Unterwegs in Zürichs unpünktlichstem Bus

Der 163er ist chronisch verspätet, wie der TA in einer grossen Auswertung zeigt. Die Gründe dafür sind offensichtlich. Eine Rundreise.

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Am Bahnhof Kilchberg ergänzen sich die Verspätungen von Bus und Zug so, dass für die Passagiere eigentlich alles zu funktionieren scheint – trotzdem sind viele verärgert. Denn in der reichen Zürichseegemeinde Kilchberg fährt der Bus 163, der grösste Ausreisser einer Statistik.

Mit wie viel Verspätung sind die Bus- und Tramlinien in Zürich unterwegs? Dazu liegen erstmals detaillierte Daten vor.

Eigentlich sind die Zürcher Trams und Busse pünktlich. 85 Prozent aller Abfahrten der VBZ-Linien haben keine Verspätung. Die restlichen 15 Prozent sind mindestens 90 Sekunden über dem Fahrplan, also eineinhalb Minuten. In dieser Zeit kann man das erste Drittel einer Zigarette rauchen, den Janis-Joplin-Song «Mercedes Benz» hören oder sich über die unpünktlichen öffentlichen Verkehrsmittel aufregen. Aber: Ersteres ist gesundheitsgefährdend, das Zweite Geschmacksache und Letzteres falsch, da die VBZ ja sehr oft pünktlich sind, wie die Datenauswertung des «Tages-Anzeigers» gezeigt hat.

90 Sekunden Zeit? Dann können Sie den Janis-Joplin-Song «Mercedes Benz» hören. Video: Youtube

Nun, wer in Kilchberg lebt, kann aus diesen drei Optionen besonders häufig auswählen, und viele wählen die dritte. Denn die Buslinie 163 ist so häufig verspätet wie keine andere VBZ-Linie. Der 163er befördert die Passagiere vom Bahnhof zur Station Obere Hornhalde und zurück. Täglich 14-mal. Samstags 11-mal. Und jeder zweite Bus ist zu spät dran. Ausser am Sonntag, dann ruht der Betrieb.

In Kilchberg ist man über das Resultat der Auswertung nicht überrascht. «Gestern mussten wir die Route abbrechen und direkt zum Bahnhof fahren», erzählt der Buschauffeur. Ein parkierter Krankenwagen habe ihm den Weg versperrt. Und wenn es kein Krankenwagen sei, dann eben ein Lastwagen, der Öl liefert. Seit 18 Jahren fahre er auf dieser Linie.

Ein ärgerlicher Kreislauf

Es ist 08.43 Uhr. Schnell wird klar, weshalb der 163er den Fahrplan selten einhält. Die Abfahrt verzögert sich: Die S-Bahn hat Verspätung, der Fahrer wartet. Kaum abgefahren, der nächste Stopp. Die Strasse ist eng. Das Kreuzen von anderen Fahrzeugen schwierig. Stillstand. Sekunden gehen verloren. Als der Bus an der ersten Haltestelle vorbeifährt, zeigt die Anzeige neben dem Fahrer «–03:00» an: 3 Minuten Verspätung. «Das holen wir nie mehr auf», sagt der Chauffeur.

Es sind nur wenige Minuten, die aber im eng getakteten Fahrplan einen ärgerlichen Kreislauf auslösen: Den Buschauffeur ärgert es, weil seine Passagiere dann unzufrieden sind. Diese regen sich auf, weil sie den Anschluss verpassen, und geben dafür dem Chauffeur die Schuld, der angeblich zu lange Pausen macht. Das ärgert den Chauffeur wiederum, der von langen Pausen nichts wissen will.

Den Kreislauf durchbricht an der nächsten Station eine Mutter. Ob sie wisse, dass dieser Bus besonders häufig verspätet sei? «Zum Glück!», prustet sie, hebt den durchsichtigen Regenschutz des Kinderwagens hoch und lächelt. «Wäre er pünktlich gewesen, hätte ich ihn verpasst, und wir müssten nun durch den Regen gehen.» Aber auch dann würde es jeweils nur einige Minuten dauern, bis der nächste komme. Hauptsache, es habe einen Bus.

Verspätung wegen Komforts

Münzen klirren. Eine Frau löst ein Billett im Bus – ein Geräusch, das aus den Stadtzürcher Bussen verschwunden ist. Auf der Anzeige neben dem Buschauffeur verrinnen die Sekunden. Rund ein Dutzend Menschen sind im Bus. Er fährt zurück Richtung Bahnhof Kilchberg.

Dort angekommen, hätte der Anschlusszug nach Zürich schon weg sein müssen. Doch es darf sich niemand ärgern. Die S 8 ist noch nicht da. Die Verspätungen ergänzen sich.

Der Zug rollt ein. Die Türen öffnen sich. Jugendliche drängen heraus: «Come on!», ruft ein Mädchen ihren Kolleginnen zu, sprintet los, die Treppe runter, durch die Unterführung. Zum Bus, er wartet, wie immer. Dafür ist er verspätet.

Mit wie viel Verspätung sind die Bus- und Tramlinien in Zürich unterwegs? Dazu liegen erstmals detaillierte Daten vor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2016, 09:55 Uhr

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