Wo Zürich am nebligsten ist

Ein Drittel der Oktobertage in Zürich sind neblig. Es werden immer weniger – was nicht nur eine gute Nachricht ist.

Mystischer Augenblick im Flaachtal: In Dorf schien noch die Sonne, doch die in einer flachen Mulde liegende Nachbargemeinde Volken lag unter dichtem Nebel, der von den Thurauen hochgestiegen war. Foto: Doris Fanconi

Mystischer Augenblick im Flaachtal: In Dorf schien noch die Sonne, doch die in einer flachen Mulde liegende Nachbargemeinde Volken lag unter dichtem Nebel, der von den Thurauen hochgestiegen war. Foto: Doris Fanconi

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Dieser Bericht könnte zuweilen ins Melancholische, ja gar ins leicht Depressive abrutschen. Oder dann schwärmerisch werden. Das liegt am Thema. Es geht um den Nebel.

In Dorf, einer Gemeinde im Zürcher Weinland, war es noch ein strahlend schöner Herbstmorgen. Das Bild, das sich am Dorfausgang zeigt, ist umso überraschender. In Volken, der Nachbargemeinde, hat sich eine Wolke schlafen gelegt. Nur ein paar Bäume ragen daraus heraus und beim genaueren Hinschauen ­einige Strommasten. Die kleinste Gemeinde des Kantons wurde vom Himmel verschluckt.

Ganz ruhig zieht der erste Nebel übers Flaachtal. Foto: Doris Fanconi

«Meist bleibt der Nebel im Tal unten über der Thur liegen», sagt eine Volkemerin. «Dann sehen wir vom Hoger aus wunderschön aufs Nebelmeer.» Doch wenn der Nebel einmal hochsteigt, macht er zuweilen in Volken Halt, denn das Dorf liegt in einer flachen Geländemulde des Flaachtals. In einer sehr flachen Geländemulde, doch das reicht. Denn die kalte Luftschicht, welche den Bodennebel bildet, ist dichter als die darüberliegende wärmere Luft und setzt sich ab.

Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz, hätte dieses Bild nicht überrascht, denn es entspricht dem, was im Lehrbuch steht. Im Oktober beginnt die hohe Zeit des Bodennebels: «Grosse Wasserflächen wie Seen und Flüsse fördern die Nebel­bildung vor allem zu Beginn der Nebelsaison im Herbst», sagt er. «Aus dem noch warmen Wasser vermag noch viel Wasserdampf in die darüberliegende kühle Luft zu verdunsten, was deren Sättigung beschleunigt.»

Glatt- und Limmattal grau

Bei der Nebelhäufigkeit innerhalb des Kantons gebe es grosse Unterschiede: «Im Zürcher Oberland und im oberen Tösstal ist es oft sonnig, da die kalte Luft abfliesst. Im Weinland, im Glatt- und im Limmattal ist es grau und neblig, weil sich hier die kalte Luft sammelt.»

Messungen am Standort Zürich-Kloten zeigen, dass im Oktober im Schnitt an jedem dritten Tag mit Nebel zu rechnen ist. Wie Bader ausführt, gilt als Nebel, wenn die Sicht weniger als einen Kilometer weit reicht, wobei es drei Beobachtungstermine gibt: Morgen, Mittag, Abend. «Ein Tag, an dem sich der Nebel am ­frühen Vormittag auflöst und dann herrlicher Sonnenschein herrscht, geht ebenfalls als Nebeltag in die Statistik ein.»

Der Nebel löst sich langsam wieder auf. Foto: Doris Fanconi

Genau das ist eben geschehen: Erst begann die Wolke über Volken nur leicht zu schimmern. Die Sonnenstrahlen haben sich in den Wassertröpfchen verfangen. Dann ist es, als ob jemand an ein beschlagenes Fenster gehaucht hätte. Der Dunst ist einfach weg. Es bleibt Tau in den Haaren, es ist schlagartig wärmer, und das Herz geht einem auf. «Das ist das Wetter, das wir uns hier gewohnt sind», sagt die Volkemerin lakonisch. Das war vergangene Woche.

Diese Woche in der Stadt Zürich. Erst am Nachmittag löst sich die zähe Wolkendecke an einigen Orten auf und erinnert uns daran, wie farbig der Herbst ist. Je näher der November rückt, desto mehr nehmen die grauen, deprimierenden Tage zu. Der Einfluss der Flüsse hat nun abgenommen, das Wasser ist abgekühlt.

Bader erklärt, wie es zum Hochnebel kommt: «Die kalte Luft wird von Nordosten her in die ‹Badewanne› Mittelland unter die leichtere, warme Luft geblasen und bleibt dort liegen. Dabei bildet sich eine graue, eintönige Schichtwolke, unter der es kalt und trüb ist.» Das geschehe vor allem im Winter bei Bisenlagen. Diese Inversionslagen drücken nicht nur aufs Gemüt, sie sind auch ungesund: In der ruhenden Nebelluft sammeln sich Abgase aus Industrie, Verkehr und Heizungen. Hochnebel kann laut Bader aber auch entstehen, wenn sich nach kalten, klaren Nächten Bodennebel bildet und allmählich angehoben wird.

Detaillierte Daten fehlen

Nebellagen prägen im Schweizer Mittelland das Winterhalbjahr. Zürich ist zusätzlich von zwei ­extremen Nebelgebieten flankiert. Allerdings fehlt es an detaillierten Daten – «obwohl diese aus meteorologischer Sicht sehr interessant wären», sagt Stephan Bader. «Es geht dabei um die Grenze des Machbaren, das heisst, um die Grenzen der verfügbaren Geldmittel.» Konkret: Um regional mehr über den Nebel zu erfahren, müssten viele automatische Messstationen eingerichtet werden.

Eine automatische Nebelbeobachtungsstation kostet aber zwischen 50'000 und 100'000 Franken, dazu kommen die hohen Betriebskosten für die empfindlichen optischen Instrumente. «Das ist nur für die grossen Flughäfen ­finanzierbar.» Die einzige Messstation im Kanton Zürich liegt dementsprechend in Kloten.

Der Blick aus dem Fenster zeigt: Die Mittagszeit ist vorbei, es ist noch immer eine trübe Suppe draussen. Zeit für eine gute Nachricht: Die Nebeltage haben in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen. Und zwar markant. In den Jahren 1971 bis 1980 registrierte die Messstation in Kloten im Schnitt 78 Nebel­tage pro Jahr. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren es ­lediglich noch knapp 47. Für die Jahre 2011 bis 2018 stehen wir derzeit bei einem Schnitt von 52. Das ist ein starker Trend, der sich auch an anderen Stationen zeigt. Erfreulich und beunruhigend zugleich. Weshalb das so ist, darüber streitet sich die Fachwelt.

Die Fachwelt rätselt

Bader mutmasst, dass sich vermehrt Wetterlagen einstellen, in denen sich eher kein Nebel bildet. «Das müsste aber im grösseren Umfang analysiert werden.» Andere führen an, dass die stark fortschreitende Besiedlung dafür verantwortlich sei. In urbanen Gegenden gibt es weniger feuchte Böden und weniger Pflanzen und dadurch trockenere Luft. Allerdings verdunsten in den letzten Jahrzehnten die Nebeltage auch in Gegenden, die bereits seit den 70er-Jahren stark besiedelt sind.

Eine Erklärung bietet auch die Klimaerwärmung: Die Luft kühlt in der Nacht weniger ab, der Boden ist wärmer. Daher stellt sich das Temperaturgefälle, das zu Nebel führt, seltener ein. Fazit: Geniessen wir den Nebel, solange es ihn noch gibt.

Erstellt: 24.10.2019, 06:16 Uhr

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Wie Nebel entsteht

Luft kann nur eine begrenzte Menge an Wasserdampf aufnehmen, warme Luft mehr als kalte Luft. Wird also warme Luft so stark abgekühlt, dass sie die Sättigungsgrenze überschreitet, kondensiert das gasförmige Wasser zu Tröpfchen, die Luftschicht wird als Nebel sichtbar. Umgekehrt: Wird kalte Luft erwärmt, kann sie mehr Wasser aufnehmen, der Nebel löst sich auf. (net)

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