Unter Prämienschock

Die Krankenkassenprämien für 2016 sind ins Haus geflattert. Bei vielen sind sie höher, als angekündigt wurde. Dahinter steckt Versicherungsmathematik. Aber auch Politik.

Die Gesundheitskosten steigen, das hat verschiedene Gründe (hier ein Themenbild aus der Hirslanden Klinik). Foto: Keystone

Die Gesundheitskosten steigen, das hat verschiedene Gründe (hier ein Themenbild aus der Hirslanden Klinik). Foto: Keystone

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3,6 Prozent. Um so viel würden die Prämien für die Grundversicherung 2016 im Kanton Zürich steigen. Dies hat das Bundesamt für Gesundheit Ende September kommuniziert. Es handelt sich um einen Durchschnittswert. Inzwischen haben alle Leute Post von ihren Krankenkassen bekommen: ihre individuellen Prämien. Sabine Kästner (Name geändert) holte die alte Police hervor, rechnete – und war schockiert. Statt wie angekündigt um 3,6 steigt ihre Prämie um 17 Prozent!

Sabine Kästner ist bei der Helsana versichert. Sie hat ein Hausarztmodell mit Budgetvorgaben und die höchste Jahresfranchise von 2500 Franken gewählt. Helsana begründet die Steigerung mit zwei Faktoren. Erstens hat die Krankenversicherung den Rabatt für das betreffende Hausarztmodell reduziert, von 20 auf 17 Prozent. Laut Michael Willer, Leiter Kundenservice und Leistungen, verlangt das Bundesamt den Nachweis, dass die Rabatte gerechtfertigt sind, dass die Versicherten in den Hausarztmodellen tatsächlich günstiger sind.

Für 2015 habe Helsana die 20 Prozent für das Budgetmodell nachweisen können, sagt Willer. Und vielleicht würde das auch 2016 gelingen. Trotzdem senkt die Krankenkasse den Rabatt. «Wir machen die Marktbewegung mit», erklärt Geschäftsleitungsmitglied Willer. Bei der Konkurrenz seien die Einsparungen teilweise nicht nachweisbar gewesen.

Unzählige überlegen sich derzeit, die Kasse zu wechseln oder die Zusatzversicherung  zu künden.

Der zweite und wichtigere Grund für den Prämienanstieg sind die steigenden Gesundheitskosten. Für die Prämienregion 2 (Agglomeration), wo Sabine Kästner wohnt, hat die Helsana 14 Prozent berechnet. Willer relativiert diese Zahl allerdings sogleich. Sie gelte nicht für alle Helsana-Grundversicherten, sondern variiere je nach Modell und Franchisenstufe. Jemand mit Normalfranchise 300 Franken muss «nur» 8,6 Prozent mehr zahlen, seine Prämie steigt von 419 auf 455 Franken. Zudem fliessen in die Kalkulation der Prämien nicht nur die effektiven und die prognostizierten Kosten ein, sondern auch die Erwartungen der Krankenkasse zum Kundenverhalten. Michael Willer: «Wir erwarten, dass ein Fünftel bis ein Drittel der Prämienerhöhungen, die wir auf die Policen schreiben, gar nicht realisiert werden können.» Das heisst konkret, dass viele Leute das Modell oder die Kasse wechseln. Diese Wechsel werden bei der Berechnung ebendieser Prämien bereits vorweggenommen. Versicherungsmathematik nennt sich das. Sabine Kästner kann die Kalkulation der unterschiedlichen Prämien nicht nachvollziehen. Was zu einem Gefühl des Ausgeliefertseins führt. Wenigstens hat sie bei der Grundver­sicherung die Möglichkeit, die Kasse zu wechseln.

Tatsächlich ausgeliefert ist sie bei ihrer Zusatzversicherung. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: zahlen oder kündigen. Seit bald 30 Jahren leistet sich Kästner die Privatversicherung für Spitalbehandlungen in der ganzen Schweiz, ohne je Leistungen in Anspruch genommen zu haben. Mit 50 bekam sie einen markanten Prämienaufschlag präsentiert – und zahlte weiter. Dann, vor vier Jahren, gab es eine positive Überraschung: Helsana senkte als eine von wenigen Krankenkassen die Prämien für Spitalzusatzversicherungen, und zwar um 5 Prozent. Anlass war die neue Spitalfinanzierung mit Fallpauschalen, die zu einer Entlastung der Zusatzversicherungen führt. Denn die Kantone müssen jetzt auch einen Beitrag an die Behandlung zahlen, wenn Patienten sich in einem Privatspital behandeln lassen, sofern dieses auf einer Spitalliste ist. Die Finanzmarktaufsicht hat errechnet, dass die Verschiebung landesweit gegen 600 Millionen Franken ausmacht. 600 Millionen mehr Kosten für die Kantone, 600 Millionen weniger für die Privatversicherungen.

Helsana liess also ihre Zusatzversicherten an dieser Verbesserung partizipieren. Doch die Freude war nicht von Dauer. Für Sabine Kästner endete sie abrupt und schlug in Ärger um, als sie ihre neue Prämie für 2016 sah. 17 Prozent mehr! Der Aufschlag ist mehr als dreimal so gross wie die frühere Reduktion. Helsana bedauert den happigen Aufschlag und schreibt an ihre Kundschaft: «So gerne wir die Prämien stabil halten oder sogar senken würden – die Entwicklung der Leistungskosten zeigt leider in die andere Richtung. Insbesondere die Arztkosten sind im letzten Jahr mit über 8 Prozent deutlich angestiegen.» Bei den Zusatzversicherungen kommt ein weiterer Effekt hinzu, wie Michael Willer erklärt: «In diesen Versicherungen haben wir wegen der demografischen Entwicklung immer mehr ältere Menschen, und die gehen häufiger ins Spital als junge.»

Für Sabine Kästner sind das beunruhigende Informationen. Muss sie damit rechnen, dass die Prämien nun jedes Jahr um 10 Prozent steigen? Dann kann sie sich die Zusatzversicherung spätestens im Pensionsalter nicht mehr leisten – just dann, wenn sie diese eher einmal brauchen wird.

Zahlen, bis es nicht mehr geht?

Michael Willer verneint. Es gebe nicht jedes Jahr eine Erhöhung. Und die Alterssprünge alle fünf Jahre würden gegen hinten kleiner. Der Helsana-Kadermann gibt auch ein Versprechen an alle Zusatzversicherten ab: «Sie dürfen erwarten, dass wir in Zukunft die Preise härter verhandeln werden.» Anders als in der Grundversicherung, wo die Tarife vorgegeben sind, können Ärzte und Spitäler in der Privatversicherung im Prinzip verlangen, was sie wollen. Laut TA-Informationen gibt es einzelne Ärzte, die unverschämt hohe Honorarrechnungen stellen. Bekannt ist auch, dass alle Spitäler mit den Gewinnen aus der Zusatzversicherung die Behandlung von Grundversicherten querfinanzieren. Das ist eigentlich wider das Gesetz. Doch weil viele davon profitieren (vor allem auch der Staat, der dadurch weniger hohe Fallpauschalen mitfinanzieren muss), wird es hingenommen. Die Krankenkassen haben ebenfalls kein Interesse an einer Änderung, solange die Leute ihre Zusatzversicherungen brav zahlen.

Da scheint sich nun aber etwas zu ändern. Die Aussage von Helsana, man werde härter verhandeln, ist jedenfalls höchst bemerkenswert. Die anderen Kassen werden sie hören. Helsana ist zwar nur eine von Dutzenden, aber eine der grössten. Und Sabine Kästner ist nur eine von Hunderttausenden Versicherten. Aber so wie sie überlegen sich derzeit unzählige Leute, die Kasse zu wechseln und die Zusatzversicherung zu künden.

Erstellt: 15.11.2015, 23:22 Uhr

Zusatzversicherungen

Verteuerung

Nicht nur die Prämien in der Grundversicherung schlagen Anfang 2016 auf, sondern auch viele Spital- und ambulante Versicherungen. Laut «SonntagsZeitung» hebt die grösste Krankenkasse Helsana die Prämien für die Spitalversicherungen Privat und Halbprivat um 5 Prozent an. Die CSS erhöht die Prämien ihrer Zusatzversicherungen um durchschnittlich 1,1 Prozent. Prämienerhöhungen gibt es auch bei den Krankenkassen Assura, Sanitas, Wincare, Intras und Swica. Bei der Groupe Mutuel bleiben die Prämien insgesamt stabil. (TA)

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