«Und doch wurde ich zum Monster»

Das Zürcher Obergericht verurteilt einen Mann, der seine Töchter brutal misshandelte und missbrauchte, zu neun Jahren Haft.

Das Obergericht erhöhte das Urteil der Vorinstanz, der Angeklagte wollte eine tiefere Strafe. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Das Obergericht erhöhte das Urteil der Vorinstanz, der Angeklagte wollte eine tiefere Strafe. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Er schlug seine Töchter ins Gesicht. Er würgte sie. Er packte sie, zerrte sie ins Bad, drückte sie am Hals rücklings über den Badewannenrand und spritzte ihnen mit der Dusche kaltes Wasser ins Gesicht, zehn, fünfzehn Sekunden lang, bis die Mädchen glaubten, sie müssten ertrinken.

Er tat solche Dinge, wenn er glaubte, seine Kinder bestrafen zu müssen. Und das war sehr häufig der Fall. Wöchentlich, manchmal fast täglich.

«Ich bin eigentlich ein guter Mensch»

Als die beiden älteren Mädchen in die Pubertät kamen, hörten die Züchtigungen auf. Dafür mussten sie ihm sexuell zu Diensten stehen.

Vor fast genau einem Jahr stand der Mann für seine Taten vor dem Bezirksgericht Uster und beteuerte unter Tränen, wie leid ihm alles tue, wie schwer es sei, mit dieser Schuld zu leben, und dass er nur noch deshalb jeden Tag aufstehe, «um meine Strafe entgegenzunehmen, egal, wie hoch sie ist».

Alles nur leere Worte? Vielleicht nicht. Und doch stand der Mann gestern vor Obergericht, weil ihm die 8 Jahre zu viel waren, die ihm das Bezirksgericht Uster auferlegt hatte. Dabei hätte er ahnen können, was ihm drohte: Die Staatsanwältin hatte eine Strafe von 14 Jahren verlangt, der damalige Verteidiger hielt 3 für angemessen.

«Nach jedem Missbrauch fühlte ich mich ein paar Minuten wie ein Mensch.»Der Angeklagte

Er wolle seine Taten keineswegs bagatellisieren, betonte der Beschuldigte gestern. Und doch: «Ich bin eigentlich ein guter Mensch. Es klingt absurd, aber ich kann keine Spinne töten. Vor und nach meiner Ehe war ich der friedlichste Mensch. Dazwischen wurde ich zum Monster.»

Man wüsste gern, warum, doch eine wirkliche Erklärung hat der Mann, der seit Jahren in Therapie ist, nicht. «Es» hat sich entwickelt, irgendwie. Anfangs war da eine heillose Überforderung, wie er sagt. Die Mutter der Mädchen distanziert, ohne Engagement, er bringt das Geld heim, er schmeisst den Haushalt, er geht an Elterngespräche, «ich tat alles für sie». Danke sagt ihm niemand dafür, dass er «sich zu Tode schuftet». Er fühlt sich zurückgewiesen, er giert nach Anerkennung. Das ist das Grundgefühl seines Lebens: nicht angenommen zu werden. Das, so erklärt er sich das selbst, und so erklärt er es dem Gericht, war der Grund, warum er seine Töchter sexuell missbrauchte: «Ich habe Geborgenheit gesucht, Akzeptanz. Nach jedem Missbrauch fühlte ich mich ein paar Minuten wie ein Mensch.»

Der Richter kann und will sein Unverständnis nicht verbergen: «Wussten Sie, was Sie anrichten?» Der Beschuldigte druckst herum. Ja, schon, aber wirklich bewusst sei es ihm erst geworden, als die Älteste auszog und eine Therapie begann. Die drei Mädchen, inzwischen junge Frauen, haben alle massive psychische Probleme, alle nahmen oder nehmen Drogen, an einen normalen Alltag ist nicht zu denken. Paradox: Der Jüngsten, die «nur» geschlagen wurde, geht es fast am schlechtesten.

Gutachten verlangt

Trotzdem findet die neue Verteidigerin eine Strafe von acht Jahren zu hoch, fünfeinhalb reichten. Zum einen wirft sie dem Bezirksgericht Uster vor, ihren Mandanten doppelt bestraft zu haben, weil es ihn wegen schwerer Körperverletzung und wegen sexueller Handlungen mit Kindern bestrafte: «Die körperlichen Folgen der Schläge dürften im Vergleich zum Missbrauch marginal gewesen sein.»

Zum anderen verlangt sie ein Gutachten. Es gebe starke Anzeichen für eine verminderte Schuldfähigkeit. Fast eine halbe Stunde spricht sie über die schwere Kindheit des Beschuldigten, über die Grossmutter, bei der er aufwuchs und die ihn «abgrundtief hasste». Über den grossen Bruder, der den Kleineren ständig verprügelte.

Die Staatsanwältin will von einem Gutachten nichts wissen: «Eine schwere Kindheit allein rechtfertigt das noch nicht.» Aber auch sie übt Kritik am Urteil der ersten Instanz. Diese habe den Beschuldigten keineswegs doppelt bestraft, sondern im Gegenteil Misshandlungen und Missbrauch viel zu wenig klar getrennt. Sie verlangt deswegen eine Straferhöhung, nicht auf die ursprünglich beantragten 14 Jahre, aber doch auf 9.

Das Obergericht folgt diesem Antrag. «Sie haben im Beruf, im Alltag funktioniert», sagt der vorsitzende Richter dem Beschuldigten zum Schluss. «Nur daheim wurden Sie ausfällig. Das hatte System und Methode.» Eine schwere Kindheit sei keine Entschuldigung – und kein Grund für ein Gutachten. Selbst die Therapeutin des Beschuldigten sehe das so.

Erstellt: 25.06.2019, 09:55 Uhr

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