Verschleiert willkommen

Hintergrund-Redaktor Beat Metzler über arabische Touristen.

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Das Bild irritiert das westliche Auge: Der Mann trägt Poloshirt und Turnschuhe. Von der Frau daneben sieht man nur die Augen, der Rest ist schwarzer Stoff.

An der Zürcher Bahnhofstrasse trifft man derzeit häufiger auf solche Paare. Die Zahl der Touristinnen und Touristen aus den Golfstaaten hat sich in Zürich zwischen 2012 und 2015 fast verdoppelt.

Die Verlockung ist gross zu sagen: Solche textil gewordene Unterdrückung wollen wir auf Schweizer Strassen nicht haben. So setzt das Tessin seit dem 1. Juli ein Burkaverbot durch. Ein SVP-Initiativkomitee will den Schleierbann in die Verfassung schreiben.

Was würde ein solches Verbot mit dem Tourismus anrichten? Dafür gibt es zwei Szenarien.

1. Laut Berichten aus dem Tessin haben arabische Touristinnen kaum Mühe, ihre Gesichtsbedeckung abzunehmen, wenn die Polizei dies verlangt. In dem Fall hätte das Burkaverbot eine emanzipatorische Wirkung. Musliminnen, die den Wind auf ihrem Gesicht spüren wollen, könnten in die Schweiz reisen. Idealerweise würde diese Freiheit bis in die Heimat ausstrahlen.

2. Wegen des Burkaverbots bleiben die Golftouristen fern. Im Tessin gibt es bisher keine Hinweise dafür. Doch das Gesetz gilt erst einen Monat lang, Befürchtungen in diese Richtung bestehen weiterhin.

Experiment mit offenem Ausgang

Ein solches Fernbleiben würde allen schaden. So merkt man in Zürich dank den vielen Golftouristen, dass diese einen durchaus westlichen Lebensstil pflegen – zumindest was das Shopping betrifft. Zudem stellt man fest, dass die verhüllten Frauen gutes Englisch sprechen, eine eigene Kreditkarte zücken oder mit dem Smartphone durch die Stadt navigieren. Die arabischen Touristen wiederum bekommen mit, wie unverkrampft sich eine Gesellschaft anfühlt, in der Frauen gesetzlich gleich viel gelten wie Männer. Unterbindet das Burkaverbot dieses beobachtende Nebeneinander, nützt es keiner Frau etwas.

Das neue Tessiner Gesetz ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen: Zürcher Hoteliers und Juweliers freuen sich über die zusätzlichen Gäste. Denn die Banknoten der Golftouristen sind nicht verschleiert.

Erstellt: 03.08.2016, 23:03 Uhr

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