Islam-Vertreter verteidigen umstrittenen Zürcher Imam

Der Vorbeter von Volketswil predige gemässigt, sagt die Vizepräsidentin des Zürcher Moschee-Dachverbands.

Die Moschee in Volketswil ist die grösste des Kantons. Foto: Urs Jaudas

Die Moschee in Volketswil ist die grösste des Kantons. Foto: Urs Jaudas

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Er verliess den Kanton Zürich nach einem Skandal und ist nun wieder zurückgekehrt: Scheich Youssef Ibram, Imam der grössten Moschee des Kantons in Volketswil. Vor gut zehn Jahren sagte er, dass er nicht gegen die Steinigung von Ehebrecherinnen sein könne. Diese Strafe sei Teil der Scharia, des religiösen Gesetzes des Islam. Die öffentliche Empörung war derart gross, dass er seine Stelle als Imam in Zürich aufgab. Er liess die Stadt hinter sich, nur um in Genf wieder anzuecken.

Dass Ibram vor einem Jahr unbemerkt nach Volketswil zurückgekehrt ist, erstaunt – zumindest in der Zürcher Oberländer Gemeinde. Deren Präsident Bruno Walliser hatte nichts vom Amtsantritt des umstrittenen Predigers gewusst. Allerdings pflegt SVP-Nationalrat Walliser auch keinen speziellen Kontakt zur islamischen Gesellschaft oder der Stiftung, die hinter der Moschee steht. Er tauschte sich mit den Vertretern nur aus, als sich diese um eine Bau­bewilligung für das Gebäude bemühten.

Dass die Moschee nun diesen Imam beschäftigt, missfällt Walliser zwar. Er sieht seinen Einfluss allerdings beschränkt und sagt: «Solange sich der Imam mit seinen Äusserungen nicht strafbar macht, sehen wir keinen Handlungsbedarf.» Walliser verlangt jedoch von den Moscheeverantwortlichen, dass sich diese von fundamentalis­tischen Meinungen distanzieren. Dazu gehört für ihn die Billigung der Steinigung von Ehebrecherinnen.

Moderatere Reden

Belkis Osman besucht hin und wieder die Moschee in Volketswil und die Predigten von Ibram. Sie ist die Vizepräsidentin der Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich, des Dachverbands der Zürcher Moscheevereine. Sie sagt, sie habe den Imam dort als eher ­gemässigt erlebt. Ausserdem sei die Scharia in seinen Reden überhaupt kein Thema. Auch die Steinigung von Ehebrecherinnen habe er gegenüber der islamischen Gemeinschaft nicht erwähnt. In Volketswil spreche er darüber, wie Muslime und Musliminnen in der Schweiz leben, wie sie mit jenen Problemen umgehen können, denen sie hier begegnen. Zudem seien die Gläubigen nicht fixiert auf den Imam. «Sie setzen nicht alles um, was dieser sagt, bilden sich eine eigene Meinung.»

Einen Einfluss auf den verantwortlichen Moscheeverein in Volketswil habe sie nicht, sagt Osman. Und es sei nicht die Aufgabe der Dachorganisation, sich in die Entscheide der Moscheeleitung einzumischen. So oder so sei ihre Organisation dafür zu klein, weder die Struktur noch der entsprechende Auftrag vorhanden. Das wäre anders, sagt sie, wenn der Islam vom Staat als Religionsgemeinschaft anerkannt würde. Das fordert die Dachorganisation der Moscheen. Sie will ebenfalls, dass sich Imame in der Schweiz ausbilden können.

Mit der staatlichen Anerkennung müssten sich die Moscheevereine völlig neu organisieren und in einer ähnlichen Form wie Kirchgemeinden aufstellen. Das würde heissen, dass sie transparenter werden müssten – auch darüber, wie sie sich finanzieren. Sie könnten dafür bei ihren Mitgliedern Steuern erheben.

Erstes Nein des Stimmvolks

Ein erster Anlauf scheiterte 2003. Das Zürcher Stimmvolk sprach sich mit einer grossen Mehrheit gegen die Anerkennung verschiedener Religionsgemeinschaften aus – nicht nur der muslimischen. Damals wehrten sich vor allem Politiker aus SVP und FDP dagegen. Aus den Reihen der CVP stammte das ursprüngliche Begehren, mehrere Religionen staatlich anzuerkennen. Nach der Abstimmung verschwand das Thema.

Doch inzwischen sind sich Politiker von der Mitte bis links einig, dass es wieder diskutiert werden muss. CVP-Kantonsrat Jean-Philippe Pinto, ebenfalls ­Gemeinderat in Volketswil, sagt: «Durch den grossen Zuwachs der Muslime in der Schweiz wird sich der Staat mit dieser Frage wieder auseinandersetzen müssen.» Er bezweifelt allerdings, dass die Anerkennung der richtige Weg ist – und vor allem, dass sie von den meisten Muslimen gewünscht wird. Sie würde nämlich auch bedeuten, dass ihnen plötzlich viele gesetzliche Vorschriften auferlegt würden. Er ist sich nicht sicher, ob die Muslime selbst zum Beispiel finanzielle Transparenz schaffen wollten.

Für SP-Kantonsrätin Céline Widmer drängt sich eine Diskussion um die Anerkennung des Islam immer mehr auf. Sie sitzt mit Pinto in der Kommission für Staat und Gemeinden des Kantonsrats. Widmer sagt: «Wenn der Islam eine staatlich anerkannte Religion wäre, könnte man die gemässigten Kräfte darin stärken.» Es müsse das Ziel sein, den fortschrittlichen Islam mehr zu integrieren.

Kindergarten gefordert

Der Volketswiler Gemeindepräsident Walliser würde sich nie für eine staat­liche Anerkennung des Islam aussprechen. «Ich sehe dafür keinen Grund», sagt er. In seiner Gemeinde duldet er zwar die grösste Moschee des Kantons. Allerdings ist er froh, dass sich dort vorerst kein muslimischer Kindergarten einquartieren darf. Ein Verein wollte im Moscheegebäude entsprechende Räume einrichten. Der Regierungsrat hat das Vorhaben nicht bewilligt, das Verwaltungsgericht ebenso. Zurzeit ist das Begehren vor Bundesgericht hängig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2016, 21:23 Uhr

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