Und plötzlich sind sie für die Ehe für alle

SVP-Regierungsratskandidatin Natalie Rickli ist auf einmal für die Ehe für Homosexuelle. Sie ist nicht die Einzige. Wie kam es zur Wende?

Wer sich liebt, soll heiraten dürfen – egal welches Geschlecht: Dieser Ansicht sind mittlerweile viele Politikerinnen und Politiker. Foto: Getty Images

Wer sich liebt, soll heiraten dürfen – egal welches Geschlecht: Dieser Ansicht sind mittlerweile viele Politikerinnen und Politiker. Foto: Getty Images

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Es ist ein Thema, das eigentlich die Bundespolitik bewegt: die Ehe für alle. Doch auch bei kantonalen Personenwahlen wird die Frage, ob Kandidatinnen und Kandidaten die gleichgeschlechtliche Ehe befürworten, gerne herangezogen.

Oft dient sie als Gradmesser dafür, wie gesellschaftsliberal jemand ist. Bei den «Tages-Anzeiger»-Porträts zu den Regierungsratswahlen sagten alle bisherigen Zürcher Regierungsräte «Ja» zur Ehe für alle, Ernst Stocker (SVP) «eher Ja». Auch Natalie Rickli (SVP), die für den Regierungsrat kandidiert, denkt heute anders als noch vor einigen Jahren. «Schwule und lesbische Paare sollen heiraten und Kinder adoptieren dürfen», sagt sie.

«Mit vielen Paaren geredet»

Rickli sitzt im Nationalrat in der Rechtskommission. Dort war sie im Februar mitverantwortlich dafür, dass die Ehe für alle in die Vernehmlassung geschickt wurde. «In der Kommission und auch privat habe ich mit vielen gleichgeschlechtlichen Paaren geredet», sagt Natalie Rickli. Das Bedürfnis, heiraten zu können, sei sehr gross, weshalb sie ihre Meinung geändert habe. Die SVP-Regierungsratskandidatin unterstützt auch das Adoptionsrecht. Wenn ein homosexuelles Paar einem Kind ein Zuhause bieten könne, das sonst keines hat, dann sei dass eine gute ­Sache.

Hat ihre Meinung geändert: Natalie Rickli. Foto: Fabienne Andreoli

Auch die meisten Kantonsrätinnen und Kantonsräte denken wie Rickli. Bei einer Umfrage von Smartvote haben 152 von insgesamt 180 bisherigen Kantonsräten teilgenommen. Zwei Drittel sagen «Ja» oder «eher Ja» zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Ausser bei der EDU, der SVP und der EVP unterstützt eine klare Mehrheit der Fraktionen das Anliegen.

«Hören Sie, wie alt ich bin?»

Patrick Hadi Huber – 38, Präsident der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ) – kam als junger Mann vom Thurgau nach Zürich. Früher war es ihm «etwas unbehaglich», öffentlich einen anderen Mann zu küssen. Heute sei das «völlig easy». Der Grund dafür ist für Huber seine persönliche Entwicklung – aber auch die offenere Gesellschaft.

Die HAZ fragt Kandidierende des Zürcher Wahlkampfs seit 13 Jahren, wie sie zu queeren Anliegen stehen. «Die bürgerlichen Parteien sind viel gesellschaftsliberaler geworden», sagt Huber. Heute sei die Ehe für alle mehrheitsfähig. Auch von den kandidierenden Kantonsrätinnen und Kantonsräten ist laut der HAZ-Plattform «Regenbogenpolitik» eine grosse Mehrheit für die gleichgeschlechtliche Ehe.

Die jüngere Generation Politiker sei mit diesen Themen aufgewachsen, sagt Huber. Fast jeder habe persönliche Kontakte zu Menschen aus der LGBT-Community.

Dass es einen Generationengraben gibt, zeigt sich in der FDP. «Hören Sie, wie alt ich bin?», fragt Kantonsrat Daniel Schwab am Telefon. Der 63-Jährige ist einer der wenigen Freisinnigen, der klar gegen die Ehe für alle ist. «Wir müssen nicht wegen jeder Minderheit das Gesetz ändern», sagt Schwab. Sein katholischer, konservativer und familiärer Hintergrund sei dafür verantwortlich, dass er die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnt.

Anders denkt laut Smartvote die klare Mehrheit der FDP-Fraktion im Zürcher Kantonsrat, zum Beispiel André Müller. Er war schon immer für die Ehe für alle, gewichtet die individuelle Freiheit hoch und sagt: «Unsere Partei ist gesellschaftsliberaler geworden. Die jüngeren Politiker haben viele inspiriert.» Auch die Fraktionspräsidenten der CVP und der SVP bestätigen, dass die Parteien offener für das Anliegen geworden sind.

«Nicht artgerecht»

Die pointierteste Kritik gegen die Ehe für alle im Kantonsrat kommt von der EDU. 2016 wollte die Partei die Ehe als Lebensgemeinschaft von Frau und Mann in der kantonalen Verfassung verankern und scheiterte mit einem Nein-Stimmen-Anteil von mehr als 80 Prozent. Trotzdem halten die EDU-Kantonsräte an ihrer Meinung fest. Erich Vontobels Werte basieren auf der Bibel. «Diese verändert sich ja bekanntlich nie», sagt er. Die Ehe sei etwas Heiliges, das Mann und Frau vorbehalten bleiben müsse. Dass Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen, sei nicht artgerecht.

Auch Peter Häni findet das «widernatürlich». Und er sagt: «Menschen, die homosexuelle Paare als unnatürlich bezeichnen, werden heute diskriminiert.»

Auch mit «C» kein Tabu

Dass man trotz christlichem Hintergrund seine Meinung revidieren kann, zeigt Kantonsrat Beat Bloch (CSP). Vor vier Jahren sagte er Nein zur Ehe für alle. Er hat gleichgeschlechtlichen Paaren zwar nie die Rechte abgesprochen, trotzdem war für ihn die Ehe sehr eng mit der Kirche verknüpft.

«Ausgrenzung ist kein christlicher Wert», sagt Beat Bloch. Foto: PD

Bloch unterstützt heute, dass homosexuelle Paare eine Ehe eingehen können. Das sei auch mit einem «C» im Parteinamen kein Tabu. «Ausgrenzung ist kein christlicher Wert», sagt Bloch. Die Politik müsse gesellschaftliche Veränderungen aufnehmen und dürfe nicht in alten Gesellschaftsbildern verharren.

Beat Bloch hat gleichgeschlechtliche Paare im Bekanntenkreis, war auch schon an einer «Hochzeit» dabei, als zwei Männer ihre Partnerschaft eintragen liessen. Als Jurist berät er zudem homosexuelle Paare. Dort macht er die Erfahrung, das diese immer noch für ihre Rechte kämpfen müssen.

«Im Spital erhält eine Frau Informationen über das Befinden ihres Ehemannes, auch wenn beide noch so schlecht miteinander auskommen.» Bei gleichgeschlechtlichen Paaren sei diese nicht von Grund auf der Fall, auch wenn sie 25 Jahre verliebt zusammengelebt haben. Um Missstände wie diesen beheben zu können, sieht Bloch über die religiöse Aufladung des Begriffs Ehe hinweg. Im Politbetrieb beobachtet er, dass kaum jemand mehr vehement gegen die Ehe für alle ist, und wenn, dann heisst es: «Sollen sie doch.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2019, 21:30 Uhr

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