Über den Mittag streiten

Für Ursula Rellstab ist die «Innovation» Tagesschule überfällig, SVP-Politiker Stefan Urech hingegen hält sie für einen unnötigen Zwang.

Ursula Rellstab kämpft seit fast 50 Jahren für Tagesschulen. Stefan Urech besuchte eine Tagesschule, hätte aber gerne darauf verzichtet. Bilder: Raisa Durandi

Ursula Rellstab kämpft seit fast 50 Jahren für Tagesschulen. Stefan Urech besuchte eine Tagesschule, hätte aber gerne darauf verzichtet. Bilder: Raisa Durandi

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Stefan Urech, Sie haben einst die Tagesschule Limmat besucht. Waren das traumatische Primarschuljahre?
Stefan Urech: Nein, ganz und gar nicht. Es handelte sich allerdings nicht um eine Tagesschule im heutigen Sinn mit verkürztem Mittag.

Trotzdem sind Sie und die SVP gegen die Tagesschule 2025.
Urech: Hätte ich die Wahl gehabt, ich wäre mittags lieber nach Hause gegangen, als in der Schule zu bleiben. Aber meine Mutter war alleinerziehend und berufstätig. Das Angebot der Tagesschule kam ihr entgegen. Heute gibt es die Hortlösung mit Betreuung von 7 bis 18 Uhr. Und es soll auch weiterhin einzelne Tagesschulen geben. Das haben meine Partei und ich nie bestritten. Aber es braucht keine Neuerfindung namens «Tagesschule 2025».

Ursula Rellstab, Sie haben die Tagesschule für alle schon vor bald 50 Jahren gefordert.
Rellstab: Die Idee entstand damals aus einem eigenen Bedürfnis heraus. Meine Tochter war ein Einzelkind. Ich wollte, dass sie möglichst viel Zeit mit Gleichaltrigen verbringen und ich gleichzeitig arbeiten konnte. Da bot eine Tagesschule die perfekte Lösung. Das bringt Ruhe in den Alltag der Kinder.
Urech: Aber es braucht keine flächendeckende Tagesschule. Das nimmt ­Eltern jegliche Wahlfreiheit. Sie sollen weiterhin zwischen einer Hortlösung für jene Zeit wählen können, die sie nicht abdecken können, und einer Tagesschule, an denen die betreuten Tage und Zeiten vorgegeben sind.

«Es ist die Aufgabe des Staates, auf gesellschaftliche Veränderungen richtig zu reagieren.»Ursula Rellstab

Muss diese ­flächendeckend sein?
Rellstab: Nur so haben alle Kinder dasselbe Schulangebot. Das Modell passt zur urbansten und modernsten Stadt des Landes, denn im Vergleich zum Ausland hinkt die Schweiz ja hinterher. Die Schule hat sich von jeher den Veränderungen der Gesellschaft angepasst. Viele Frauen sind gut ausgebildet und wollen arbeiten. Die Zeiten sind vorbei, in denen Frauen Kinder allein erzogen.
Urech: Eine moderne Gesellschaft will aber auch frei wählen können. Die flächendeckende Tagesschule pusht ein Familienmodell, das nicht für alle stimmt. Es gibt auch in Zürich Familien, die das klassische Modell leben wollen.
Rellstab: Das ist doch kein Pushen. Es ist ein Reagieren auf eine Realität. So können Eltern ihre Erwerbstätigkeit ­besser auf die Schule abstimmen.

Eine Frau, die doppelt so alt ist wie Sie, sagt Ihnen, wie die moderne Gesellschaft tickt.
Urech: Ich bin in der SVP, der oft vorgeworfen wird, sie sei rückständig. Diesen Vorwurf weise ich von mir. Aber mit dem flächendeckenden Modell, einem Mittagessen für 6 Franken, verleitet man Familien dazu mitzumachen. Jene, die es nicht tun und sich für Tage, an denen sie eine Fremdbetreuung brauchen, eine andere Lösung organisieren, schiessen sich finanziell ins Abseits. Das ist eine staatliche Lenkung, ein Zwang.
Rellstab: Zwang? Alle Eltern, die mit dem Modell nicht einverstanden sind, können ihre Kinder abmelden.

«Kinder brauchen über Mittag eine Pause – am besten ausserhalb ihres pädagogischen Umfelds.»Stefan Urech

Ist es die Aufgabe des Staates, in die Erziehung der Kinder einzugreifen?
Rellstab: Nein, es ist die Aufgabe des Staates, auf gesellschaftliche Veränderungen richtig zu reagieren.
Urech: Und es ist auch im Sinne des Staates, die Wahlfreiheit zu garantieren. Aus meiner Sicht streuen die Befürworter der Vorlage dem Stimmvolk viel Sand in die Augen.

Weshalb?
Urech: Da heisst es immer, die Tagesschule fördere die Integration. Man spricht von Chancengleichheit und dass die schulischen Leistungen besser werden sollen. Die Tagesschule trägt zu all dem wenig bis nichts bei, was eine Studie des Nationalfonds belegt. Diese ­Ergebnisse wurden in der städtischen Kommunikation zur Tagesschule unterschlagen. Das ist unehrlich gegenüber dem Zürcher Stimmvolk.
Rellstab: Es ist erwiesen, dass die Tagesschule sozialpädagogisch besser ist. Eine Leistungssteigerung, da gebe ich Ihnen recht, kann man noch nicht belegen. Klar ist aber, dass in der Tagesschule die Rahmenbedingungen besser sind, ein Kind ganzheitlich zu fördern.
Urech: Aber gerade die schulische Leistung dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Die Volksschule ist dazu da, einen qualitativ hochstehenden Unterricht bereitzustellen.

Kann man allein durch das gemeinsame Mittagessen die Kinder ganzheitlicher fördern?
Rellstab: Die Lehrperson lernt ein Kind über Mittag, in der Freizeit, anders kennen als in der Mathe oder im Deutschunterricht. Sie weiss, ob es ihm ausserhalb des Schulzimmers gut geht, ob es gestresst ist und warum. Dieses Wissen hilft, das Kind individuell zu fördern. Deshalb sollte eine Lehrperson ab und zu beim Mittagessen dabei sein.
Urech: Eine Mutter von Tagesschulkindern erzählte mir, ihre Kinder kämen über Mittag nicht zur Ruhe. Es gibt zwar Rückzugsmöglichkeiten, aber Kinder sondern sich nicht gerne von der Gruppe ab, weil sie sonst zu Outsidern werden. Kinder brauchen aber über Mittag eine Pause, am besten ausserhalb des pädagogischen Umfeldes. Obschon ich meine Lehrer mochte, wollte ich mit ihnen nicht unbedingt den Mittag verbringen.
Rellstab: Ich habe das bei meinen ­Tagesschulbesuchen anders erlebt. Den Kindern ist es wohl. Jedes Kind wählt vom Kindergarten an, was es vor oder nach dem Essen machen will. Es gab auch einen Ruheraum, doch er wird tatsächlich wenig besucht. Aber das liegt in der Wahlfreiheit der Kinder. Diese zu stärken, ist ein zentrales Element der Tagesschule. Ein Kind lernt besser in einer Schule, in der es ihm wohl ist.

Da müssten Sie, Stefan Urech, als angehender Sekundarlehrer doch für die Tagesschule sein?
Urech: Lehrer und Lehrerinnen sollen keine Betreuung übernehmen müssen, sondern ihren Bildungsauftrag leisten. Die Motivation zum Lernen muss eine Lehrperson im Klassenzimmer leisten. Unter anderem auch mit einer guten Ausrüstung. Tablets sucht man in Sek-Klassen vergeblich, längst gibt es nicht in jedem Klassenzimmer einen Beamer. Die Stadt investiert lieber in die Betreuung. Die Kosten, welche die Stadt für ­jeden Schüler ausgibt, sind zwischen 2004 und 2014 um 35 Prozent gestiegen.
Rellstab: Lehrerinnen müssen ja nicht bei allen Mittagessen anwesend sein. Selbstverständlich wird der Mittag der Arbeitszeit angerechnet.
Urech: Gerade in pädagogisch intensiven Klassen haben Lehrer diese Pause über Mittag nötig. Und es tut auch gut, wenn die Lehrperson eine Distanz zu den Schülern hat. Lehrer sollten nicht die Funktion von Eltern übernehmen.

Was braucht es für eine qualitativ gute Tagesschule?
Rellstab: Es braucht ein gesamtpädagogisches Konzept. Das kann jede Schule nach ihren Bedürfnissen anpassen. Zudem braucht es Lehr- und Betreuungspersonen, die entsprechend aus- und weitergebildet sind.
Urech: Auch das schreckt viele Lehrer ab. Die Stadt Zürich hat es schon heute schwer, gute Lehrpersonen zu finden. Das wird das Problem verschärfen.

Die Nachmittagsschule dauert an der Tagesschule 2025 bis 16 Uhr. Setzt eine gute Qualität eine noch längere Betreuung voraus?
Urech: Die linken Gemeinderäte tendieren zu einem weiteren Ausbau. Da frage ich mich, ob das noch günstiger ist als Schule und Hort, wie sie behaupten.
Rellstab: Die Tagesschule muss entwickelt werden. Wir sind erst in der Pilotphase. Wenn die Gesellschaft das verlangt, dann müssen dafür Mittel bereitgestellt werden. Es gibt Studien, die ­belegen, dass jeder Franken, der in die Kinderbetreuung investiert wird, drei- bis vierfach an die Gesellschaft zurückfliesst. Zum Beispiel, weil man mit der Tagesschule verhindert, dass ein Kind gewalttätig wird, weil es über Sozialkompetenzen verfügt.

Die SVP argumentiert, dass das Tagesschulmodell räumlich unter einem Dach an vielen Zürcher Schulen kaum umsetzbar ist ...
Urech: ... und viel kostet. Dafür braucht es noch mehr Pavillons auf den Pausenplätzen.
Rellstab: Nochmals: Wir sind in einer Entwicklungsphase und sammeln Erfahrungen. Diese werden in die Neu- und Umbauten einfliessen.

Stefan Urech, werden Sie nie in der Stadt unterrichten, falls die Vorlage angenommen wird?
Urech: Das wird sich zeigen.

Ursula Rellstab, macht es Sie glücklich, in der Stadt zu leben, die das flächendeckende Modell wohl als erste in der Schweiz einführt?
Rellstab: Ja, natürlich. Zürich als Grossstadt braucht diese Innovation. Vielleicht nützen diese Erfahrungen bald anderen Gemeinden, die sich so mit dem Thema Tagesschule befassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2018, 21:23 Uhr

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