der Gesetzgebung und habe daher nicht weiter produziert werden dürfen. Zudem seien Haltbarkeit und Lagerung schwierig.

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