Und dann öffnet sich unter einem ein 650-Meter-Abgrund

Die Gondelfahrt hinauf zur Alp Sigel dauert nur fünf Minuten. Aber die habens in sich.

Direkt in den Abgrund: Die Fahrt mit der Gondel zur Alp Sigel. (Video: Tina Fassbind, Schnitt: Marco Pietrocola)

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Sie hat etwas von einer Modellseilbahn. Schnurgerade spannt das Seil der Bahn zur Alp Sigel zwischen Tal- und Bergstation. Nur eine Stütze ist nötig, um die rote Gondel nach der Fahrt sicher oben in der Station zu parkieren.

Fünf Minuten dauert die Reise hinauf auf das prächtige Hochplateau im Kanton Appenzell Innerrhoden. Doch die Fahrt hat es in sich. Vor allem die ins Tal. Die Gondel nimmt nach einer sanften Anfahrt rasch tüchtig Fahrt auf – direkt in den Abgrund hinein. Rund 650 Meter tun sich unter einem auf. Die Gondel gleitet so nahe am schroff abfallenden Fels vorbei, dass man befürchtet, ihn zu schrammen.

Hinzu kommt ein seltsames Ächzen der Kabine, als ob ihr alles zu viel würde. «Das ist die Pendelbremse. Die knarrt etwas, wenn es lange trocken ist», sagt Albert Neff. Seine Familie ist für den Bahnbetrieb zuständig. Zusammen mit seiner Frau Rosmarie führt er in den Sommermonaten die Alpwirtschaft Hasenplatten auf der Alp Sigel. Die Seilbahn ist für sie sozusagen die Nabelschnur hinunter ins Tal, wo die Milch verarbeitet wird.

Der Pfarrer musste nachsitzen

Die erste Bahn aus dem Jahr 1964 war noch einspurig, die einzige Gondel nur für drei Personen zugelassen. Wer fahren wollte, musste warten, bis jemand die Hebel bediente. Auch der Pfarrer des Dorfes nutzte die Seilbahn, um zur Alpsegnung nach oben zu gelangen.

Der Gottesmann war auch als Lehrer tätig und hatte in dieser Funktion keinen guten Ruf. Es ist deshalb bis heute ungewiss, ob tatsächlich eine Panne dazu führte, dass er ganz oben am Hang in der Gondel stecken blieb, oder ob sich nicht doch ein ehemaliger Schüler einen Spass daraus machte, den Pfarrer hängen zu lassen. «So musste er auch einmal nachsitzen und hat dabei sicher ein Stossgebet gesprochen», meint Neff lachend.

Drei Jahre zu Fuss auf die Alp

Die alte Bahn ist seit 2008 Geschichte. Während eines Gewitters haben Sturmböen derart an der Gondel gezerrt, dass das Seil gerissen ist. Zu Schaden kam dabei glücklicherweise niemand. Aber bis zur Inbetriebnahme der neuen Seilbahn vor sechs Jahren mussten die Älpler alles zu Fuss hoch auf den Berg und hinunter ins Tal bringen.

«Heute funktioniert die Gondel wie ein Lift», sagt Rosmarie Neff. Alles läuft vollautomatisch. Bläst der Wind zu stark oder droht ein Gewitter, erkennen Sensoren die Gefahr, und der Betrieb wird eingestellt. Auch die Tickets können die Passagiere am Automaten lösen. «Wir vertrauen darauf, dass alle zahlen», sagen die Neffs. Das sollten sie auch können, denn die Fahrt zur traumhaft schönen Alp Sigel und die herrliche Sicht von dort oben sind jeden Franken wert. (tif)

So sanft wie die Appenzeller Hügel: Der «Kaffee Sigel» in der Alpwirtschaft Hasenplatten (Bild: Tina Fassbind)

Unser Rating: Alp Sigel bedeutet sofortige Tiefenentspannung. Hier hat man den Stadtstress nicht nur innert Sekunden abgestreift, man kann die Ruhe auch verlängern: In der Alpwirtschaft Hasenplatten hat es wunderschöne Gästezimmer. Die nahegelegenen Clepfhütten kann man gleich ganz mieten. (tif)

Eckdaten der Seilbahn Alp Sigel:

Unser Wandertipp:

Von der Bergstation aus überblicken wir eine weite, sanft gekippte Fläche – die Alp Sigel. Die Alp im engeren Sinn liegt in der Mitte und ist in 15 Minuten erreichbar. Weht die Fahne, kann man in der Alpwirtschaft Hasenplatten einkehren. Wer will und fit ist, setzt fort zur oberen Kante der Alp, hinter der das Gelände senkrecht abbricht. Der Durchstieg durch die Fluh heisst «Zahme Gocht» und verlangt Trittsicherheit sowie kaltes Blut. Hat man ihn hinter sich, geht es weiter hinab nach Brülisau. Ganze Route: 2 Stunden. 106 Meter aufwärts, 776 abwärts. (tow)

Erstellt: 07.08.2017, 10:55 Uhr

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Wir ergondeln Seilbähnchen in der Nähe von Zürich

In Zürich diskutiert man noch über eine Gondelbahn am Seebecken. Die fünf aussergewöhnlichen und abenteuerlichen Seilbähnchen, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet in diesem Sommer vorstellt, gibt es schon – und sie sind alle innerhalb von ein bis zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Zürich aus erreichbar.

Neben einem Erlebnisbericht über die Seilbahnfahrt samt Videoclip gibt es zu jedem Berg, den wir für Sie ergondeln, einen Wandertipp und ein Rating. Jeden Montag stellen wir ein weiteres Seilbähnchen vor. Nach der Palfries-Bahn im Kanton St. Gallen, dem Oberaxen im Kanton Uri, der Tschinglen-Alp im Kanton Glarus und der Alp Sigel im Kanton Appenzell Ausserrhoden werden wir kommende Woche eine Fahrt zum Vättnerberg im Kanton St. Gallen wagen.

Kleine Seilbahnbetriebe in der Schweiz haben einen schweren Stand: In den letzten Jahren wurden die gesetzlichen Anforderungen an Sicherheit und Unterhalt massiv erhöht. Die Klein- und Kleinstunternehmen können sich die nötigen Unterhaltsarbeiten und hohen Ersatzinvestitionen, die rasch in die Hunderttausende Franken gehen, kaum mehr leisten.

Damit die Vielfalt der Kleinstseilbahnen in der Schweiz erhalten bleibt, sind die Betreiber auf möglichst viele Gäste angewiesen – auch jene der fünf vorgestellten Seilbähnli in unserer Sommerserie. (tif)

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