Übergriffiger Rentner handelte «krass unverschämt»

Ein Rentner belästigt in einem öffentlichen WC einen Minderjährigen, der geistig behindert ist. Eine Frage wird vor Gericht nicht gestellt: jene nach dem Warum.

Das Obergericht hob den Freispruch des erstinstanzlichen Gerichts auf. Bild: Urs Jaudas

Das Obergericht hob den Freispruch des erstinstanzlichen Gerichts auf. Bild: Urs Jaudas

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Am 30. Dezember 2016 um etwa 17.40 Uhr betritt ein damals 68-jährige Italiener eine öffentliche Toilette, die eine halbe Stunde Fussweg von seiner Wohnung entfernt liegt. Dort trifft er auf einen minderjährigen, geistig behinderten Jugendlichen, den er zuvor noch nie gesehen hat.

«Ciao», sagt er zu ihm, gibt ihm unvermittelt einen Kuss auf die Wange, greift mit der einen Hand an die Schulter, mit der anderen über der Hose an den Genitalbereich des Jugendlichen und sagt zu ihm, er wolle ihn «ficken». Als der Minderjährige «Stopp» sagt, lässt der Rentner von ihm ab und geht weg.

«Ich bin nicht homosexuell»

Das alles bestreitet der Italiener nicht, der vor über 50 Jahren in die Schweiz gekommen ist und vor dem Obergericht trotzdem einen Dolmetscher benötigt. Wie bereits anlässlich der Hauptverhandlung vor Bezirksgericht möchte er sich aber auch vor dem Obergericht zur Sache nicht mehr äussern.

Auch wenn ein Beschuldigter das Recht hat, die Aussage zu verweigern, hat ein Gericht ebenso das Recht, trotzdem Fragen zu stellen. Doch das Obergericht verzichtet darauf. Und so bleibt eine zentrale Frage ungestellt: jene nach dem Warum. Denn der Mann, bisher nicht vorbestraft, verheiratet, Vater mehrerer Kinder und Grossvater mehrerer Enkel, sagt von sich: «Ich bin nicht homosexuell.»

Freispruch aufgehoben

Das Obergericht verurteilt den mittlerweile 71-Jährigen wegen sexueller Belästigung zu einer unbedingten Busse von 2000 Franken. Zudem muss er Gerichts- und Untersuchungskosten von mehreren Tausend Franken bezahlen und dem Jugendlichen eine Genugtuung von 1000 Franken. Das Vorgehen des Mannes nennt das Gericht «krass unverschämt».

Das Bezirksgericht hatte den Italiener freigesprochen – aus formellem Grund: Ein Beschuldigter hat grundsätzlich das Recht, jener Person Fragen zu stellen, die ihn einer strafbaren Handlung bezichtigt. Diese sogenannte Konfrontationsbefragung ist laut Bundesgericht vor allem dann zwingend, wenn die Aussage das einzige oder das entscheidende Beweismittel ist, das über Schuld oder Unschuld entscheidet. Findet dieses Befragung nicht statt, darf die ursprüngliche belastende Aussage vor Gericht nicht verwendet werden.

«Ein prozessökonomischer Unsinn»

Im vorliegenden Fall war die Konfrontationseinvernahme unterblieben. Weil damit die erste Aussage nicht verwendet werden durfte und sonst keine weiteren Beweismittel vorhanden waren, kam es zum Freispruch. Diesen focht der Staatsanwalt an. Sein Argument: Der Beschuldigte und seine Anwältin hätten auf dieses Recht in einer schriftlichen Stellungnahme ausdrücklich verzichtet.

Bei dieser Ausgangslage eine zweite Befragung zu verlangen, sei ein «eklatanter prozessökonomischer Unsinn». So sah es auch das Obergericht. Weil der Beschuldigte auf eine erneute Befragung des Jugendlichen ausdrücklich verzichtet habe, dürften dessen erste, vor der Polizei gemachten Aussagen vom Gericht verwertet werden.

Erstellt: 02.05.2019, 10:51 Uhr

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