Vom Kuhhirten zum Ehrendoktor

Kaum einer kannte das Zürcher Oberland so gut wie Jakob Zollinger. Eine Biografie zeigt unbekannte Facetten des unermüdlichen Gelehrten alter Schule.

Jakob Zollinger im Jahr 2003 beim Studium von Akten in seinem Arbeitszimmer. Foto: PD

Jakob Zollinger im Jahr 2003 beim Studium von Akten in seinem Arbeitszimmer. Foto: PD

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Ein paarmal musste Heinz Girsch­weiler leer schlucken bei dem, was er zu hören bekam. Ein paarmal einen Satz nochmals ­lesen vor Erstaunen. Der ehemalige Tagi-Journalist hatte sich, frisch pensioniert, daran gemacht, eine Biografie über seinen hochverehrten Lehrer Jakob Zollinger zu schreiben. Der einst im gleichen Doppelhaus aufgewachsen war wie er und bis zu dessen Tod im März 2010 sein Freund blieb. Und er lernte einen neuen Menschen kennen. Oder wenigstens einige ihm bisher völlig unbekannte Seiten an ihm.

Jakob Zollinger war nicht ­irgendein Dorflehrer. Wobei – ­Jakob nannte ihn keiner. Ausser Personen wie Uni-Rektor Hans Weder, als er Jakob Zollinger 2003 in der Aula den Ehrendoktor für sein Lebenswerk verlieh. Kaum einer kannte das Zürcher Oberland so gut wie der in Hersch­mettlen lebende Kobi Zollinger.

«Grabe, wo du stehst»

Das Motto «Grabe, wo du stehst», das in den späten 1970er-Jahren in den Geschichtswissenschaften aufkam und die Lokalgeschichte salonfähig machte, hatte er bereits als Bub verinnerlicht. 1938 gibt er als siebenjähriger Bub die erste «Herschmettler Heimat-Zeitung» heraus. Eine Illustrierte sollte es sein, wie die von Ringier, die er etwas später verteilte, um ein paar Franken Sackgeld zu verdienen.

In einem winzigen, selbst gebastelten Heftchen schreibt und zeichnet er fortan, was ihn in seiner Umgebung interessiert. Sein Verlag hiess Tierfang, er hatte fünf Abonnenten im Dorf, die sich das Heftchen jeweils weiterreichten. Auch die Inserate für Schokolade und Waschmittel zeichnet Kobi selbst, und zu­weilen trifft man, wie es sich für eine Illustrierte gehört, auch auf ­Royals und deren Geschichte. Die «Herschmettler Heimat-Zeitung» wird erst 1945 eingestellt, als Kobi die Sekundarschule in Gossau besucht.

Skizze der Herschmettler Wasserversorgung aus dem Jahr 1901. Foto: PD

Heinz Girschweiler führt durch das Ortsmuseum in Unterottikon, das in dem prächtigen 400-jährigen Dürstelerhaus untergebracht ist. Dort wird derzeit gerade, begleitend zu der Buchvernissage, eine Ausstellung zu Zollinger vorbereitet. Fünfzehn Laufmeter Schriften umfasst der Nachlass Zollingers. Dazu kommen mehrere Tausend Bilder und unzählige Artikel, die er als Korrespondent für den «Zürcher Oberländer» geschrieben hat.

Über die Region hinaus bekannt in der interessierten Fachwelt machten ihn vor allem seine Arbeiten zur Zürcher Bauernhausforschung, die auch bei der Verleihung des Ehrendoktorats hervorgehoben wurde. Den Anfang machten die typischen Zürcher Oberländer Flarze der Kleinbauern. Er selbst war in einem solchen geduckten Doppelhaus aufgewachsen. Seine Interessen gingen aber weit darüber hinaus, sein Wissen in den jeweiligen Gebieten war profund. Zollinger erinnert an die Universalgelehrten alter Schule.

Maler und Gipfelstürmer

Das Dürstelerhaus würde nicht mehr stehen, hätte sich Zollinger einst nicht vehement gegen den Abbruch gewehrt. Es sollte nicht das einzige Haus sein, das noch steht, weil Zollinger seinen historischen Wert rechtzeitig erkannte.

Zum Heimatschutz gehörte aber auch der Naturschutz, der ihm ein ureigenes Anliegen war. «Dabei konnte er durchaus laut werden und starrsinnig auf seiner Meinung beharren», sagt sein Biograf, auch aus eigener Erfahrung. Politisch wäre er wohl am ehesten als wertkonservativer Grüner einzuschätzen. All diese Facetten kannte Heinz Girsch­weiler an Kobi Zollinger.

Während seiner über siebzig Gespräche, die er für das eben erschienene Buch führte, erlebte er aber auch Überraschungen. Sein lebenslanger Mentor, der ihm die Bergwelt nahegebracht hatte, sein Lehrer, dessen kunstvolle Wandtafelbilder er heute noch vor Augen hat – die Schlacht am Morgarten, eine Riedlandschaft –, zeigte gegenüber leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern wenig Verständnis oder Milde.

Zollinger zeigte gegenüber leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern wenig Verständnis oder Milde.

«Es hat mich erschüttert, das zu hören», sagt Girschweiler. «Nicht nur, weil es nicht meinem Bild von ihm entsprach, sondern vor allem, weil ich das selber damals offenbar nicht realisiert oder mittlerweile verdrängt habe.» Unbestritten ist aber, dass Zollingers Liebe zur unmittel­baren Heimat und Natur bei fast allen seinen Schülerinnen und Schülern positive Spuren hinterlassen hat.

Wir sitzen auf dem Gerbel, einem dieser runden Drumlins, die die Landschaft hier prägen. Zollingers Hausberg. Hier hat er als Bub tagelang die paar Kühe seines Vaters gehütet. Es ist der höchste Punkt im Glatttal und von hier aus soll man siebzehn Kirchtürme sehen, hielt einst Zollinger fest. Im nahen einstigen Gossauerried zählte er an die achtzig Vogelarten. Wahrscheinlich gründet darin seine tiefe Verbundenheit mit der Natur und dieser Umgebung.

Vor uns erstreckt sich eine Bergkette vom Pilatus bis zum Säntis. Jeden Gipfel kannte er, ­jeden erstieg er im Laufe seines Lebens, seine Schüler fragte er regelmässig dazu ab. Girsch­weiler hatte offenbar aufgepasst: «Das ist der Drusberg, der Klotz dort hinten der Bös Fulen, weiter links der Speer.» Auch er hat viele von ihnen schon erwandert. Es erklärt sich fast von selbst, dass das Panorama auf der ­Informationstafel, die die Gemeinde hier aufgestellt hat, einst von Kobi Zollinger gezeichnet wurde. Girschweiler hat einen Druck davon mitgebracht und breitet ihn aus: Er ist 3,5 Meter lang.

Selbstzweifel plagten ihn

Zollinger hat fast sein ganzes Leben lang Tagebuch geführt. Darin finden Schule und Politik, Weltgeschehen, ja sogar die Familie, die ihm sehr nahe war, erstaunlich wenig Erwähnung. Dafür schrieb er immer wieder über Stimmungsschwankungen und Selbstzweifel, die ihm schwer zu schaffen machten, er aber gänzlich für sich behielt. Er sprach selbst mit seiner Frau kaum darüber. Nur in der Natur fand er jeweils wieder zur inneren Ruhe zurück.

Heinz Girschweiler gelingt es mit seinem Buch, dem grossen und unermüdlichen Erkunder des Zürcher Oberlands ein Denkmal zu setzen und gleichzeitig den Menschen dahinter ahnbar zu machen. Der eben nicht allen Ansprüchen genügen konnte – auch den eigenen nicht.

Heinz Girschweiler: Jakob Zollinger. Vom Flarzbueb zum Ehrendoktor. Verlag Hier und Jetzt, 39 Fr. Vernissage am 14. September. Ausstellung im Dürstelerhaus Ottikon (Gossau): 15. September bis 29. Dezember, geöffnet jeweils So, 13 bis 17 Uhr. Verschiedene Begleitveranstaltungen: www.duerstelerhaus.ch

Erstellt: 09.09.2019, 20:02 Uhr

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