Und dann verlor selbst Thomas K. die Sprache

Grausame Details in breiter Mundart: Im Fall Boppelsen sagte der Hauptbeschuldigte aus – bis ihn eine Frage ins Stocken brachte.

Der Hauptbeschuldigte, der 29-jährige Thomas K. (im violetten Hemd), musste am ersten Prozesstag fünfeinhalb Stunden Red und Antwort stehen. Illustration: Robert Honegger

Der Hauptbeschuldigte, der 29-jährige Thomas K. (im violetten Hemd), musste am ersten Prozesstag fünfeinhalb Stunden Red und Antwort stehen. Illustration: Robert Honegger

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Warum so grausam?

Wie kann man einem völlig hilflosen, nichts Böses ahnenden Menschen wegen einiger Tausend Franken mit Klebeband die Atemwege verschliessen und ­zusehen, wie er bei vollem Bewusstsein langsam und qualvoll erstickt? Unweigerlich ertappt man sich beim Gedanken, dass man einem solchen Täter die Monstrosität seiner Tat doch ansehen muss. Im Gesicht. In der Haltung. In der Art, wie er spricht.

Und dann betritt Thomas K., ein 29-jähriger Schweizer, in Bülach den Gerichtssaal. Erster Eindruck: Seinem Dutzendgesicht könnte man überall begegnen, im Bus, auf der Strasse, in der Stadt, auf dem Land. Zweiter Eindruck: Die Berner Mundart gibt seinen Aussagen eine Wärme, die im schärfsten Kontrast zu dem steht, was vier Tage lang verhandelt werden wird, was dem Mann und seinen beiden Mitangeschuldigten vorgeworfen wird.

Beängstigende Präzision

Thomas K. ist der Hauptbeschuldigte. Ihm werden neben einem Dutzend weiterer, teilweise schwerwiegender Delikte zwei Morde vorgeworfen. An einem dieser Morde sollen auch seine gleichaltrige Ehefrau und sein bester Kollege Markus N., ein 36-jähriger Garagist aus dem Kanton Solothurn, beteiligt gewesen sein.

In der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist vor allem der «Mordfall Boppelsen» vom Juni 2016. Laut Anklage hatte Thomas K. die Idee, einem 36-jährigen Mann in Niederhasli vorzugaukeln, er sei am Kauf seines Lastwagens und einer vorausgehenden Probefahrt interessiert. Tatsächlich aber plante er, ihn zu überwältigen, zu fesseln, zu entführen, ihn zu zwingen, den Kaufvertrag zu unterschreiben, und ihn dann zu töten. Damit sollen auch seine Ehefrau und sein Kollege einverstanden gewesen sein, oder sie sollen dies mindestens in Kauf genommen haben.

Man denkt, dass man einem Täter die Monstrosität seiner Tat doch ansehen muss.

Mit beängstigender Präzision und mit dem Blick für Details wurde der Plan umgesetzt. Ein Beispiel, das zeigt, wie versucht wurde, die Polizei für den Fall der Fälle in die Irre zu führen: Während das Opfer ins Berner Mittelland gebracht wurde, fuhr die Ehefrau mit dem Handy des Opfers und demjenigen ihres Ehemanns zurück zum Ausgangspunkt. Damit sollte, wenn nötig, anhand der generierten Antennenstandorte gezeigt werden können, dass Kaufinteressent und Verkäufer nach der Probefahrt wieder nach Niederhasli zurückkehrten. Als wäre nichts geschehen.

In Utzigen im Berner Mittelland angekommen, erzwang Thomas K. von seinem Opfer die Unterschrift unter den Kaufvertrag und tötete es anschliessend. Seine Frau und sein Kollege waren in dieser Zeit noch unterwegs. Er packte die Leiche ins Auto und legte sie mitten in der Nacht in einem Waldstück zwischen Boppelsen und Regensberg ab. Dann schrieb er einer Bekannten eine SMS und wünschte ihr einen guten Start in den Tag.

Den erbeuteten Lastwagen wurden sie nicht los. Der potenzielle Käufer hatte erfahren, dass der Lastwagen in der Schweiz gestohlen worden sei und die Polizei bereits unterwegs sei. Davon alarmiert, versteckte die Ehefrau zu Hause diverse zum Lastwagen gehörende Dokumente im Kinderzimmer – hinter einem Gipsabdruck ihres Schwangerschaftsbauchs.

Leiche im Erdloch entsorgt

Schon fünfeinhalb Wochen zuvor, im Februar 2016, war ein 25-jähriger Serbe am Wohnort des Ehepaars in Utzigen auf die gleiche grausame Weise getötet worden. Laut Anklage war das Ehepaar der Ansicht, der 25-Jährige habe als Drogenhändler 40000 Franken sowie eine unbekannte Menge Drogen unterschlagen – Dinge, die eigentlich ihnen gehörten.

Unter einem Vorwand wurde der Serbe zum Ehepaar gelockt, überwältigt und gefesselt. Doch während der ganzen Nacht weigerte sich der Mann, dem Paar die Drogen und das Geld zu besorgen und zu übergeben oder ihm zumindest zu sagen, wo das Geld und die Drogen abgeblieben waren.

Im Laufe des Morgens, während Markus N. bei sich zu Hause war und die Ehefrau ihre beiden Kinder bei der Mutter ab­holte, erstickte Thomas K. den 25-Jährigen mit dem Klebeband. Am späteren Nachmittag mietete er einen Bagger, hob auf dem Grundstück seines Wohnorts ein zwei Meter tiefes Loch aus, legte den Serben mithilfe seiner Frau hinein und schüttete das Loch mit Erde wieder zu.

«Ich bekam den Auftrag»

Warum so grausam? Die Frage wurde Thomas K. in der fünf­einhalbstündigen, sehr detaillierten Befragung nicht gestellt. Der 29-Jährige gab ausführlich Auskunft und konnte sich an viele Details erinnern, solange sie nebensächlich waren. Er ­wurde umso wortkarger, je ­konkreter die Vorwürfe wurden. Und er verlor fast gänzlich die Sprache, wenn es um die Tötungen ging. Dann starrte er auf den Tisch vor sich, wich jedem Blick aus und suchte mühsam nach jedem einzelnen Wort. ­Warum er tötete – dazu gab er allerdings eine Erklärung: «Weil ich den Auftrag bekam.»

Thomas K.s Geschichte geht ungefähr so. Er hatte mehrere ­Hunderttausend Franken/Euro Schulden, derentwegen er von der serbischen Mafia unter Druck gesetzt wurde. Im Fall des 25-jährigen Serben sollte er bloss herausfinden, wo Geld und Drogen waren, und den Mann dann der Mafia übergeben. Eine Form von Gewaltanwendung «war nicht geplant, von meiner Seite ganz klar nicht». Hätte er gewusst, dass am Schluss der Tod des Mannes stand, «hätte ich ihn nicht bis zum Morgen festgehalten, sondern freigelassen». Schliesslich habe er ihn töten müssen, weil ein Mitglied der Mafia ihn mit einer Waffe bedroht habe. Hätte er den Serben nicht getötet, wäre er selber erschossen worden.

Die Serben-Mafia steckte aber auch hinter der Tötung des 36-jährigen Lastwagenbesitzers. Der Erlös aus dem Verkauf des Wagens wäre zur Schulden­tilgung an die Mafia gegangen. Er habe den Mann im Auftrag der Mafia töten müssen, sonst hätte es einen Zeugen gegeben, und alles wäre aufgeflogen.

Weltfremde Geschichte

In beiden Fällen, so Thomas K., habe er bis zuletzt gehofft, «dass es einen anderen Weg gibt». Aber er sei von den Serben gezwungen worden. Sie hätten ihm Fotos seiner Familie gezeigt. «Ich hätte sofort abbrechen und zur Polizei gehen sollen.»

Markus N., der erst heute zum «Mordfall Boppelsen» befragt wird, gab deutlich zu verstehen, was er von der Mafiatheorie hält. Er schlug sich an die Stirn und sagte später, ihn störe, dass die Angehörigen mit der weltfremden Mafiageschichte konfrontiert würden. Über seinen Freund Thomas K. sagt er heute: «Er ist ein Mensch, der mir im restlichen Leben nicht mehr über den Weg laufen muss.»

Erstellt: 09.09.2019, 22:30 Uhr

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