Die Nachtruhe ist wichtiger als die Zeitangabe

Die Kirchenglocken von Wädenswil dürfen nachts nur noch zur vollen Stunde schlagen. Das Urteil des Verwaltungsgerichts könnte wegweisend sein für eine Praxisänderung.

Läuten, ja, aber nicht jede Viertelstunde: Ein Entscheid des Zürcher Verwaltungsgerichts könnte wegweisend sein für das Kirchengeläut im Kanton Zürich.

Läuten, ja, aber nicht jede Viertelstunde: Ein Entscheid des Zürcher Verwaltungsgerichts könnte wegweisend sein für das Kirchengeläut im Kanton Zürich. Bild: TA

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Was ist wertvoller, Nachtruhe oder Tradition? In Wädenswil lautet die Antwort nun: Nachtruhe. Der gestern veröffentlichte Entscheid des Verwaltungsgerichts: Von 22 Uhr bis 7 Uhr dürfen die Kirchenglocken der reformierten Kirche in der Zürcher Seegemeinde künftig nur noch jede volle Stunde schlagen – und nicht mehr wie bisher im Viertelstundentakt.

Dem Gerichtsentscheid vorausgegangenen war die Klage eines Ehepaars, das seit einigen Jahren rund 200 Meter vom Kirchturm entfernt wohnt. Es werde durch den viertelstündlichen Glockenschlag regelmässig aus dem Schlaf gerissen, schrieb es in seiner Klage.

Das Baurekursgericht hatte dem Paar im letzten Dezember schon recht gegeben. Die Stadt Wädenswil und die evangelisch-reformierte Kirche aber legten Beschwerde ein. Ihre Argumentation: Der Glockenschlag habe eine «lange und wertvolle Tradition». Das Ehepaar sei zudem im Wissen um den nächtlichen Glockenschlag in die Gegend rund um die Wädenswiler Kirche gezogen.

Ein öffentliches Interesse

Nun entschied das Verwaltungsgericht aber gegen diese Argumentation. Es gewichtete «das Interesse an mehr Nachtruhe» höher als das Argument der Tradition und auch als jenes der Zeitangabe. Stündliche Glockenschläge täten der Tradition ebenfalls genüge. Zudem geht das Gericht davon aus, dass viertelstündliche Zeitangaben nicht verlässlich sind. Dies, weil sie die Stundenzeit nicht angeben würden.

Für das Ehepaar dagegen würde sich die Situation erheblich verbessern, wenn pro Stunde nur noch einmal statt viermal die Glocken schlügen. Dazu machte das Gericht ein öffentliches Interesse geltend, der Entscheid komme auch dem Rest der Bevölkerung zugute.

Bei gekipptem Fenster verursachte der Glockenschlag im Zimmer des Ehepaars eine Lautstärke von 43 Dezibel, was laut einer neueren ETH-Studie, auf die sich das Gericht bei seinem Entscheid nun zum ersten Mal gestützt hat, für den Bestand der Nachtruhestörung ausreicht. Vorher setzten die Gerichte diese Limite bei 60 Dezibel. Das Verwaltungsgericht geht jetzt davon aus, dass das Baurekursgericht an der neuen Praxis festhalten wird.

Das Urteil könnte wegweisend sein

Das Urteil könnte genau aus diesem Grund wegweisend sein. Die bisherige Rechtsprechung hat die nächtlichen Viertelstundenschläge jeweils geschützt. Nun sei zu prüfen, ob die vorliegende Neubeurteilung auch eine Praxisänderung nach sich ziehe. Ob die Stadt Wädenswil und die Kirchgemeinde den Fall bis vor Bundesgericht weiterziehen werden, konnten die Beschwerdeführer bei gestriger Nachfrage noch nicht sagen.

Für den Sprecher der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, Philippe Dätwyler, ist ein Weiterzug des Falls Wädenswil bis vor Bundesgericht nicht unbedingt ratsam. «Vielleicht wurde im vorliegenden Fall ja ein vernünftiger Kompromiss gefunden, der auch in Gemeinden mit vergleichbarer Ausgangslage Schule machen könnte», sagt er. Die ETH-Studie gebe den Beschwerden der Anwohner zusätzliches Gewicht, zumal sie eine gesundheitsschädigende Wirkung belege. Trotzdem: «Der nächtliche Glockenschlag bedeutet für viele Leute auch Heimat und Identität, das gilt es ebenfalls zu berücksichtigen.» Natürlich seien die lokalen Konflikte, die es um den Glockenschlag vielerorts gebe, unangenehm und aufwendig. Und ein verbindlicheres Urteil des Bundesgerichts wäre da vielleicht hilfreich. Dem aber stünden Aufwand, Zeit und Geld entgegen.

Politische Entscheide

Die Liste der Streits rund um nächtlichen Glockenschlag ist lang: Die Exekutive in Bergdietikon AG etwa hat im Jahr 2015 entschieden, dass die Kirchenglocken nachts nur noch jede Stunde schlagen dürfen und nicht mehr wie zuvor viertelstündlich. In Schlieren schweigen die Kirchenglocken seit diesem Sommer während der ganzen Nacht, auch dieser Entscheid wurde in der Politik und nicht vor Gericht gefällt. Ein gerichtlicher Entscheid liegt dagegen im Fall Gossau vor: 2010 hat das Bundesgericht eine Klage eines Anwohners zurückgewiesen, der sich gegen den nächtlichen Lärm wehrte. Die Argumentation des Gerichts: Es bestehe ein öffentliches Interesse am Glockenschlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 15:35 Uhr

ETH-Studie

Die Wirkung des Glockenschlags

Lange herrschte die Annahme, dass man erst ab einem Glockenschlag von 60 Dezibel und höher aus dem Schlaf erwacht. Eine 2011 veröffentlichte Studie der ETH Zürich zeigt hingegen, dass schon bei einer Lautstärke zwischen 40 und 45 Dezibel eine Schlafstörung auftreten kann. Die Forscher schreiben zudem, dass Menschen, die in einem Abstand von 150 Metern von Kirchen mit Glockengeläut schlafen, mindestens einmal pro Nacht deshalb aufwachen. Im ganzen Kanton Zürich sind davon 25'000 Menschen betroffen.
Simulationsrechnungen der Forscher haben ebenso gezeigt, dass die negative Wirkung der Glockenschläge durch eine Reduktion von 5 oder mehr Dezibel mass­geblich vermindert werden könnte. Möglich wäre auch ein Aussetzen der Zeitschläge zwischen Mitternacht und 7 Uhr. (roc)

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