Verändern Frauen die Politik?

Noch nie stellten sich im Kanton Zürich so viele Frauen zur Wahl wie dieses Jahr. Die Präsidentin der Frauenzentrale schöpft Hoffnung.

Noch Luft nach oben: Dem Kantonsrat gehören derzeit 60 Frauen und 120 Männer an. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Noch Luft nach oben: Dem Kantonsrat gehören derzeit 60 Frauen und 120 Männer an. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Im Zürcher Kantonsrat beträgt der Frauenanteil derzeit exakt ein Drittel, bei den kommunalen Wahlen 2018 nahm der Frauenanteil zwar in zehn der dreizehn Gemeindeparlamente zu, wenn auch meist minim. Doch liegt er in sieben Parlamenten unter einem Drittel.

In der Stadtzürcher Legislative sinkt der Frauenanteil sogar stetig, im Moment liegt er bei 32 Prozent. Und die Exekutiven sind in fünfzehn Gemeinden ausschliesslich in Männerhand, dazu gehört eine so grosse Stadt wie Dietikon. Nur in Uster und der Stadt Zürich ist das Präsidium von einer Frau besetzt.

«Gerade die Zahlen der letzten Gemeindewahlen sind ernüchternd», sagt Andrea Gisler, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich. «Unser langjähriges Motto ‹Ein Drittel ist nicht genug› können wir leider immer noch verwenden.» Und doch sieht Gisler einen Silberstreifen am Horizont: «Wir haben das Gefühl, dass der Zeitgeist etwas kehrt.»

Neue Initiativen

Worauf stützt sich dieses Gefühl? Es seien in letzter Zeit an verschiedenen Orten Initiativen entstanden, die sich für mehr Frauen in der Politik starkmachen. Sie verweist etwa auf die Stadtzürcher IG Frauen im Gemeinderat, die gegen den sinkenden Anteil an Parlamentarierinnen ankämpft. Aber auch auf dem Land formieren sich Gruppen mit vergleichbaren Anliegen. So etwa das Frauenforum Tösstal und Umgebung, das politisch und gesellschaftlich interessierte Frauen der Region vernetzen und für eine starke Frauenvertretung in den Behörden sorgen will.

Und jetzt gibt es also eine Rekordbeteiligung der Frauen für die Kantonsratswahlen. Vor vier Jahren stellten die Frauen gut 36 Prozent der Kandidierenden. Jetzt sind es fast 42 Prozent, was allerdings den Frauenanteil in der Bevölkerung noch immer nicht adäquat abbildet.

Würde die Politik besser, wenn mehr Frauen daran teilnähmen? «Nicht besser, sicher aber anders», sagt Gisler. Aus Gesprächen, die sie mit Politikerinnen führt, folgert sie, dass sich insbesondere die Themensetzung verändern würde. «Frauen gewichten gesellschaftspolitische Fragen und Umweltthemen stärker.» Sind mehr Frauen in Parlamenten oder Kommissionen, kommen politische Themen, die eher die Lebensrealitäten von Frauen betreffen, leichter auf die politische Agenda.

Es geht um Konkordanz

«Im Grunde geht es um die Konkordanz, welche in der Schweiz so hoch gehalten wird», findet Andrea Gisler. «Die Politik muss doch die Gesellschaft möglichst breit abbilden, das heisst zuallererst, aber nicht nur, dass die Sichtweise der Frauen stärker vertreten sein muss.»

Was wäre denn vonnöten, damit Frauen sich eher in der Politik engagieren? Für Andrea Gisler sind hier die Parteileitungen, aber auch die Wählerinnen und Wähler selbst in der Pflicht. «Parteien sollten Frauen, die sich politisch interessieren, aktiv ansprechen und aufbauen. Es reicht nicht, wenn der Parteipräsident ein halbes Jahr vor den Wahlen mit der Tür ins Haus fällt.»

Wählerinnen und Wähler sollten, so Gisler, strategisch wählen. «Es nützt nichts, wenn man die Frauen auf dem letzten Listenplatz kumuliert. Man muss Frauen, die Wahlchancen haben, doppelt aufschreiben, auch einmal über die Parteigrenzen hinaus.»

Zum Schluss verweist sie auf vermeintliche Details, die aber für manche Frauen unüberwindbare Hürden darstellen, um in die Politik einzusteigen. «Wenn Gemeinderatssitzungen jeweils am Mittwochnachmittag stattfinden, ist das für Mütter mit schulpflichtigen Kindern wirklich die allerdümmste Zeit.»

Spricht Gisler mit jungen Frauen, die sich für das Mentoringprogramm der Frauenzentrale interessieren, stellt sie fest, wie wichtig Vorbilder sind. «Als Mentorinnen sind sehr oft Frauen gefragt, welche in der Politik aktiv sind und Kinder haben.» Parlamente sollten sich überlegen, wie sie Müttern mit kleinen Kindern das Leben erleichtern. «Und ihnen nicht noch Steine in den Weg legen, wie das zuweilen geschieht.»

Der TA wird auf die Wahlen hin pro Partei, die im Kantonsrat vertreten ist, je eine Frau porträtieren. Die Serie startet nächste Woche.

Erstellt: 25.01.2019, 21:15 Uhr

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