«Es gab Reibereien und Konflikte»

Wie weiter mit Mario Fehr? Die SP-Co-Präsidenten Priska Seiler und Andreas Daurù lassen die Partei am Dienstag über die Zukunft des Regierungsrats abstimmen.

Sie wollen die Vertrauensfrage stellen: Die SP-Co-Präsidenten Andreas Daurù und Priska Seiler. Foto: Urs Jaudas

Sie wollen die Vertrauensfrage stellen: Die SP-Co-Präsidenten Andreas Daurù und Priska Seiler. Foto: Urs Jaudas

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Am nächsten Dienstag entscheidet die SP darüber, ob sie Mario Fehr wieder als Regierungsrat aufstellt. Vor einer Woche wussten Sie noch nicht einmal, wie die Versammlung abläuft. Steht der Ablauf nun fest?
Andreas Daurù: Ja, wir werden die Vertrauensfrage stellen, ob die Partei nochmals mit Mario Fehr antreten soll und antreten will. Dieselbe Frage wird es zu Jacqueline Fehr geben.
Priska Seiler: Um jedes Missverständnis auszuräumen: Es gibt am Dienstag keine Wahl, sondern eine Abstimmung. Wir wollen wissen, ob die Basis hinter den beiden Regierungsräten steht. Dazu kann man Ja oder Nein sagen.

Das ist ein eher ungewöhnliches Vorgehen.
Daurù: Die SP war schon immer eine basisdemokratische Partei, und deshalb wollen wir auch jetzt die Basis entscheiden lassen.

Wäre es nicht einfacher, Sie würden die beiden Fehrs ganz normal zur Wiederwahl empfehlen?
Seiler: Das wäre einfacher, aber wir halten das nicht für den richtigen Weg. Es gab Reibereien und Konflikte in der Vergangenheit, die auch politisch begründet waren. Darum halten wir es für richtig, die Frage so zu stellen. Wäre ich Regierungsrätin, ich würde auch wissen wollen, ob die Basis hinter mir steht.

«Wir geben bewusst keine Empfehlung ab.»Andreas Daurù

Ich würde aber auch wissen wollen, ob die Parteileitung hinter mir steht. Was ist Ihre Haltung?
Daurù: Wir geben bewusst keine Empfehlung ab. Die Frage, wie die Partei zu Mario Fehr steht, ist offen, und sie wäre spätestens im Regierungsratswahlkampf wieder aufgebrochen. Deshalb wollten wir sie frühzeitig ausdiskutieren. Das gilt auch für Jacqueline Fehr.

Man kann Ihnen vorwerfen, Sie machen es sich damit einfach.
Seiler: Ich glaube, es ist der schwierigere Weg, und das Ergebnis ist offen. Aber es ist unsere tiefste Überzeugung, dass es der richtige Weg ist.
Daurù: Klar, wenn Mario Fehr bestätigt wird, ist es einfach. Dann gehen wir zusammen in den Wahlkampf, und dann erwarten wir von allen, dass die Diskussion ein für alle Mal geführt ist. Geht es anders aus, gilt es zu arbeiten. Dann müssen wir in der Geschäftsleitung entscheiden, ob wir mit einer Zweierkandidatur antreten oder ob wir zum Beispiel mit den Grünen zusammengehen wollen.

Gibt es Alternativkandidaturen?
Daurù: Nein, die gibt es nicht.
Seiler: Die Idee dieser frühen Delegiertenversammlung ist es nicht, jemand anders zu nominieren, sondern uns genügend Zeit zu verschaffen, falls die Partei nicht hinter Mario Fehr steht.

«Dass nun Allianzen geschmiedet werden, gehört dazu.»Priska Seiler

Die Gerüchteküche brodelt . . .
Daurù: Sie wissen wohl mehr als wir. . .

Man hört, es gebe Versuche, hinter den Kulissen eine Mehrheit gegen Mario Fehr zu bekommen.
Seiler: Dass nun Allianzen geschmiedet werden, gehört dazu – übrigens auch für Mario Fehr. Er hat auch seine Fans in der Partei, das möchte ich betonen.

Die Juso versucht offenbar, noch möglichst viele Delegiertensitze zu besetzen, die sonst frei blieben.
Seiler: Das macht sie jedes Mal.
Daurù: Die Juso ist grundsätzlich gut darin zu mobilisieren. Grundsätzlich sind die Bezirksparteien dafür zuständig, ihre Delegierten zu wählen. Das ist aber vor wichtigen Abstimmungen in der SP jedes Mal der Fall.
Seiler: Und bei jeder Nationalratsnomination.

Es gibt in Sachen Mario Fehr einen Graben zwischen den Jungsozialisten und den etablierten Kräften. Gibt es auch einen Stadt-Land-Graben? In der Stadt soll es Fehr schwerer haben.
Seiler: Schwer zu sagen. Die Leute vom Land sind es eher gewohnt, auf andere Parteien zuzugehen, weil sie meist in der Minderheit sind und anders keinen Schritt vorwärtskämen. In Bezug auf Mario Fehr würde ich keine Prognose wagen.
Daurù: Wir bekommen sowohl aus der Stadt als auch vom Land unterschiedliche Rückmeldungen.

Wie haben Jacqueline Fehr und Mario Fehr auf Ihr vorgeschlagenes Vorgehen reagiert?
Seiler: Wir haben dieses in Absprache mit den beiden gewählt. Sie wussten schon sehr früh davon.

Eine Rolle dürfte spielen, ob die Abstimmung geheim ist oder offen. Was ist vorgesehen?
Seiler: Eine offene Diskussion, aber eine geheime Abstimmung. Das hält die SP immer so.

Spielen wir mögliche Szenarien durch. Eine entscheidende Frage ist, ob Mario Fehr wild kandidieren würde, sollte er an den Delegierten scheitern.
Seiler: Er hat uns gesagt, dass er dann nicht kandidieren würde.

Die SP müsste dann also nicht gegen Mario Fehr antreten?
Daurù: Das hat er versprochen.

«Unser Vorgehen braucht Mut.»
Priska Seiler

Läuft er damit nicht Gefahr, dass die Delegierten zum Schluss kommen, sie könnten Fehr gefahrlos absägen?
Seiler: So funktionieren SPler nicht.
Daurù: Das glaube ich auch. Ich gehe davon aus, dass die Delegierten sich die Frage stellen, ob Mario Fehr sozialdemokratische Politik macht, und dass sie auch aufgrund dessen entscheiden.

Dennoch stellen sich taktische Fragen. Mario Fehr hat gute Chancen auf eine Wiederwahl.
Seiler: Davon gehen wir auch aus.

Wenn die SP ihn nicht aufstellt, riskiert sie einen Sitzverlust.
Daurù: Ja, das ist so. Wenn Mario Fehr nicht mehr aufgestellt wird, müssen wir überlegen, wie wir vorgehen – auch um den Sitz von Jacqueline Fehr nicht zu gefährden.

Sie sehen Jacqueline Fehrs Sitz ohne Mario Fehr als gefährdet an?
Seiler: Natürlich nur, wenn er sich nicht an sein Versprechen hielte.

Der SP droht eine Zerreissprobe.
Seiler: Das lässt sich nicht verhindern. Man kann nicht so tun, als gebe es diese Meinungsverschiedenheiten nicht. Wir müssen diesen irgendwie begegnen. Deshalb wollen wir sie transparent ausdiskutieren. Wir haben auch die Medien zur Delegiertenversammlung eingeladen. Unser Vorgehen braucht Mut.

Es wird auch eine straffe Leitung brauchen, damit die Versammlung nicht ausufert. Fürchten Sie keine Schlammschlacht?
Seiler: Ich gebe zu, Sitzungsführung und Verfahrensfragen beschäftigen uns im Moment fast mehr als das Resultat.
Daurù: Und gleichzeitig muss man sagen: Wir wollen diese Diskussion. Die Leute sollen Stellung nehmen können, das Mikrofon ist offen.

Also haben Sie keine Angst vor einer Schlammschlacht?
Daurù: Nein, ich gehe davon aus, dass unsere Parteimitglieder diskussionsfreudig, aber respektvoll sind. Das ist unsere Tradition. Es ist nicht die erste heftige Diskussion.
Seiler: Wir wollen unsere Diskussionskultur pflegen. Aber klar ist auch: Wenn es unflätig wird, werden wir eingreifen.
Daurù: Ich bin aber überzeugt, dass es nicht so weit kommt.

«Weil wir Zeit bräuchten, sollten sich die Delegierten gegen Mario Fehr entscheiden.»Andreas Daurù

Sie sagten vorher, wenn einmal ein Entscheid gefällt sei, dann gebe es keine Diskussionen mehr. Ziehen Sie das durch?
Seiler: Ich hoffe wirklich, dass die unterlegene Seite die Spielregeln einhält und einen demokratischen Entscheid akzeptiert. Aber wir können nicht alle glücklich machen an diesem Abend. Das geht nicht.
Daurù: Es ist eine Grundvoraussetzung der Demokratie, dass die Minderheit die Mehrheit akzeptiert . . .
Seiler: . . . aber auch umgekehrt . . .
Daurù: . . . deshalb führen wir diese Diskussion, von der ich behaupte, dass sie bisher nie richtig geführt worden ist, sondern nur auf der Hintertreppe.

Höre ich einen leisen Vorwurf gegen Ihren Vorgänger Daniel Frei?
Seiler: Ich würde nicht von einem Vorwurf reden.

In letzter Zeit scheint es in der SP ruhiger geworden zu sein. Liegt das daran, dass diese Diskussion nun geführt wird? Oder hat Mario Fehrs Schmusekurs der letzten Monate Erfolg?
Seiler: Beides. Mario Fehr gibt es aus sozialdemokratischer Sicht in letzter Zeit nichts mehr vorzuwerfen. Das neue Sozialhilfegesetz etwa fällt im Kanton weicher aus als in der Stadt.

Was, wenn Ihnen die Delegierten einen Strich durch die Rechnung machen und am Dienstag keinen Entscheid fällen?
Daurù: Es muss einen Entscheid geben, darauf werden wir drängen. Auch weil wir Zeit bräuchten, sollten sich die Delegierten gegen Mario Fehr entscheiden.
Seiler: Ich gehe davon aus, dass wir nicht die Einzigen sind, die das so sehen. Es wäre auch gegenüber unseren Regierungsräten nicht fair. Und ich glaube, unsere Mitglieder wollen wissen, was Sache ist. Wir wollen einen Schlussstrich ziehen.

Erstellt: 22.05.2018, 22:17 Uhr

Die SP-Chefs

Co-Präsidium seit einem Jahr

Priska Seiler
Die 49-jährige Vollblutpolitikerin wurde 2015 in den Nationalrat gewählt. Zuvor sass sie zehn Jahre im Zürcher Kantonsrat. Seit acht Jahren ist sie Stadträtin in Kloten. Die Mutter dreier Kinder ist ausgebildete Lehrerin und Ballettpädagogin. Vor einem Jahr wurde sie zur SP-Co-Präsidentin gewählt.

Andreas Daurù
Der 38-jährige Pflegefachmann sitzt seit sechs Jahren im Zürcher Kantonsrat. Bis April war er Präsident der Gewerkschaft VPOD. Zuvor sass er sieben Jahre lang im Gemeinderat von Winterthur. Er übernahm im Februar 2017 die SP-Leitung, erst ad interim, im Mai dann definitiv zusammen mit Seiler.

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