Und plötzlich sticht er auf die vermeintliche Hexe ein

Laut einem Experten können Kiffer ein erhöhtes Risiko für Psychosen haben. Einen besonders heftigen Fall hatte das Zürcher Bezirksgericht zu beurteilen.

Mit Dämonen, Teufeln und Hexen muss sich das Bezirksgericht Zürich befassen. Bild: Urs Jaudas

Mit Dämonen, Teufeln und Hexen muss sich das Bezirksgericht Zürich befassen. Bild: Urs Jaudas

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Einem 42-jährigen ehemaligen Zürcher Webpublisher war im Januar 2016 nach intensivem Kiffen im Zustand einer Psychose der Teufel erschienen. Der Mann trat nachts die Wohnungstür seiner ihm nicht bekannten Nachbarin mit Fusstritten ein und attackierte die völlig schockierte Frau im Bett mit einem Kreuzschraubenzieher.

Am heutigen Prozess sagte der Beschuldigte, dass er seit dem 19. Altersjahr regelmässig Cannabis konsumiere, rund 2 Gramm pro Tag. Der Sozialhilfeempfänger, der nach eigenen Angaben rund die Hälfte seines Sozialgeldes für Cannabis ausgab, ist seit Jahren arbeitslos. Jetzt macht er eine Zusatzausbildung und versucht im Leben Fuss zu fassen.

Er sei von den Drogen weg, sagte der nicht vorbestrafte Mann. Seit seiner Verhaftung im Januar 2016 und der anschliessenden neunmonatigen Haft habe er keinen einzigen Joint mehr geraucht: «Ich habe kein Bedürfnis mehr, Cannabis macht mir angst», sagte der Beschuldigte. Er ist grundsätzlich geständig. Er verneint aber, die Frau in die Brust gestochen zu haben, nur in Arme und Beine.

Cannabisabstinenz ärztlich kontrollieren

Der Staatsanwalt verlangte die Feststellung, dass es sich bei der Attacke um eine versuchte vorsätzliche Tötung handelte. Die Frau hätte durch die Stiche in die Brust tödliche Verletzungen erleiden können. Glücklicherweise waren sie aber nicht stark. Der Mann habe beim Psychiater gesagt, dass sich Satan in einer Frau versteckt und er den Teufel töten müsse. Es sei lebensfremd, dass er am heutigen Prozess plötzlich nichts mehr von den Stichen in die Brust wissen wolle.

Weil der 42-Jährige aber schuldunfähig ist, könne er nicht bestraft werden, und das Gericht soll eine ambulante psychiatrische Massnahme anordnen. Zudem soll er die Cannabisabstinenz regelmässig ärztlich kontrollieren lassen.

Opfer hat Angstzustände und ist arbeitsunfähig

Die Opfervertreterin sagte, dass die 33-jährige Frau immer noch unter der Attacke leide. Sie konnte ihre Arbeit im Gastrobereich nicht mehr weiterführen, da sie bei Kundenkontakten Angstzustände bekam. Sie war bis diesen Sommer aus psychischen Gründen arbeitsunfähig und lebt momentan von der Sozialhilfe. Sie verlangte Genugtuung und Schadenersatz.

Der Verteidiger wehrte sich dagegen, dass es sich um einen vorsätzlichen Tötungsversuch gehandelt hat, sondern es sei eine Körperverletzung gewesen: «Es bestand nie eine Lebensgefahr für die Frau.» Er schloss sich aber dem Staatsanwalt an, dass sein Mandant schuldunfähig ist und die begonnene ambulante Therapie weiterführen soll.

Das Gericht folgte den Argumenten des Staatsanwaltes. Es würdigte die Tat rechtlich als versuchte vorsätzliche Tötung, sah aber von einer Strafe wegen Schuldunfähigkeit ab. Der Mann habe auf die Brust der Frau eingestochen, auch wenn die Verletzungen nur oberflächlich waren. Das Gericht ordnete für den 42-Jährigen eine ambulante Massnahme an, welche Drogenabstinenz sowie ein Kontakt- und Rayonverbot bezüglich dem Opfer beinhaltet. Die Genugtuungsforderung wurde an die Opferhilfe verwiesen.

Erstellt: 04.12.2017, 20:19 Uhr

«Cannabis erhöht Psychoserisiko»

Es besteht der Verdacht, dass Cannabiskonsum das Risiko erhöht, an einer Psychose oder Schizophrenie (Wahnvorstellungen, Halluzinationen) zu erkranken. Laut Boris Quednow, Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand im Laufe seines Lebens eine Psychose entwickelt, im Normalfall zwischen 0,5 und einem Prozent. Bei Cannabiskonsumenten steigt das Risiko je nach Intensität des Konsums auf das Doppelte bis Sechsfache. Zwar sei auch dieses Risiko immer noch vergleichsweise gering, sagt der Psychologe. Es sei jedoch unbestritten, dass viele Psychosen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum auftreten würden. Dies könne man vor allem bei jungen Männern feststellen, die aufgrund psychotischer Störungen in Kliniken behandelt würden.

Bei Personen, die eine psychotische Erkrankung erleiden würden, liege vermutlich jeweils eine genetische Veranlagung vor, sagt Quednow. Hingegen seien dann der Cannabiskonsum und weitere Stressfaktoren dafür verantwortlich, dass die Psychose zum Ausbruch komme.

Bei Gewaltdelikten unter dem gemeinsamen Einfluss von Psychose und Cannabis, so Quednow, spiele wahrscheinlich die psychotische Erkrankung die grössere Rolle. Cannabis könne aber die – in Folge der Psychose auftretenden – kognitiven Probleme derart verstärken, dass die aggressiven Impulse eher durchbrechen könnten. Grundsätzlich sei es wichtig, dass Personen mit psychotischen Störungen soweit wie möglich die Finger von Cannabis lassen würden.

Es gibt drei Verlaufsarten von Psychosen. Die mildeste Form sind einmalige Episoden mit Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Dann gibt es Fälle von regelmässig wiederauftretenden psychotischen Störungen, die sich aber nicht verschlimmern. Die gravierendste Form ist die chronische Schizophrenie, einer sich meist stetig verstärkende Krankheit, für die eine lebenslange medikamentöse Behandlung notwendig ist. (hoh)

Professor Boris Quednow

Lehrbeauftragter Psychiatrische Universitätsklinik

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