«Viele fragen, ob das vorübergeht»

Koni Wäch begleitet Drogenkonsumenten an Partys durch ihren Trip. Das heisst: Wenn sie Probleme haben, versucht er, sie in einer ruhigen Umgebung zu stabilisieren.

«Wir setzen uns präventiv für einen bewussten Konsum ein», sagt Tripsitter Koni Wäch. Foto: Nick Wilson (Camera Press, Keystone)

«Wir setzen uns präventiv für einen bewussten Konsum ein», sagt Tripsitter Koni Wäch. Foto: Nick Wilson (Camera Press, Keystone)

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Tripsitting klingt wie Babysitting für Leute auf Drogen. Was muss man sich tatsächlich darunter vorstellen?
Der Begriff stammt aus der Psychonautik-Szene. Er wird unter anderem im Zusammenhang mit schamanischen Zeremonien verwendet, wo Leute Substanzen einnehmen und sich von Schamanen auf ihrem Trip begleiten lassen.

Das klingt sehr esoterisch.
Das ist es auch. Wir verstehen Trip­sitting aber als Intervention. Wir sind mit unserem Stand im Nachtleben unterwegs – entweder alleine oder mit dem Verein Safer Dance Schweiz – und betreuen Personen, die überdosiert haben oder mit ihrem Rausch nicht klar­kommen.

Sind diese denn kein Fall für den Samariterposten?
Die Samariter müssen sich mit akuten medizinischen Notfällen beschäftigen und haben für Personen unter Drogeneinfluss keine Zeit. Bei diesen geht es hauptsächlich um biopsychologische Themen, zum Beispiel, wenn sie an Reizüberflutung leiden und stark verwirrt sind. Es kann aber auch vorkommen, dass jemand überdosiert und deswegen unter Zitteranfällen oder Krämpfen leidet. Wir können die medizinische Hilfe nicht ersetzen, verstehen uns aber als erste Intervention. Wir geben an unserem Stand zum Beispiel auch Früchte, Tee oder Wasser ab.

Das hilft im Drogenrausch?
Flüssigkeit ist deswegen wichtig, weil man bei leistungssteigernden Substanzen oft vergisst zu trinken. Wenn man dann vier, fünf Stunden durchtanzt, ist Dehydration natürlich ein Thema.

Was bezwecken Sie mit  dem ­Tripsitting?
Uns geht es dabei in erster Linie darum, dass es den Leuten psychisch und physisch wieder so gut geht, dass sie die Party weitergeniessen können und künftig nicht mehr in eine solche Situation geraten. Mit unserer Präsenz wollen wir die Partybesucher aber vor allem für Nebenwirkungen von Substanzen sensibilisieren und Botschaften vermitteln. Etwa, dass die Gefahr von Überdosierungen verringert werden kann.

«Die Gefahr eines Horrortrips besteht natürlich immer.»

Sammeln Sie die Leute für das Tripsitting ein?
Es ist unterschiedlich. Manche kommen von sich aus zu unserem Infostand. Mit einem Team sind wir jeweils auf dem Partyareal unterwegs und halten Ausschau nach Leuten, die sich auffällig verhalten. Wenn jemand unter Einfluss von Halluzinogenen ist, aber keinen akuten Bedarf an Betreuung hat, behalten wir ihn einfach im Auge. Wir fragen von Zeit zu Zeit nach, wie es ihm geht. Erst wenn jemand beispielsweise Derealisations­zustände hat, holen wir ihn aus dem Geschehen heraus und bringen ihn in unseren Chill-out-­Bereich.

Wie sieht es dort aus?
Es ist ein abgedunkelter Bereich in unserem Zeltpavillon, wo wir Matten ausgelegt und Tücher aufgehängt haben. Wir versuchen, eine Situation mit möglichst wenig Reizen zu schaffen, damit sich die Leute wieder stabilisieren können. Ein paar von uns sind jeweils dort und passen auf. Es kommen aber auch Leute in unseren Chill-out-Bereich, die eine Weile aus dem Trubel raus möchten. Das Nachtleben ist ja immer auch ein Nährboden für irgendwelche Dramen.

Eine Tripsitterin vom Verein ­Eclipse, der in Deutschland an Partys und Festivals unterwegs ist, hat in einem Interview gesagt, sie habe immer eine Schreib­maschine dabei, um Leute auf einem ­psychedelischen Trip zu ­beschäftigen.
Bei uns kommt jeweils das Standmaterial zum Einsatz. Einmal haben wir zum Beispiel jemanden eine Kabelrolle einrollen lassen. Das hat zwar zehn mal ­länger gedauert als normalerweise, aber es kann hilfreich sein, Leute unter Einfluss von halluzinogenen Substanzen zu beschäftigen.

Warum?
Man muss sich vorstellen, dass sie Halluzinationen und die Realität nicht ganz trennen können. Sie wissen beispielsweise nicht mehr genau, ob es regnet oder nicht. Wenn man eine Person mit einer Aufgabe in die Realität einbindet und sie zum Beispiel ein Kabel aufrollen oder Wasser holen lässt, kann man in einem zweiten Schritt erreichen, dass sie sich wieder auf etwas konzentrieren kann. Hin und wieder lesen wir auch aus einem Buch vor. Manche quasseln uns auch stundenlang den Kopf voll.

Müssen Sie im Chill-out-Zelt auch aufpassen, dass es nicht zu ­sexuellen Übergriffen kommt? Bestimmte Substanzen verstärken ja das Bedürfnis nach Körperkontakt.
Bei MDMA kann das vorkommen. Wir haben diesbezüglich aber noch nie negative Erfahrungen gemacht. Ich kann mich nur an einen einzigen Fall erinnern, als eine junge Frau an unserem Stand begonnen hat, sich selber zu befummeln. Im Gegensatz zu grossen Partys in Deutschland mit teilweise mehreren Zehntausend Besuchern ist unser Chill-out-Bereich auch nicht nach Geschlechtern getrennt. Wir mussten aber auch noch nie mehr als vier, fünf Personen gleichzeitig betreuen.

Wie gehen Sie mit Leuten um, die auf einen Horrortrip geraten?
Als Erstes holen wir sie aus dem Geschehen heraus. Wir versuchen, sie zu beruhigen, ihnen gut zuzureden und ihnen klarzumachen, dass es vor allem an der Substanz liegt, dass es ihnen schlecht geht. Ganz viele fragen uns auch, ob das wieder vorübergeht.

Haben die Leute Angst, dass ihr Trip nicht mehr endet?
Wenn die Leute stärker in Panik geraten und an Angstattacken leiden, müssen wir medizinisches Personal beiziehen. Solche Fälle kommen zwar relativ selten vor. Aber die Gefahr eines Horrortrips besteht natürlich immer, vor allem, wenn man keine Erfahrung mit halluzinogenen Substanzen hat.

Welche Substanzen bereiten die grössten Probleme?
Ganz klar der Mischkonsum, also die Kombination von viel Alkohol und weiteren Substanzen. Dadurch wird die Reaktion unberechenbar und je nachdem auch relativ stark. Manche konsumieren auch Substanzen, deren Wirkungen sich gegenseitig aufheben.

Welche Drogen sind gerade in?
Seit Jahren gibt es die unveränderten Top 6: Alkohol, Cannabis, Amphetamin, Kokain, MDMA und LSD. Ausreisser gibt es meiner Meinung nach hauptsächlich medial. Als die Badesalze aufgekommen sind, hat man zwei Wochen lang in jeder Zeitung Artikel darüber gelesen. Im Nachtleben hingegen treffen wir die so gut wie gar nicht an.

Sie sind vor allem in der Goa- und Technoszene unterwegs. Warum nicht an grossen Openairs wie St. Gallen, Frauenfeld oder Gampel?
Es gibt Ambitionen, an solchen Festivals zum Beispiel das Cannabis-Checking anzubieten. Aber gewisse ­Organisatoren sehen den Nutzen davon nicht. Sie setzen stattdessen lieber Sicherheitsleute ein, um ­Festivalbesucher, die Substanzen konsumieren, von der Party zu verbannen. Das ist aus unserer Sicht aber der falsche Weg.

Wie sieht für Sie denn der «richtige Weg» aus?
Wir setzen uns präventiv für einen bewussten Konsum ein, damit dieser möglichst ohne Schaden abläuft. Man kann den Drogenkonsum gutheissen oder nicht. Tatsache ist, dass er stattfindet.

Erstellt: 12.08.2016, 08:08 Uhr

Koni Wäch

Reiseleiter im Rausch

Koni Wäch ist Präsident des Vereins Eve & Rave, der sich in Freiwilligenarbeit für einen bewussten Umgang mit Drogen einsetzt, unter anderem mit Infoständen, Drogen-Check-Angeboten und Tripsitting an Partys und Festivals. Der Verein Safer Dance Swiss hat mit der Psychedelischen Ambulanz ein vergleichbares Angebot.

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